Camera Austria International

117 | 2012

What Can Art Do For Real Politics?
Gastredakteure / Guest-editors: Artur Żmijewski, Joanna Warsza

Preis

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  • JOANNA WARSZA, ARTUR ZMIJEWSKI
    What Can Art Do For Real Politics? Editorial
  • JOANNA WARSZA, NOAH FISCHER, FLORIAN MALZACHER
    Besetzt ein Museum in eurer Nähe!
  • OCCUPY MUSEUMS
  • MIGUEL ROBLES-DURÁN, GABRIELA RENDÓN
    Nicht Totzukriegen: Occupy Wall Street
  • OCCUPY WALL STREET
  • DECLARATION BY OCCUPY BERLIN / ECHTE DEMOKRATIE JETZT / ACAMPADA
  • ARTUR ZMIJEWSKI
    Artists in Occupy Amsterdam. Braucht die Revolution Revolutionäre oder braucht sie auch Künstler?
  • ARTISTS IN OCCUPY AMSTERDAM
  • UP TO THIS POINT AND NO FURTHER! THE DÜSSELDORFER MANIFESTO
  • MARINA NAPRUSHKINA
  • JAN VERWOERT
    Zeuge Bild 1/4 Für deine Augen allein

Vorwort

»Es ist wichtig, dass wir als Körper – als die körperlichen Wesen, die wir sind – zusammen in der Öffentlichkeit auftreten, dass wir uns in der Öffentlichkeit versammeln. Wir kommen zusammen auf den Straßen und Plätzen als eine Allianz der Körper. Als Körper leiden wir, benötigen wir Nahrung, ein Dach über dem Kopf; und als Körper sind wir aufeinander angewiesen und begehren einander. Daher ist das, was hier passiert, eine Politik des öffentlichen Körpers, der Bedürfnisse des Körpers, seiner Bewegung und seiner Stimme.« (Judith Butler)
In ihrer Rede vom 23. Oktober 2011 im New Yorker Zuccotti Park betont Butler die Notwendigkeit der sprichwörtlichen Leibhaftigkeit der Occupy-Bewegung: Diese Leibhaftigkeit, die in den zu eigenständigen Organismen gewachsenen urbanen Zeltlagern im Herbst des vergangenen Jahres ihren Ausdruck fand, markiert ein im wörtlichen Sinne greifbares Interesse, sich – jenseits einer möglicherweise schwachen oder gar nicht gegebenen kollektiven Identität und aller Heterogenität der unterschiedlichen Stimmen und Gruppierungen, die sich hier versammelten, zum Trotz – in die Produktion von Politik zu involvieren, sie zu berühren, Teil von ihr zu werden und sie zu verändern.
In den Vorgesprächen zur vorliegenden Ausgabe von Camera Austria International Nr. 117 haben uns unsere Gastredakteure ­Artur Żmijewski und Joanna Warsza immer wieder darauf hingewiesen, dass es ihnen mit der Arbeit an diesem Heft nicht zwingendermaßen um Occupy selbst ginge, sondern darum – und das verbindet sie vielleicht mit der Wahrnehmung von Judith Butler –, die Körperlichkeit dieser Bewegung zu markieren: Occupy als eine Form der »sozialen Skulptur« zu begreifen, und