»Stranded at Schwimmen-zwei-Vögel« – Filmreihe kuratiert von Yuki Higashino

Infos

Filmreihe im mumok

Museumsplatz 1, A-1070 Wien

Im ersten Absatz seines wunderbar wahnsinnigen Meisterwerks Auf Schwimmen-zwei-Vögel schreibt Flann O’Brien: „Ein Anfang und ein Ende pro Buch waren etwas, das mir nicht behagte. Ein gutes Buch kann drei völlig verschiedene Anfänge haben, die nur im vorausschauenden Wissen ihres Verfassers zusammenhängen, und mindestens hundertmal so viele Schlüsse.“ Dieser Logik folgend, wird die von Yuki Higashino kuratierte Filmreihe Stranded at Schwimmen-zwei-Vögel an vier Abenden vier Themen präsentieren, wobei jeder Abend unabhängig von den anderen sein wird. Alle sind eigenständig und in sich abgeschlossen. Allerdings wird ihre Verschiedenheit nicht lange bestehen bleiben, da sie sich notwendigerweise denselben Raum teilen. Sie werden also miteinander interagieren und sich ineinander auflösen. Tiere in der Architektur und Politik in Reimen.

Yuki Higashino lebt in Wien. Er hat vor kurzem in Le BBB centre d’art, Toulouse ausgestellt, weiters in der Schneiderei, Wien (2016) sowie bei Mount Analogue, Stockholm und Skånes konstförening, Malmö (2014, jeweils mit Elisabeth Kihlström). Im November 2016 wird er eine gemeinsame Ausstellung mit Elisabeth Kihlström in der Gallery G99, House of Arts, Brno, präsentieren.

Each Aspect of Life Is a Thing of Triad

Mittwoch, 5. Oktober 2016, 19 Uhr

Politik und Wirtschaft regieren unser Leben; beide Systeme und Strukturen werden in der Kunst beständig reflektiert, entweder direkt, wie in den religiösen Darstellungen von Mäzenen, oder indirekt, wie in der historischen Konzeptkunst mit seiner Übernahme einer White-Collar-Arbeitsästhetik. Künstler_innen können sich des jeweiligen Systems, innerhalb dessen sie arbeiten müssen, zu ihrem Vorteil bedienen und daraus eine eigene Produktionslogik entwickeln, die als intelligenter Gegenentwurf zu politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten funktioniert. Als Material mag Zeitgenössisches dienen, wie etwa in Martha Roslers sezierender Analyse einer Ausgabe der Vogue, oder Historisches, wie in der Auseinandersetzung mit dem Thatcherismus, die der Komiker Stewart Lee unternimmt. Am Ende stehen bestenfalls eine aufschlussreiche Weltsicht und eine Strategie, mit Welt und Leben zurechtzukommen, oder die simple Befriedigung, dem oft traurigen Zustand der Gesellschaft etwas abgerungen zu haben, nämlich Kunst. Die beiden an diesem Abend präsentierten Arbeiten von Michael Stevenson erinnern an Tapisserien: Fäden in unterschiedlichsten Farben werden in einem komplexen Prozess miteinander verknüpft und ergeben so ein Bild, in dem die verworrenen Verbindungen von Menschen, Orten und Ereignissen mit erstaunlicher Präzision verwoben sind.

Programm

Thirteen Black Cats, 1/56, 2015, 4 min

Stewart Lee, Jungle Canyon Rope Bridges Routine, aus: Carpet Remnant World, 2012, 15 min

Martha Rosler, Martha Rosler Reads “Vogue”, 1983, 26 min

Michael Stevenson, Introducción a la teoría de la probabilidad, 2008, 26 min

Michael Stevenson, On How Things Behave, 2010, 16 min

Vorgestellt von Yuki Higashino, Gast: Michael Stevenson

Michael Stevenson lebt in Berlin. Ausstellungen (Auswahl): VIEWING ROOM, Sculpture Center, New York (2015); Signs & Wonders, Kunsthal Charlottenborg, Kopenhagen (2015); Liverpool Biennial (2014); A Life of Crudity, Vulgarity, and Blindness, Portikus, Frankfurt/M. (2012).

