Camera Austria International

130 | 2015

Preis

€16 In den Warenkorb

  • CAROLIN FÖRSTER
    Zoe Leonard: Spuren lesen: Das Naheliegende
  • ZOE LEONARD
  • WILLIAM L. FOX
    The Center for Land Use Interpretation: Das nukleare Bild
  • The Center for Land Use Interpretation (CLUI)
  • JENS ASTHOFF
    Philip Gaißer: Nester
  • PHILIP GAIßER
  • LUIGI FASSI
    Michael Höpfner: Fotografie als Shibboleth
  • MICHAEL HÖPFNER

Vorwort

Landschaft scheint allgegenwärtig zu sein, sei es, dass sie immer wieder Psychogeografien des Eigenen bestätigen soll, als Tourismusprospekt herhalten muss oder aber den katastrophischen Niedergang ökologischer Systeme bestätigt. Landschaft ist in eine immense Produktion von Sichtbarkeit involviert und droht vielleicht gerade deshalb in einer Art Über- oder Doppelbelichtung zu verschwinden, wie es das Coverbild dieser Ausgabe von Camera Austria International von Philip Gaißer suggeriert. Es zeigt auch, dass Landschaft niemals einfach vorliegt, sondern konstruiert und rekonstruiert werden muss, um sie als eine Artikulation von Gegenwart zu verstehen. Gaißers Arbeit ist charakteristisch für diese Operation zwischen Dokumentieren und Eingreifen, an der sich »die kulturelle und zivilisatorische Durchdringung des Settings offenbart«, wie Jens Asthoff schreibt. Auch in Michael Höpfners Projekten ist eine Produktion von Landschaft evident: Auf seinen oft wochenlangen Wanderungen in Tibet entstehen Sequenzen von beinahe horizontlosen Bildern, die weniger dokumentieren, was zu sehen war, sondern zeigen, welche Art von Raumproduktion einer Aufführung des Landschaftlichen zugrundeliegt. Schließlich lassen sich auch die Kaugummibilder Zoe Leonards als eine Landschaft lesen, in der sich ein Teil der amerikanischen Kulturgeschichte abgelagert hat bzw. daraus rekonstruiert werden kann, und die so sehr mit alltagskulturellen Aspekten verknüpft ist, dass sie ebenfalls zu einer Art banaler Unsichtbarkeit tendiert.
Die zahllosen Aufnahmen der Land Use Database belegen ebenfalls die Vorstellung von Landschaft als Archiv, als Ablagerung der kontaminierten Reste einer Gesellschaft des Verbrauchens und Verwertens: ein Konvolut von Bildern, das uns die Frage nach einer möglichen Zukunft von Landschaft präsentiert.