ihr gestaltendes Potenzial herauszuarbeiten, mit dem hier in die Politik der Gegenwart durch eine sehr konkrete körperliche Geste – einer zum Leib gewordenen Geste der Verneinung – interveniert wird. Letztlich geht es aber auch darum, mit dem Bild und dem Wort von Occupy – so vordergründig einfach es zunächst zu dechiffrieren oder zu lesen sein mag – möglicherweise einen spezifischen Habitus auch der (politischen) KünstlerInnen zu re-aktualisieren, ihr Denken, ihre Sprache, auch ihr »Mit-Bildern-Sein« und ihr Handeln als künstlerisches Subjekt zu hinterfragen und ihr Potenzial der direkten Einmischung in gesellschaftliche Realität neu zu sondieren. Denn: »In einem bestimmten Moment wissen wir, dass wir uns angesichts der öffentlichen Ereignisse verweigern müssen. Diese Weigerung ist absolut, kategorisch. Sie diskutiert nicht und auch ihre Gründe legt sie nicht dar. Sie ist schweigsam und einsam und bleibt es selbst dann, wenn sie sich, wie sie es muss, vor aller Augen behauptet […] Was ihnen bleibt, ist die unbeugsame Weigerung, die Freundschaft dieses sicheren, unerschütterlichen und strengen Neins, das sie miteinander vereint und miteinander verbindet.« (Maurice Blanchot)
Nach unserer Zusammenarbeit mit Tobias Zielony über das Dokumentarische als politische Praxis im vergangenen Jahr, haben wir nun Artur Żmijewski und Joanna Warsza eingeladen die vorliegende Ausgabe von Camera Austria International als Gastredakteure mit uns zu gestalten. Dieses Heft ist damit auch zu einem Heft zur 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst geworden und in Kooperation mit ihr entstanden. Es ist als eine Einstimmung auf die Themen dieser Großausstellung zu lesen, die sich – so denken wir – unterscheiden wird von klassischen Ausstellungsformaten. Artur Żmijewski und sein Team an assoziierten KuratorInnen haben sich der Aufgabe verpflichtet, sich und uns den tiefgreifenden Wandel demokratischer Gesellschaftsordnungen zu gewärtigen, und die gesellschaftlichen Risse nicht auf künstlerisch vermittelter Ebene zu thematisieren, sondern Formen der direkten Intervention zu erproben. Die Denk- und Spielräume der Institution Biennale nutzend stehen damit auch die Grenzen (oder Potenziale?) des Betriebssystems Kunst selbst zur Disposition.
Wie aber verbindet sich diese Kooperation mit unseren Interessen und Aufgaben als ZeitschriftenmacherInnen, als Akteure, die sich der Debatte um die Rolle der Fotografie zwischen Kunst und Massenmedium, zwischen Ästhetik und sozialer Praxis, zwischen Dokument und Diskurs, Politik und Bild widmen?

