Camera Austria International

126 | 2014

Preis

€16 In den Warenkorb

  • OMAR KHOLEIF
    Shuruq Harb: Zwischen Abwesenheit und Wert
  • SHURUQ HARB
    The Keeper
  • VANESSA JOAN MÜLLER
    Özlem Altin: Geste der Berührung
  • ÖZLEM ALTIN
  • JENS MAIER-ROTHE
    Malak Helmy: Von seltenen Erden und Isotopen
  • MALAK HELMY
  • ALANNA LOCKWARD
    Dekolonisierung des (weißen) Blicks 2/4
    Gordon Parks' Peitsche und die »ungewollt befreiende Dimension« der Versklavung

Vorwort

Der Ausgangspunkt der vorliegenden Ausgabe wurde zunächst mit dem Begriff »visual agency« zusammengefasst. Die Ausweitung von Verbreitungskanälen und damit einhergehend von (zumindest potenziellen) Öffentlichkeiten bildlicher Narrative hat dazu geführt, dass es kaum mehr eine Kontrolle darüber gibt, in welchen Zusammenhängen Bilder zirkulieren, wie sie wahrgenommen, gedeutet, kommentiert und instrumentalisiert werden. In den (relativ neuen) Massenmedien, die euphemistisch als »soziale« Netzwerke bezeichnet werden, wechseln Bilder ohnehin ungehemmt zwischen den Registern von Fiktion, Authentizität und Fetisch, zwischen Beweis und Manipulation, Kritik und Affirmation und durchqueren verschiedenste und gegensätzliche Kontexte. Hito Steyerl hat diesen Umstand bereits vor einigen Jahren mit dem Begriff »poor image« beschrieben: »The poor image is a copy in motion. Its quality is bad, its resolution substandard. As it accelerates, it deteriorates. It is a ghost of an image, a preview, a thumbnail, an errant idea, an itinerant image distributed for free, squeezed through slow digital connections, compressed, reproduced, ripped, remixed, as well as copied and pasted into other channels of distribution.« (»In Defense of the Poor Image«, 2009) Darüber hinaus handelt es sich bei dieser Zirkulation kaum jemals um ein Dispositiv der Bilder allein, sind sie doch nahezu immer von einem Gerücht, einer Kommunikation, von verschiedenen Informationskanälen und vor allem von Erzählungen, Kommentaren und Texten gerahmt.

Volltext

Camera Austria International 126 | 2014
Vorwort

Der Ausgangspunkt der vorliegenden Ausgabe wurde zunächst mit dem Begriff »visual agency« zusammengefasst. Die Ausweitung von Verbreitungskanälen und damit einhergehend von (zumindest potenziellen) Öffentlichkeiten bildlicher Narrative hat dazu geführt, dass es kaum mehr eine Kontrolle darüber gibt, in welchen Zusammenhängen Bilder zirkulieren, wie sie wahrgenommen, gedeutet, kommentiert und instrumentalisiert werden. In den (relativ neuen) Massenmedien, die euphemistisch als »soziale« Netzwerke bezeichnet werden, wechseln Bilder ohnehin ungehemmt zwischen den Registern von Fiktion, Authentizität und Fetisch, zwischen Beweis und Manipulation, Kritik und Affirmation und durchqueren verschiedenste und gegensätzliche Kontexte. Hito Steyerl hat diesen Umstand bereits vor einigen Jahren mit dem Begriff »poor image« beschrieben: »The poor image is a copy in motion. Its quality is bad, its resolution substandard. As it accelerates, it deteriorates. It is a ghost of an image, a preview, a thumbnail, an errant idea, an itinerant image distributed for free, squeezed through slow digital connections, compressed, reproduced, ripped, remixed, as well as copied and pasted into other channels of distribution.« (»In Defense of the Poor Image«, 2009) Darüber hinaus handelt es sich bei dieser Zirkulation kaum jemals um ein Dispositiv der Bilder allein, sind sie doch nahezu immer von einem Gerücht, einer Kommunikation, von verschiedenen Informationskanälen und vor allem von Erzählungen, Kommentaren und Texten gerahmt.