They Call It Verse-Speaking

Mittwoch, 16. November 2016, 19 Uhr

Sprache ist musikalisch, und Musik ist eine Sprache. Dieses simple Diktum hat Dichter_innen und Komponist_innen von jeher inspiriert, aber ebenso bildende Künstler_innen, besonders seit der Faktor Zeit über Film, Performance und Text in die Kunst eingeführt wurde. Künstler_innen reizen die Grenzen von Worten aus, hinterfragen Sprechstrukturen, schreiben Lieder und erzählen Geschichten. Und gleichzeitig mit der Sprache als künstlerischer Spielwiese wurden die eigenen Körper ein wichtiges Ausdrucksmedium. Ob in Form von zartem Gesang oder gewagten Gedichten – Worte haben der Figur des /der Künstlers / Künstlerin beachtliche Möglichkeiten vermittelnder Qualität beschert. In Leslie Thorntons Arbeit zum Beispiel kollidiert der asketische Ansatz strukturalistischen Filmemachens mit der Intimität von Sprache, während Cecelia Condits absurde Singalongs (Lieder zum Mitsingen) einen makabren Kommentar zu unserer Konsumkultur liefern. Sue Tompkins’ Sprechkunst beruht zum Teil auf der musikalischen Erfahrung der Künstlerin und macht durch ihr einzigartiges Tempo, ihre idiosynkratische Syntax und präzise gesetzten Wiederholungen sowie ihren charakteristischen Tonfall deutlich, wie sehr Tompkins’ künstlerische und poetische Praxis musikalisch geprägt ist.

Programm

Cecelia Condit, Possibly in Michigan, 1983, 12 min

Leslie Thornton, X-TRACTS, 1975, 9 min

Imogen Stidworthy, Barrabackslarrabang, 2009–2010, 10 min

Stephen Prina, Vinyl II, 2000, 22 min

Sue Tompkins, Performance, 2016

Vorgestellt von Yuki Higashino, Gast: Sue Tompkins

Sue Tompkins lebt in Glasgow. Ausstellungen (Auswahl): The Gallery of Modern Art, Glasgow, Glasgow International (2014); Its chiming in Normaltown, Midway Contemporary Art, Minneapolis (2012). Performances (Auswahl): LETHERIN THROUGH THE GRILLE, White Columns, New York (2014); Schottischer Pavillon, Venedig-Biennale (2005).

Outwardly a Rectangular Plain Building,

Inside Is Composed of Large Black and White Squares

Mittwoch, 14. Dezember 2016, 19 Uhr

Aufgrund ihrer Eigenschaften, unser Leben zu umgeben, Zeit zu dokumentieren und selbst zu einem Bild zu werden, sowie ihrer Bemühungen, verschiedene Disziplinen zu verschmelzen, hat die Architektur bei Künstler_innen stets Faszination und Verblüffung hervorgerufen. In der Arbeit von Judith Hopf ist Architektur der Ort schierer Verzweiflung, wohingegen Aglaia Konrad sich liebevoll und ruhig einem Gebäude widmet. Geschichte, Theorie und Sprache der Architektur – sowie die Notationen ihrer erstarrten Musik – dienen als ergiebige Quellen und nützliche Modelle für die Produktion von Kunst. Womit sich Architektur über das einzelne Gebäude hinausgehend beschäftigt, ist auch für bildende Künstler_innen von Belang: rurale, urbane und klangliche Landschaften, Synchronizität und Diachronie, Lifestyle und Stilfragen, Flanieren im philosophischen Sinn sowie Dauerhaftigkeit. Die überaus facettenreichen Arbeiten von Tris Vonna-Michell lassen unzählige Lesarten zu. An diesem Abend wird der Fokus auf der Beziehung des Künstlers zu Architektur liegen: die Art und Weise, wie seine sprach- und fotografiebasierte Praxis architektonischen und urbanen Raum erfüllt.