Volltext

Camera Austria International 117 | 2012
Vorwort

»Es ist wichtig, dass wir als Körper – als die körperlichen Wesen, die wir sind – zusammen in der Öffentlichkeit auftreten, dass wir uns in der Öffentlichkeit versammeln. Wir kommen zusammen auf den Straßen und Plätzen als eine Allianz der Körper. Als Körper leiden wir, benötigen wir Nahrung, ein Dach über dem Kopf; und als Körper sind wir aufeinander angewiesen und begehren einander. Daher ist das, was hier passiert, eine Politik des öffentlichen Körpers, der Bedürfnisse des Körpers, seiner Bewegung und seiner Stimme.« (Judith Butler)
In ihrer Rede vom 23. Oktober 2011 im New Yorker Zuccotti Park betont Butler die Notwendigkeit der sprichwörtlichen Leibhaftigkeit der Occupy-Bewegung: Diese Leibhaftigkeit, die in den zu eigenständigen Organismen gewachsenen urbanen Zeltlagern im Herbst des vergangenen Jahres ihren Ausdruck fand, markiert ein im wörtlichen Sinne greifbares Interesse, sich – jenseits einer möglicherweise schwachen oder gar nicht gegebenen kollektiven Identität und aller Heterogenität der unterschiedlichen Stimmen und Gruppierungen, die sich hier versammelten, zum Trotz – in die Produktion von Politik zu involvieren, sie zu berühren, Teil von ihr zu werden und sie zu verändern.
In den Vorgesprächen zur vorliegenden Ausgabe von Camera Austria International Nr. 117 haben uns unsere Gastredakteure ­Artur Żmijewski und Joanna Warsza immer wieder darauf hingewiesen, dass es ihnen mit der Arbeit an diesem Heft nicht zwingendermaßen um Occupy selbst ginge, sondern darum – und das verbindet sie vielleicht mit der Wahrnehmung von Judith Butler –, die Körperlichkeit dieser Bewegung zu markieren: Occupy als eine Form der »sozialen Skulptur« zu begreifen, und ihr gestaltendes Potenzial herauszuarbeiten, mit dem hier in die Politik der Gegenwart durch eine sehr konkrete körperliche Geste – einer zum Leib gewordenen Geste der Verneinung – interveniert wird. Letztlich geht es aber auch darum, mit dem Bild und dem Wort von Occupy – so vordergründig einfach es zunächst zu dechiffrieren oder zu lesen sein mag – möglicherweise einen spezifischen Habitus auch der (politischen) KünstlerInnen zu re-aktualisieren, ihr Denken, ihre Sprache, auch ihr »Mit-Bildern-Sein« und ihr Handeln als künstlerisches Subjekt zu hinterfragen und ihr Potenzial der direkten Einmischung in gesellschaftliche Realität neu zu sondieren. Denn: »In einem bestimmten Moment wissen wir, dass wir uns angesichts der öffentlichen Ereignisse verweigern müssen. Diese Weigerung ist absolut, kategorisch. Sie diskutiert nicht und auch ihre Gründe legt sie nicht dar. Sie ist schweigsam und einsam und bleibt es selbst dann, wenn sie sich, wie sie es muss, vor aller Augen behauptet […] Was ihnen bleibt, ist die unbeugsame Weigerung, die Freundschaft dieses sicheren, unerschütterlichen und strengen Neins, das sie miteinander vereint und miteinander verbindet.« (Maurice Blanchot)
Nach unserer Zusammenarbeit mit Tobias Zielony über das Dokumentarische als politische Praxis im vergangenen Jahr, haben wir nun Artur Żmijewski und Joanna Warsza eingeladen die vorliegende Ausgabe von Camera Austria International als Gastredakteure mit uns zu gestalten. Dieses Heft ist damit auch zu einem Heft zur 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst geworden und in Kooperation mit ihr entstanden. Es ist als eine Einstimmung auf die Themen dieser Großausstellung zu lesen, die sich – so denken wir – unterscheiden wird von klassischen Ausstellungsformaten. Artur Żmijewski und sein Team an assoziierten KuratorInnen haben sich der Aufgabe verpflichtet, sich und uns den tiefgreifenden Wandel demokratischer Gesellschaftsordnungen zu gewärtigen, und die gesellschaftlichen Risse nicht auf künstlerisch vermittelter Ebene zu thematisieren, sondern Formen der direkten Intervention zu erproben. Die Denk- und Spielräume der Institution Biennale nutzend stehen damit auch die Grenzen (oder Potenziale?) des Betriebssystems Kunst selbst zur Disposition.
Wie aber verbindet sich diese Kooperation mit unseren Interessen und Aufgaben als ZeitschriftenmacherInnen, als Akteure, die sich der Debatte um die Rolle der Fotografie zwischen Kunst und Massenmedium, zwischen Ästhetik und sozialer Praxis, zwischen Dokument und Diskurs, Politik und Bild widmen?

