Presseinformationen

Camera Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie der Stadt Graz 2013
Joachim Koester

Infos

Preisverleihung

23.8.2013, 18:00
Ausstellungsraum Camera Austria

Laudatio: Catherine David

Übergabe des Preises durch Kulturstadträtin Lisa Rücker

Der Camera Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie der Stadt Graz ist mit € 14.500,– dotiert und wird seit 1989 alle zwei Jahre an eine Künstlerin oder einen Künstler vergeben, die bzw. der einen monografischen Beitrag in der Zeitschrift Camera Austria International veröffentlicht hat.

Jury
Sandra Križić Roban, Herausgeberin Život umjetnosti, Zagreb
Florian Ebner, Leiter der fotografischen Sammlung am Museum Folkwang, Essen
Martin Beck, Künstler, Wien und New York
Reinhard Braun, Herausgeber Camera Austria International

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Pressetext

»But in all my works there is a tension between the apparent narrative, which the viewer immediately sees, and what remains invisible or illegible«, sagt Joachim Koester in einem Gespräch mit Anders Kreuger im Jahr 2005. Es ist das, was die Bilder umgibt, das ihn interessiert. Die Serie »The Secret Garden of Sleep« beispielsweise, die aus SW-Abbildungen von Cannabis-Pflanzen, einem Text und Doppelseiten aus der Zeitschrift High Times besteht, dreht sich um eine Art unsichtbaren Index von Dingen: Als Ronald Reagan amerikanischer Präsident wurde, nahm er die liberale Drogengesetzgebung seines Vorgängers Jimmy Carter zurück, sodass jemand für den Anbau von Cannabis zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt werden konnte. Cannabis war in den konservativen 1980er Jahren zu einem Symbol der gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er Jahre geworden, die Reagan bereits als Gouverneur von Kalifornien durch exzessive Polizeieinsätze zu unterbinden suchte. Da es also nahezu unmöglich wurde, Cannabis im Freien anzubauen, begannen Hobby-Botaniker mit der Pflanze zu experimentieren, um sie für den Anbau in Innenräumen zu optimieren. Die restriktive Politik Reagans hat sozusagen zu einer genetischen Revolution der Cannabis-Pflanze durch Amateure geführt, basierend auf der Bedeutung der Pflanze für die gegenkulturelle Populärkultur Amerikas seit den 1960er Jahren.
Wie Joachim Koester in einem Interview anlässlich der 2012 von Catherine David kuratierten Ausstellung »A Blind Spot« sagt, ist es diese Art unsichtbarer Index, »how things are connected in ways that are not quite apparent«, der ihn interessiert; Die Tatsache, dass die Bedeutung der Fotografie nur in einem Kontext erzeugt werden kann. »Eine Bedeutungslosigkeit umgibt sie, die nur durch das Hinzufügen eines Textes ausgefüllt werden kann«, wie Rosalind Krauss schreibt.
Joachim Koester bewegt sich damit in einem Feld der kritischen Bearbeitung des Dokumentarischen, wie es mit der Geschichte der Moderne verknüpft ist: »The Secret Garden of Sleep« bezieht sich auch auf die Obsession der Moderne am Realen – während in der Moderne Pflanzenaufnahmen vor allem zu Zwecken der Beschreibung und Klassifizierung oder aber für die Behauptung einer immanenten Schönheit der Natur hergestellt wurden, drehen sich die Aufnahmen der Cannabis-Pflanzen bei Joachim Koester weder um Ästhetik noch Klassifizierung, sondern vor allem um den (politischen) Diskurs, der diesen Pflanzen sozusagen eingeschrieben ist.