Wie steht es also um die Handlungsfähigkeit von Bildern unter diesen Umständen der Entfesselung des Visuellen? Welche Strategien wählen KünstlerInnen, um einen spezifischen Kontext herzustellen, um den spezifischen Ort einer visuellen »Aussage« einzunehmen? Wie reagieren sie auf die Routen der Aneignung und Umdeutung, auf denen die Bilder ihre Titel und Credits verlieren? Welche Bilder gibt es dennoch nicht, welche wurden verabsäumt? Was wird nach wie vor unterdrückt, um nicht sichtbar werden zu können? Diese Fragen führten zur Idee eines – wie immer gearteten °– »Ortes« der Bilder, der konstruiert werden könnte und von dem aus sie gelesen werden können. Doch wie das Sichtbare und das Sagbare durch die Grenze, die sie trennt, verbunden sind, verbinden sich die Beiträge dieser Ausgabe mit der Idee ihrer Konzeption, indem sie sich dieser widersetzen oder diese zumindest verschieben.

Shuruq Harbs »The Keeper« erschien 2011 als limitierte Buch-edition, umfasst aber auch eine Installation und eine Performance und bedient sich des Archivs eines Straßenverkäufers in Ramallah, Mustafa, der Bilder aus dem Internet ausdruckt und als Sets verkauft. Früher hatte Mustafas Familie Bilder noch importiert, etwa aus China, dem Libanon oder Syrien. 2010 hat Harb an die 2.000 solcher unverkauften Bilder erworben und für »The Keeper« gesichtet und zusammengestellt. Dieses Archiv dokumentiert einen sich verändernden Zugang zu Bildern und eine veränderte Zirkulation. Viele dieser Bilder waren zeitweise offiziell kaum zugänglich oder gar verboten, weshalb das Archiv die Geschichte von Bild-regimen – öffentliche wie private – nachzeichnet und damit eine spezifische Form der Verteilung des Sinnlichen repräsentiert. Omar Kholeif fragt in seinem Textbeitrag danach, wie den immateriellen Bildern der Gegenwart noch so etwas wie Wert verliehen werden kann. Shuruq Harb arbeitet sich durch dieses unlösbare Rätsel, indem sie diese aus der Gegenwart gefallenen Bilder sammelt, die ohne ihre Intervention allzu schnell verloren gingen.

Die Arbeit an bzw. aus einem Archiv heraus verknüpft die Arbeit Özlem Altins mit jener von Shuruq Harb. Eines ihrer zentralen Motive sind der menschliche Körper und die Codes, die er aussendet. Vanessa Joan Müller findet darin aber auch ein subtiles Moment des Unheimlichen in und zwischen ihren Bildern im Sinne einer unscharf gewordenen Beziehung zwischen dem Belebten und Unbelebten, dem Körper und seinem bildhaften, zur nature morte geronnenen Double. Die eingefrorenen Posen, stummen Gesten und reglosen Menschen bieten sich als Objekte dem examinierenden Blick dar und entgleiten diesem immer wieder. Was als Ordnungssystem erscheinen könnte, lässt sich eher durch eine Art Strömen von Bildern und Bildanschlüssen beschreiben, eine beständige Konstruktion und Dekonstruktion von Bedeutungen, Bezügen und Ästhetiken. »Mehrdeutigkeit auf semantischer Ebene trifft dort auf eine Betonung der formalen Struktur, des Rhythmus, der Klangfarbe, die Evidenz vermeidet und gleichzeitig Sprache und Ästhetik vereint«, wie Müller schreibt. Der Ausgangspunkt für all dies ist allerdings eine Sammlung verschiedenster Bilder aus unterschiedlichsten Quellen, die Altin ohne jede Hierarchie ihrer Herkunft verknüpft, darunter auch jene, die sie selbst aufgenommen hat.