Die Frage danach, in welcher Weise fotografische Bilder in die Produktion von Politik als eine Form von Organisation oder Re-Organisation von Sichtbarkeiten involviert ist, stand und steht immer wieder im Mittelpunkt der Arbeit an und mit unserer Zeitschrift. Im Kern dreht sich diese Debatte um die beständig zu aktualisierende Frage nach den Mechanismen und Kontexten von Repräsentation. Die Erwartbarkeit der schnell zum Klischee geronnenen Bilder und Worte von Occupy aber, die sich hier in einem Konvolut von (auch autorenloser) Fotografien (und Interviews und Manifesten) verdichtet, droht dieses Projekt mit genau jenem unerschütterlichen und strengen »Nein« infrage zu stellen, das wir oben mit dem Zitat von Maurice Blanchot angesprochen haben. Muss unsere Frage oder Kritik daher nicht sein, in welcher Form von Identität oder Identifikation wir fotografische Bilder, namentlich dokumentarische, beständig »gefangen« halten, indem wir sie einem Regime der Repräsentation, der Vermitteltheit, der grundsätzlichen Inauthentizität unterwerfen? Für welche Handlungsformen machen wir gleichzeitig aufgrund welcher »Dispositive« eine Form der Unmittelbarkeit, Authentizität, und damit auch eine Art primäre politische Handlungsfähigkeit geltend? Die »Naturalisierung des Zweifels« (Tom Holert) am Dokumentarischen muss nicht zwangsläufig zu einem Ausstieg aus Formen der Repräsentation und einer damit einhergehenden Diffamierung des fotografischen Bildes führen, möglicherweise jedoch zu einem neuen Begriff von Repräsentation auch als politisches Handlungsfeld.
Mit diesem Insert für unsere Zeitschrift geht es so auch – in diesem Raum der Zeitschrift – um das Erproben einer sehr direkten interventionistischen Praxis, die uns charakteristisch für die Arbeit des Künstlers Artur Żmijewskis erscheint, und die die bestehenden Ordnungen unseres Feldes in Frage stellt: die unseren Zugriff auf die visuelle Kultur, ihre kunstbetrieblichen Verwertungslogiken wenn nicht zu durchbrechen, so doch radikal zu hinterfragen versucht. Wir waren gerne bereit uns darauf einzulassen, »Occupy« auch als Folie für das Aufspüren von Bruchstellen zwischen den institutionellen Bedingungen unserer Arbeit im Feld der Kunst und ihrer zuweilen fragwürdigen Vergesellschaftung zu sehen – inwieweit also eine Politisierung der Kunst durch die Politik selbst möglich ist.
Was sich in den einzelnen Beiträgen dieser Ausgabe zeigt, ist zum einen die Schlagkraft und die Notwendigkeit des extrem öffentlichkeitswirksamen »images« der Zeltstädte von Occupy, mit dem etwa gegen die zunehmende Refeudalisierung des öffentlichen Raumes jenseits von zynischer (tourismusorientierter) Exklusivpolitik aufgetreten wurde: Die Nähe der Occupy-Bewegung zu den Obdachlosen-Camps in den Innenstädten ist dabei sicher einer der verstörendsten Aspekte der Proteste. Im Interview mit Miguel Robles-Durán und Gabriela Rendón geht es so unter anderem um das Bild der Zeltstadt als sichtbares und notwendiges – wiederum leibhaftiges – Zeichen, aber auch um seine Klassifizierung als Keimzelle der Radikalisierung: Zentren, in denen Gruppierungen sich organisieren, sich ihre eigene Umwelt erschaffen, beginnen Probleme zu identifizieren und Widerstand zu leisten, kurz: Zentren, in denen Formen der Selbstermächtigung erprobt werden.