Programm

Aglaia Konrad, Concrete & Samples II Blockhaus, 2009, 10 min

Florian Pumhösl, Programm, 2006, 8 min

Knowles Eddy Knowles, Agora, 2015, 11 min

Yuki Higashino, Poundbury Horror, 2013–2016, 21 min

Judith Hopf, Some End of Things: The Conception of Youth, 2011, 4 min

Tris Vonna-Michell, A Watermark: Capitol Complex, 2016, 7 min

Tris Vonna-Michell, Postscript III-V (Berlin), 2013, 9 min

Tris Vonna-Michell, Wasteful Illuminations (working title / work in progress)

Vorgestellt von Yuki Higashino, Gast: Tris Vonna-Michell

Tris Vonna-Michell lebt in Stockholm. Ausstellungen (Auswahl): Presentation House Gallery, Vancouver (2015); A story within a story, 8. Internationale Göteborg-Biennale für zeitgenössische Kunst (2015); VOX, Centre de l’image contemporaine, Montreal (2014); Turner Prize 2014, Tate Britain, London (2014).

A Curious Offspring Azoic in Nature

Mittwoch, 18. Januar 2017, 19 Uhr

Wollte man den Erfolg einer philosophischen Idee an ihrer Verankerung im allgemeinen Bewusstsein messen, wäre Marx’ Konzept des Warenfetischismus ein heißer Kandidat für den ersten Platz. Die Idee, dass Waren sich verhalten können, als besäßen sie ein eigenes Leben, oder dass sie uns dazu bringen, uns so zu verhalten, als hätten sie eines, ist in unserer Gedankenwelt so verwurzelt, dass sie schon beinahe zu einem Gemeinplatz geworden ist. Viele Aspekte unseres Alltagslebens und unserer Kultur werden so verständlich, vom Sammeln von alten Autos über HAL 9000 aus Kubricks2001: Odyssee im Weltraum bis hin zu dem „Uncanny Valley“-Problem hochentwickelter Roboter und digitaler Animation. In Arbeiten von Michael Eddy oder Elizabeth Price etwa werden kapitalistische Symbole wie Kreditkarten (Eddy) oder Luxusautos (Price) als beseelt präsentiert. Was wäre, wenn ein ökonomisches System – und damit der Austausch von Gütern und Kapital – einem Ökosystem ähneln würden? Für Künstler_innen bedeutet das eine Verwischung der Trennung von Lebensreflexion und Imitation artifizieller Systeme. Als empfindungsfähige Artefakte scheinen die digitalen Wesen in Ann Lislegaards Arbeiten unsere Welt bereits verlassen zu haben und ihr eigenes Universum zu bewohnen, einen fiktionalen Raum aus diversen Science-Fiction-Welten.

Programm

Jean Painlevé, La Pieuvre, 1927, 12 min

Elizabeth Price, West Hinder, 2012, 22 min

Michael Eddy, Infinite Cruelty, for nothing, 2016, 33 min

Ann Lislegaard, Time Machine, 2011, 13 min

Ann Lislegaard, Oracles, Owls… Some Animals Never Sleep, 2012–2014, 10 min

Ann Lislegaard, Dobaded Dobaded, 2014–2015, 5 min

Ann Lislegaard, Spinning and Weaving Ada, 2016, 3 min

Vorgestellt von Yuki Higashino, Gast: Ann Lislegaard

Ann Lislegaard lebt in New York und Kopenhagen. Ausstellungen (Auswahl): Paraspace, Tel Aviv Museum (2015); What if, MOCAD – Museum of Contemporary Art Detroit (2009); Science Fiction and Other Worlds, Astrup Fearnely Museum of Modern Art, Oslo (2007); Dänischer Pavillon, 51. Venedig-Biennale (2005).