Bereits 2006 und 2009 nahm Joachim Koester an einem zweiteiligen Ausstellungsprojekt von Camera Austria teil: »First the artist defines meaning«, »Then the work takes place«. Die beiden Ausstellungen untersuchten dieses Verhältnis von Konzept und Sichtbarkeit, von Wissen, Geschichte und Bild. In der Ausstellung »Then the work takes place« zeigte Joachim Koester die Serie »The Morning of the Magician« aus dem Jahr 2005, die sich auf eine von Aleister Crowley 1920 in Cefalù auf Sizilien gegründete Kommune bezieht. »1923 auf Anweisung Mussolinis geschlossen, war die Abtei Thelema über 30 Jahre lang verlassen, ehe sie vom Filmemacher Kenneth Anger wiederentdeckt wurde. Mit Unterstützung des Sexualforschers Alfred Kinsey legte er die ursprünglichen Wandgemälde frei, die an die tantrischen Praktiken, die Sexualriten und den Drogengebrauch der Crowley-Gruppe erinnerten.« (Hal Foster) Crowley’s System war eine Technologie des Selbst, aber von den Rändern der offiziellen Kultur her. Sein Vermächtnis ist das des »großen Transgressors«. Er überschritt die Grenzen der viktorianischen Moral in einer Art Tour de Force der Ausschweifung. Diese Seite seines Schaffens steht in direkter Verbindung zu Teilen der späteren Gegenkultur.
Von den Gebäuden sind nur mehr Ruinen erhalten, eine Metapher für die gescheiterte Utopie. Da es also eigentlich nichts zu sehen gibt als Mauerwerk, überwucherte Wege und den Blick auf die Stadt Cefalù ist die Dokumentation voller Leerstellen, angedeuteter Kontexte und fehlendem Wissen.
Insofern führt Joachim Koester auch in dieser Serie das fotografische Bild an die Grenzen der Dokumentation, dadurch aber auch in den Bereich einer Verschiebung zwischen Wahrnehmung, Geschichte, Wissen, Politik und Bild. Damit interveniert der Künstler mit unspektakulären, aber präzisen Bildern und Anordnungen von Bildserien in die wohlgeordnete Aufteilung unserer sinnlichen Erfahrung und ihrer Identifizierung des Sichtbaren anhand dessen, was zu sehen ist. Da es bei Joachim Koester aber vor allem darum geht, was nicht zu sehen ist (oder nicht gesehen werden kann oder nicht gesehen werden darf), bringt er die sinnliche Erfahrung und das Gefüge der dokumentarischen Bilder ins Wanken. Im Anschluss daran wäre nichts weniger zu unternehmen, als eine Neuanordnung von Bild, Wissen, Erfahrung, Geschichte und Bedeutung voranzutreiben.

Joachim Koester hat an zwei Ausstellungsprojekten von Camera Austria teilgenommen: »First the artist defines meaning«, 2006, und »Then the work takes place«, 2009. Seine Arbeit wurde in Camera Austria International 66/1999 publiziert.

Bildmaterial

Die honorarfreie Veröffentlichung ist nur in Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Ausstellung und die Publikation gestattet. Wir ersuchen Sie die Fotografien vollständig und nicht in Ausschnitten wiederzugeben. Bildtitel als Download unter dem entsprechenden Link.

  • Joachim Koester, Time of the Hashshashin #2, 2010. Installation: Charlottenborg, Copenhagen, 2012. Photo: Anders Sune Berg.
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  • Joachim Koester, Time of the Hashshashin # 1, 2009. Installation: Institut D'art Contemporain, Villeurbanne, France, 2011. Photo: Blaise Adilon.
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  • Joachim Koester, Time of the Hashshashin # 4, 2009. Gelatin print, 141,5 x 107,5 cm. Courtesy: Galleri Nicolai Wallner.
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  • Joachim Koester, Time of the Hashshashin # 6, 2009. Gelatin print, 77 x 58,7 cm. Courtesy: Galleri Nicolai Wallner.
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  • Joachim Koester, Some Boarded Up Houses (Brooklyn-Baltimore) (01), 2009. Silver gelatin print, 48 x 38 cm. Courtesy: Galleri Nicolai Wallner.
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  • Joachim Koester, Some Boarded Up Houses (Brooklyn-Baltimore) (06), 2009. Silver gelatin print, 48 x 38 cm. Courtesy: Galleri Nicolai Wallner.
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  • Joachim Koester, From the Secret Garden of Sleep #6, 2008.
    Courtesy: Galleri Nicolai Wallner.
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  • Joachim Koester, Message from Andrée, 2005. 16 mm film installation 16 mm schwarz/weiß / B/W film, 3.4 min. Loop + 2 inkjet posters (136 x 99) und / and text. Installation: The Venice Biennale 2005.
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  • Joachim Koester, Message from Andrée, 2005. 16 mm film installation 16 mm schwarz/weiß / B/W film, 3.4 min. Loop + 2 inkjet posters (136 x 99) und / and text. Installation:The Venice Biennale 2005.
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  • Joachim Koester, The Abbey of Thelema #4 (aus / from: Morning of the Magicians), 2005. Silver gelatin print, 47,5 x 60,3 cm. Courtesy: Galleri Nicolai Wallner.
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  • Joachim Koester, Bernd & Hilla Becher, St. Niclas Coal Breaker, 2003-5. Diptychon / Diptych, silver gelatin prints, je / each 17,7 x 21,2 cm. Courtesy: Galleri Nicolai Wallner.
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  • Joachim Koester, Bernd & Hilla Becher, St. Niclas Coal Breaker, 2003-5. Diptychon / Diptych, silver gelatin prints, je / each 17,7 x 21,2 cm. Courtesy: Galleri Nicolai Wallner.
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