Wie weit die widerständige Praxis von Occupy in die Kunstszenen selbst hineinwirkt, zeigt das Interview mit Noah Fischer, Mitinitiator von Occupy Museums. Occupy Museums stellt die Frage: »Wie können wir mit unserer Arbeit als Künstler wieder an die Erfahrungen normaler Menschen – der 99 % – anknüpfen? […] Die Aktionen von Occupy Museums haben den Sinn, ein umfassendes, ehrliches, die Dinge grundlegend veränderndes Gespräch über Geld und Macht im Kunst- und Kulturbetrieb anzustoßen. […] Das Problem ist, dass die reichsten 1 % der 1 % – wie auf der Wall Street – nahezu alles kontrollieren. Sie geben sich natürlich philanthropisch und sitzen im Aufsichtsrat von Museen, sind aber oft zugleich die Großsammler, welche die Märkte beeinflussen. In Wirklichkeit hat sich in den letzten dreißig Jahren die gesamte Kunstinfrastruktur rund um diese paar Figuren organisiert. Mehr noch als Geld – so das überhaupt möglich ist – konzentriert sich in ihren Händen politische Macht und soziales Prestige. Echte Kultur aber benötigt Distanz von dieser Macht, um sich entwickeln zu können; sonst wird sie zum bloßen Luxusartikel. Occupy Museums wird hoffentlich zu einem Überdenken dieses gegenwärtigen Zustands der Kultur als Luxusgut für die Allerreichsten führen.« (Noah Fischer)
Was Noah Fischer hier anspricht, ist jenseits einer mittlerweile ungeheuerlichen ungleichen Verteilungspolitik im Feld der Kunst und seiner Märkte auch die Notwendigkeit einer unmittelbar daran gebundenen erneuten Kritik an den Institutionen, eine Debatte, die mit Beginn des Zeitalters der zunehmenden Deregulierung Anfang der 2000er Jahre bezeichnenderweise vollkommen zum Erliegen gekommen ist.1 Hat diese Tatsache möglicherweise auch damit zu tun, dass diejenigen, die für sich hier eine Debattenführerschaft reklamieren konnten, inzwischen selbst in den Institutionen aufgegangen sind? Wir jedenfalls nehmen positiv überrascht zur Kenntnis, mit welcher Radikalität und Entschlossenheit Artur Żmijewski im Rahmen der Berlin Biennale jenseits von Kuratorendünkel auch die Rolle der Institutionen befragen wird.
Schlussendlich publizieren wir in dieser Ausgabe ein Interview von Artur Żmijewski mit den Künstlern und Künstlerinnen von Occupy Amsterdam. Die gleichzeitige Ernsthaftigkeit und zuweilen Blauäugigkeit der hier nachzulesenden Äußerungen markiert deutliche Differenzen und kann einerseits als Bild für die schon identifizierte schwache kollektive Identität der Occupy-Bewegung dienen. Gleichwohl aber stellt sich andererseits die ungleich entscheidendere Frage, ob die Instabilität, Vagheit und/oder ideologische Leere, die sich mit den Äußerungen einstellt, nicht gerade auch ein Bild für die Utopie eines Gemeinsam-Seins jenseits von Identitätspolitik sein kann, jenseits »jenes blasse[n], lächerliche[n] und flüchtige[n] Trugbild[es] einer Kultur des Individuums« (Jaques Rancière) – ein Trugbild, das Gemeinsam-Sein beständig als etwas, das wir teilen, ansieht, dem wir (gemeinsam) angehören und das uns deshalb von anderen zuallererst unterscheidet. Gerade dieses Interview als Teil des Inserts in diesem Heft stellt dagegen die Idee des »Mit-Seins« zur Debatte, das sich zugleich als »dazwischen-sein«, »getrennt-sein«, »sich-unterscheiden«, »unter anderen-sein«, »teilhaben« versteht, und das wir damit als einen fortgesetzten Beitrag zu unserem Schwerpunkt des Jahres 2011 zu Fragen der unrepräsentierbaren Gemeinschaft verstehen.