Malak Helmys Beitrag geht auf eine Ausstellungskooperation zwischen Camera Austria und Beirut im letzten Herbst zurück. »Unexpected Encounters« richtete sich auf die Übersetzungsfehler politischer und kultureller Transfers. Malak Helmy hat an dieser Ausstellung mit einer Soundarbeit teilgenommen, die die mimetischen Fähigkeiten eines Leierschwanzes zum Ausgangspunkt nahm, wobei es um Fragen von Identität und Subjektivität ging. Jens Maier-Rothe schreibt in seinem Textbeitrag ebenfalls über Vögel, Zugvögel, und ihre Fähigkeit der Navigation. Sie folgen immer denselben Routen, wobei ihr Flug auch als eine Vermessung des historischen Raumes erscheint. Die Künstlerin folgt diesen Spuren in Ägypten, einem Land der Veränderung, in dem die Kommunikationskanäle zerfallen wie die Koordinaten des täglichen Lebens. Malak Helmy arbeitet sich immer wieder in die strukturellen und narrativen Kerne einer fluiden Macht und einer fragilen Geschichte ein, um etwas ans Licht zu bringen, das möglicherweise ungreifbar oder verborgen geblieben wäre. Ihre Arbeiten werfen Netze aus, in denen sich Geschichte, Erinnerung und Gegenwart entlang einer unscharfen Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verfangen.

Leipzig ist mit Sicherheit eine derjenigen deutschen Städte, aus der in den vergangenen Jahren mit die wichtigsten Impulse für das Feld zeitgenössischer Fotografie hervorgegangen sind. Diese Bedeutung bildet sich auch in unseren Ausstellungen und der Zeitschrift ab. Aus diesem Grund einer langjährigen engen Verbindung mit dem »Standort« Leipzig ist Camera Austria International der diesjährige Medienpartner des f/stop Festival für Fotografie Leipzig. Nach vielen Gesprächen darüber, wie diese Kooperation in der Zeitschrift sichtbar werden könnte, haben wir uns für einen eigenständigen Beitrag des Festivals entschieden, der die jeweiligen Zugänge zum Zeitgenössischen der Fotografie gegeneinander lesbar werden lässt. Dieser Beitrag ersetzt in dieser Ausgabe das traditionelle Forum.

Das weitläufige Netz von AutorInnen, die uns kontinuierlich mit ihren Vorschlägen herausfordern, hat erneut zu einem spannenden Spektrum an aktuellen Besprechungen von Ausstellungen und neu erschienenen Büchern geführt. Wir freuen uns, dass es uns nach wie vor möglich ist, das eigentümliche Format der Zeitschrift als Plattform für diese vielfältigen Beiträge anbieten zu können. Unser Dank gilt allen, die an diesem Format weiterhin festhalten, seien es unsere AutorInnen, AbonnentInnen, unsere AnzeigenkundInnen, aber auch unseren LeserInnen, wo immer ihnen diese Ausgabe in die Hände fallen mag! Gute Gelegenheiten hierfür bieten jedenfalls unsere kommenden Messe- und Festivalteilnahmen, u.a. beim f/stop Festival für Fotografie Leipzig, der Art Basel und der I Never Read, Art Book Fair Basel, dem Vienna Photobook Festival und den Rencontres d’Arles.

Reinhard Braun
und das Camera-Austria-Team
Juni 2014

 

 

Beiträge

Forum

f/stop Festival für Fotografie Leipzig
Get lucky!
Vorgestellt von Christin Krause & Thilo Scheffler
Hans Eijkelboom
Beni Bischof
Jana Schulz
Stephanie Kiwitt

Ausstellungen

Mehdi Meddaci: Nous nous sommes levés
Centre Photographique d’Ile-de-France, Pontault-Combault
MICHÈLE COHEN-HADRIA

Anna Mendieta: Traces
Hayward Gallery Southbank Centre, London
Museum der Moderne, Salzburg
ULRIKE MATZER

James Benning: Decoding Fear
Kunsthaus Graz
Kunstverein in Hamburg
CHRISTIAN HÖLLER

Moyra Davey: Burn the Diaries
mumok, Wien
Institute of Contemporary Art, University of Pennsylvania, Philadelphia
MARGIT NEUHOLD

Georges Didi-Huberman and Arno Gisinger:
Nouvelles histoires de fantômes
Palais de Tokyo, Paris
ELLIE ARMON AZOULAY

Victor Burgin: Formen des Erzählens
Museum für Gegenwartskunst, Siegen
LILIAN HABERER