Die Frage nach demokratischer Repräsentation und politischer Einflussnahme, die in dem wirkmächtigen Slogan »We are the 99 %« schlechthin und – abermals – leibhaftig auf den Punkt gebracht wird, wird mit der Infantilisierung der Occupy-Bewegung nachgerade ignoriert. Diese Infantilisierung von Occupy erinnert stark an die Kritik der WTO-Proteste 1999 in Seattle. Allan Sekula aber hatte mit seiner damals entstandenen Dia-Serie »Waiting for Tear Gas« die auch im Rahmen der WTO-Proteste greifbare Idee des »Mit-Seins« zur Debatte gestellt.2 Seine Bilder zeigten gerade nicht die »Höhepunkte« der mitunter gewaltsamen Konflikte mit der Polizei, sondern die Momente, die diesem Zusammenschließen der Demonstrierenden vorausgingen, ihnen folgten oder sie begleiteten, jene Momente, in denen das Kollektiv der Demonstrierenden noch nicht organisiert vorging oder seinen Zusammenhang bereits wieder verloren hatte: »die Flauten, das Warten und das Geschehen am Rand der Ereignisse« (Sekula). Diese Leseweise der Bilder von Sekula lässt sich auch über den Text von Żmijewski legen. Beide Künstler adressieren mit ihrer Arbeit ganz allgemein – und ganz aktuell – auch die Frage nach der Rolle, die der Künstler selbst in diesem Feld der Repräsentation einnimmt, inwiefern jener selbst Teil der Konstruktion einer sozialen Wirklichkeit wird. Der Horizont der gemeinschaftlichen Angelegenheiten, wie sie die Proteste in Seattle oder aktuell in der Occupy Bewegung bildeten, ergibt sich quasi »nur« als Sub-Text, als eine mögliche Rekonstruktion, die über die einzelnen Bilder (bei Sekula) oder Redebeiträge (bei Żmijewski) möglich werden konnte. Die Gemeinschaft, die sich in den Tagen der Proteste herausgebildet hatte, ist in den Bildern resp. Texten selbst als solche abwesend, sie entzieht sich der Darstellung bzw. wird von den Künstlern – so unsere Interpretation – als jenseits der Repräsentierbarkeit angegeben.
Wir danken Joanna Warsza und Artur Żmijewski für die intensive und überaus produktive Zusammenarbeit an dieser Ausgabe von Camera Austria International. Wir sind überzeugt, dass sie mit ihrer Arbeit den Raum der Debatten nicht nur über eine Politik der Bilder erweitern helfen, sondern uns darüberhinaus die Macht unseres Feld spüren lassen und uns auffordern, unsere konkreten politische Handlungsspielräume neu auszuloten und einzusetzen. Darüber hinaus bedanken wir uns für die Zusammenarbeit mit Marina Naprushkina, deren künstlerischer Beitrag in das Insert von Artur Żmijewski und Joanna Warsza eingeflossen ist, sowie bei Occupy Berlin, Occupy Düsseldorf, Occupy Frankfurt, Occupy Museums (New York) und bei den KünstlerInnen von Occupy Amsterdam.
Diese Ausgabe wird komplettiert durch den ersten Beitrag für die neue Kolumne von Jan Verwoert, die er mit »Zeuge Bild« überschrieben hat. Die Frage von W. J. T. Mitchell, »Was wollen Bilder?« paraphrasierend, fragt Verwoert »Was will ein Bild von mir?« Wie verlaufen also Formen der Aneignung von Bildern, in welche Erfahrungen oder gar Traumata »zwingen« uns Bilder, die möglicherweise gar nicht unsere eigenen werden können, uns aber drängen, den Zweifel im Kern der Repräsentation anzuerkennen und produktiv werden zu lassen – womit auch die Kolumne an Fragen zu Bild, Authentizität und Politik anschließt.
In unserer Rubrik Forum zeigen wir Arbeiten von jungen FotokünstlerInnen, die Christine Frisinghelli und Manfred Willmann im Rahmen der International Portfolio Review in Moskau aufgefallen sind.
Sie können mit uns in Debatten einsteigen, auf den kommenden Messen – wir nehmen teil an der Armory Show in New York, am Treffen unabhängiger Verlage »It’s a Book, It’s a Stage, It’s a Public Place« im Centraltheater Leipzig parallel zur Leipziger Buchmesse, der Schweizer Messe Europ’Art 2012 in Genf und bei Art Brussels in Belgien – oder uns Zuschriften zukommen lassen.

Maren Lübbke-Tidow
Reinhard Braun
März 2012

¹ So ist sicher kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt ein vom Museum für Gegenwartskunst Siegen herausgegebenes Büchlein von Walter Grasskamp über die Fotonotizen von Hans Haacke auf den Markt gekommen ist, dass Fotografien des damaligen Kunststudenten und Hilfsarbeiters der documenta 2 von 1959 zeigt: Schon damals nicht an die Mythen seiner Zeit glaubend und stattdessen genauer hinschauend zeigt Haacke in seinen Aufnahmen Besucher der documenta 2 vor von Arnold Bode meisterhaft inszenierten Werken: Fotografien, die die Diskrepanzen zwischen den Gemälden und ihrem Publikum, zwischen der Kunst und ihrem Betrieb, zwischen Autonomie und Vergesellschaftung offenlegen, und die »damit auf unverblümt situative Weise die Wachsamkeit für ideologische Aspekte und Rahmenbedingungen von Kunstwahrnehmung schärfen. […] Denn mit dokumentarischem Unterton blickt der Künstler auch hinter die Kulissen der nicht überwundenen Genieästhetik.« (siehe Gislind Nabakowski in dieser Ausgabe zu den Fotonotizen, S. 98).
Auch angesichts eines extrem spekulativen Kunstmarkts und den trotz Krise noch immer nicht abreißen wollenden Erfolgsmeldungen der Auktionshäuser, mit denen das Image einiger weniger – eben nicht repräsentativer – (Star-)Künstler weiter bedient wird, ist gerade dies ein Buch mit einer verstörenden Aktualität, das deutlich macht, dass nach wie vor aber die Kritik der Institutionen die notwendige reflexive Grundlage der Kunst bildet.
2 Vgl. die Ausstellung »Allan Sekula: Waiting for Tear Gas«, 4.10. – 18.10.2002, Camera Austria, Graz, sowie die Publikation Allan Sekula, Titanic’s wake, Graz: Edition Camera Austria, 2003.

Camera Austria International Nr. 117 | 2012 ist in Medienpartnerschaft mit der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst entstanden.

Beiträge

Forum

Vorgestellt von Christine Frisinghelli und Manfred Willmann:

ALEXANDER GRONSKY

KAREN MIRZOYAN

LEO KLENIN

IRINA YULIEVA

MARGO OVCHARENKO

ALEXEY VANUSHKIN

Ausstellungen

Sanja Ivekovic: Sweet Violence
MoMA, New York
WALTER SEIDL

Zarina Bhimji
Whitechapel Gallery, London
PAOLO MAGAGNOLI

Erschaute Bauten. Architektur im Spiegel zeitgenössischer Kunstfotografie
MAK, Wien
MANISHA JOTHADY

CMRK
Judith Hopf. End Rhymes and Openings
Grazer Kunstverein, Graz.

Bernhard Frue: Phesbuk
Kunsterein Medienturm, Graz

Be Realistic, Demand the Impossible!
< rotor >, Graz

the Urban Cultures of Global Prayers
Camera Austria, Graz

SANDRA KRIŽIĆ ROBAN

David Maljković: Exhibitions for Secession
Secession, Wien.

Christian Wachter: ABPOPA / AURORA
MUSA, Wien.

Heidrun Holzfeind: Strictly Private
BAWAG Contemporary, Wien
REINHARD BRAUN

John Hililard: Two-Faced
Galerie Raum mit Licht, Wien

Michael Part: 2 {Ag (S2O3) 2}3- + S2O4 + 4OH- -> 2Ag + 4 S2O32- +2SO3-2 + 2H2O
Galerie Andreas Huber, Wien

Friedl vom Gröller
Studio International / Galerie der HGB, Leipzig
ANNE KÖNIG

Accomplices. The Photographer and the Artist Around 1970
Muzeum Sztuki Nowoczesnej w Warszawie, Warsaw
KRZYSTOF PIJARSKI

Goshka Macuga: Untitled
Zachęta Narodowa Galeria Sztuki
KRZYSTOF PIJARSKI

Laura Horelli
The Terrace, Galerie Barbara Weiss, Berlin
JULIA GWENDOLYN SCHNEIDER

Cindy Sherman: That´s me – That´s not me.
Frühe Werke 1975-1977
Vertikale Galerie der Verbund-Zentrale, Wien
STEFANIE SEIBOLD

All the Future Is Gone Socialism and Modernity: Art, Culture and
Politics 1950–1974
Muzej Suvremene Umjetnosti, Zagreb
NATASA ILIC

The Present and Presence
MUSUM Ljubljana, a permanent exhibition

Museum of Affects.
In the Framework of L´ Internationale
MUSUM, Ljubljana.
TANJA VERLAK

Sharon Lockhart I Noa Eshkol
The Israel Museum, Jerusalem
ADAM BUDAK

Annette Klem – Michaela Meise: Hallo aber
Bonner Kunstverien, Bonn
VANESSA JOAN MÜLLER