Candida Höfer: Düsseldorf
Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf
Landesgalerie Linz des Oberösterreichischen Landesmuseums
Kunstmuseum Luzern
CHRISTINA TÖPFER

Maryam Jafri: Mouthfeel
Gasworks, London
MARTIN HERBERT

Carrie Mae Weems: Three Decades of Photography and Video
Guggenheim Museum, New York
Cantor Arts Center at Stanford University, Stanford
Cleveland Museum of Art
Portland Art Museum
Frist Center for the Visual Arts, Nashville
NICOLAS LINNERT

Christopher Williams: The Production Line of Happiness
Art Institute of Chicago
MoMA, New York
Whitechapel Gallery, London
MARIO PFEIFER

Stephan Panhans: Too Much Change Is not Enough
Haus am Waldsee, Berlin
JENS ASTHOFF

Lisa Oppenheim: From Abigail to Jacob (Works 2004–2014)
Grazer Kunstverein, Graz
Kunstverein in Hamburg
FRAC Champagne-Ardenne, Reims
MAREN LÜBBKE-TIDOW

Andreas Fogarasi: Vasarely Go Home
Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig
Museum Haus Konstruktiv, Zürich
Trafó Gallery, Budapest
Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid
REBECCA WILTON

As You Can See: Polish Art Today
Muzeum Sztuki Nowoczesnej, Warsaw
KRZYSZTOF PIJARSKI

Ute Mahler und Werner Mahler: Werkschau
Deichtorhallen Hamburg, Haus der Photographie
BRITTA PETERS

Schöne Neue BRD? Autorenfotografie der 1980er Jahre
Museum für Photographie, Braunschweig
CAROLIN FÖRSTER

Apartheid & After
Huis Marseille, Amsterdam
TACO HIDDE BAKKER

60. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen:
Memories Can’t Wait – Film without Film
Oberhausen
RAINER BELLENBAUM

 

Bücher

THE REVOLVING BOOKSHELF
Monica Haller: Riley and his story. Me and my outrage. You and us
onestar press, Paris; Fälth & Hässler, Värnamo 2009
Geert van Kesteren: Bagdad Calling. Reports from Syria, Jordan and Iraq
episode publishers, Rotterdam 2008
Carolin Emcke: Von den Kriegen. Briefe an Freunde
Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2004
JAN WENZEL

Stefan Römer und Renate Wiehager (Hg.):
The ups and downs of Stan Back
Textem Verlang, Hamburg; A-Musik, Köln 2013
ULRIKE GERHARDT

Diana Artus: In Visible Cities
Plan Bey, Beirut; Berlin Beirut Multiples, Berlin 2013
RAIMAR STANGE

Ryszard Wasko: Choice
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2014
SANDRA KRIZIC ROBAN

 

Impressum

Herausgeber: Reinhard Braun
Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie.
Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich

Redaktion: Margit Neuhold, Christina Töpfer, Rebecca Wilton.

ÜbersetzerInnen: Dawn Michelle d’Atri, John Doherty, Amy Klement, Ivana Ostojčić, Wilfried Prantner.

Englisches Lektorat: Dawn Michelle d’Atri

Dank: Özlem Altin, Jens Asthoff, Rainer Bellenbaum, Beni Bischof, Victor Burgin, Silvie Jo Buschmann, Regine Ehleiter, Hans Eijkelboom, Carolin Förster, Shuruq Harb, Markus Haslinger, Malak Helmy, Gabriele Hofer-Hagenauer, Candida Höfer, Omar Kholeif, Stephanie Kiwitt, Maria Magdalena Koehn, Christin Krause, Alanna Lockward, Jorge Lockward, Lotte Lyon, Jens Maier-Rothe, Step Morgan, Vanessa Joan Müller, Sabine Niewalda, Stefan Panhans, Annalena Schäfer, Thilo Scheffler, Dorothee Sorge, Jana Schulz, Jules Spinatsch, Raimar Stange, Robert Stürzl.

Copyright © 2014
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit vorheriger Genehmigung des Verlags.
Für übermittelte Manuskripte und Originalvorlagen wird keine Haftung übernommen.

ISBN 978-3-902911-08-7
ISSN 1015 1915
GTIN 4 19 23106 1600 5 00126