Parcific Standard Time
Sixty Cultural Institutions, Southern California

Oscar Castellio: Icons of the Invisible
Fowler Museum at UCLA, Los Angeles

Identity and Affirmation.
Post War African American Photography
California State University Northridge Art Galleries, Northridge

In Focus. Los Angeles, 1945-1980
J. Paul Getty Museum, Center for Photographs, Los Angeles
SANDRA WAGNER

Santu Mofokeng: Chasing Shadows
Bergen Kunsthall, Bergen
ARNE SKAUG OLSEN

Eyes on Paris. Paris im Photobuch 1890 bis heute
Haus der Fotografie, Deichtorhallen, Hamburg

Schweizer Fotobücher 1927 bis heute
Fotostiftung Schweiz, Winterthur
WOLFGANG BRÜCKLE

Bücher

Susanne Kriemann: Ashes and Broken Brickwork of a Logical Theory
ROMA Publications, Amsterdam 2010

Susanne Kriemann: One Time One Million
ROMA Publications, Amsterdam 2009
JAN WENZEL

Walter Grasskamp: Hans Haacke
Fotonatizen Documenta 2 / 1959
Duetscher Kunstverlag, München 2011
GISLIND NABAKOWSKI

Timm Rautert: No Photographing
Steidl Verlag, Göttingen 2011

Timm Rautert: New York 1969
only photography, Berlin 2011
FLORIAN EBNER

Mutations: Perspectives on Photography
Steidl Publishers, Göttingen; ParisPhoto, Paris 2011
MICHÉLE COHEN HADRIA

Abbildungen

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Impressum

Herausgeber: Reinhard Braun
Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie. Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich

Chefredaktion: Maren Lübbke-Tidow (V.i.S.d.P.)
Gastredaktion: Artur Żmijewski, Joanna Warsza
Redaktion: Tanja Gassler, Margit Neuhold, Rebecca Wilton

ÜbersetzerInnen: Dawn Michelle d’Atri, John Doherty, Andy Jelcic, Ewa Kaningowska-Gedroyc, Emilia Ligniti, Wilfried Prantner
Deutsches Korrektorat: Daniela Billner
Englisches Lektorat: Dawn Michelle d’Atri, Aileen Derieg

Dank / Acknowledgments:
Artists in Occupy Amsterdam (AiOA), Stephané Bauer, Ernestine Baig, Joost Benthem, Rainer Bellenbaum, Agnieszka Borkiewicz, Doris Denekamp, Katja van Driel, Ulrich Ebli, Eshan Farjadniya, Jesko Fezer, Noah Fischer, Rike Frank, Christine Frisinghelli, David Goldblatt, Klaas van Gorkum, Alexander Gronsky, Anja Groten, Enver Hadzijaj, Jimini Hignett, Gabriele Horn, Emke Idena, Leo Klenin, Robert Kluijver, Verena Kuni, Chris Lee, Tatjana Macić, Florian Malzacher, Karen Mirzoyan, Golrokh Nafisi, Marina Naprushkina, Occupy Berlin, Occupy Düsseldorf, Occupy Museums, Occupy Wall Street, Wouter Osterholt, Merijn Oudenampsen, Margarita Ovcharenko, Walid Raad, Gabriela Rendón, Katja Reichard, Miguel Robles-Durán, Elke Uitentuis, Michaela Schwarz, Urok Shirhan, Jochen Steinhilber, Igor Stofiszweski, André Tchen / KRM Images, Jan Verwoert, Alexey Vanushkin, Denhart von Harling, Nguyen Vu Thuc Linh, Samuel Vriezen, Joanna Warsza, Jan Wenzel, Axel John Wieder, Manfred Willmann, Irina Yulieva, Artur Żmijewski

Copyright © 2012
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ISBN     978-3-900508-01-2
ISSN         1015 1915
GTIN     4 19 23106 1600 5 00117

Kooperationspartner/Sponsoren

Camera Austria International Nr. 117 | 2012 ist in Medienpartnerschaft mit der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst entstanden.