Volltext

Camera Austria International 130 | 2015
Vorwort

Landschaft scheint allgegenwärtig zu sein, sei es, dass sie immer wieder Psychogeografien des Eigenen bestätigen soll, als Tourismusprospekt herhalten muss oder aber den katastrophischen Niedergang ökologischer Systeme bestätigt. Landschaft ist in eine immense Produktion von Sichtbarkeit involviert und droht vielleicht gerade deshalb in einer Art Über- oder Doppelbelichtung zu verschwinden, wie es das Coverbild dieser Ausgabe von Camera Austria International von Philip Gaißer suggeriert. Es zeigt auch, dass Landschaft niemals einfach vorliegt, sondern konstruiert und rekonstruiert werden muss, um sie als eine Artikulation von Gegenwart zu verstehen. Gaißers Arbeit ist charakteristisch für diese Operation zwischen Dokumentieren und Eingreifen, an der sich »die kulturelle und zivilisatorische Durchdringung des Settings offenbart«, wie Jens Asthoff schreibt. Auch in Michael Höpfners Projekten ist eine Produktion von Landschaft evident: Auf seinen oft wochenlangen Wanderungen in Tibet entstehen Sequenzen von beinahe horizontlosen Bildern, die weniger dokumentieren, was zu sehen war, sondern zeigen, welche Art von Raumproduktion einer Aufführung des Landschaftlichen zugrundeliegt. Schließlich lassen sich auch die Kaugummibilder Zoe Leonards als eine Landschaft lesen, in der sich ein Teil der amerikanischen Kulturgeschichte abgelagert hat bzw. daraus rekonstruiert werden kann, und die so sehr mit alltagskulturellen Aspekten verknüpft ist, dass sie ebenfalls zu einer Art banaler Unsichtbarkeit tendiert.
Sowohl Philip Gaißer als auch Michael Höpfner sind Teil einer Ausstellung, die ab Juli 2015 ein dreiteiliges Projekt zur Frage der Landschaft abschließt, das Camera Austria in Kooperation mit dem Kunsthaus Graz in diesem Jahr realisiert. Dabei geht es vor allem um die Produktion von Landschaft im Zusammenhang mit Migration, Vertreibung, Krieg, ethnischen und kulturellen Differenzen – und die merkwürdig unsichere Präsenz der Spuren dieser Konflikte, die eine Arbeit der Rekonstruktion notwendig machen, wenn Landschaft zu einer Art Archiv politischer Konflikte geworden ist, bei dessen Betrachtung es höchst fragwürdig erscheint, was darin eigentlich gesehen und erkannt werden kann.
Nicht zuletzt aus diesem Grund erschien es uns naheliegend, das Center for Land Use Interpretation zu einem Beitrag in dieser Ausgabe einzuladen: Die zahllosen Aufnahmen der Land Use Database belegen ebenfalls die Vorstellung von Landschaft als Archiv, als Ablagerung der kontaminierten Reste einer Gesellschaft des Verbrauchens und Verwertens: ein Konvolut von Bildern, das uns die Frage nach einer möglichen Zukunft von Landschaft präsentiert.
In ihrem zweiten Beitrag der diesjährigen Kolumne schreiben Irene Revell und Kerstin Schroedinger als Teil des Kollektivs
Cinenova Feminist Film and Video Distributor – im Hinblick auf die Frage nach einer möglichen »feministischen Landschaft« – von einem »gebeugten Blick«, der »ein Sehen ermöglicht, das auf mehr als eine Weise gebeugt ist und in dem alles, was das Material zu bieten hat, auf dem Spiel steht.«
»Widerständige Bilder in Zeiten digitaler Überbelichtung« lautete der Arbeitstitel von Florian Ebners Konzept für die Ausstellung im Deutschen Pavillon auf der Biennale di Venezia 2015. Damit taucht ebenfalls die Frage auf, inwiefern so etwas wie Widerständigkeit noch behauptet werden kann, vor allem eine Widerständigkeit der Bilder, wenn diese zu verschwinden drohen, gar nicht mehr richtig sichtbar sind. Florian Ebner hat Camera Austria eingeladen, einen Blog zu konzipieren, dessen Beiträge die Ausstellung zwischen Mai und November begleiten, kommentieren und kontextualisieren. Wie auch mit der Zeitschrift und den Ausstellungsprojekten versuchen wir mit diesem Blog, die Ränder des Fotografischen sowie den Anteil des Nicht-Visuellen an der Bildproduktion auszuloten.

Reinhard Braun
und das Camera-Austria-Team
Juni 2015

Cover: Philip Gaißer, Tour d’Horizon 2, 2012. C-Print, 39 × 48 cm.

Beiträge

Forum

Vorgestellt von Jeanne Faust

Linda Lebeck
Dani Gherca
Natalia Sidor
Wiebke Schwarzhans
Jan Mammey
Till Megerle

Ausstellungen

Feministische Avantgarde der 1970er Jahre, Werke aus der Sammlung Verbund, Wien
Hamburger Kunsthalle
The Photographer’s Gallery, London
Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien
Feminism
Nordstern Videokunstzentrum, Gelsenkirchen
Body Talk: Feminism, Sexuality and the Body in the Work of Six African Women Artists
WIELS, Brüssel
Lunds Konsthall, Lund
FRAC Lorraine, Metz
STEFANIE SEIBOLD

Vincent Meessen / Thela Tendu: Patterns for (Re)cognition
Kunsthalle BaseL
SØNKE GAU

Eine Einstellung zur Arbeit. Ein Projekt von Antje Ehmann und Harun Farocki
Haus der Kulturen der Welt, Berlin
Boston Center for the Arts, Boston
RAINER BELLENBAUM

Not Yet: On the Reinvention of Documentary and the Critique of Modernism
Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid
RENATE WÖHRER

Mark Lewis: Above and Below
Le Bal, Paris
MICHÈLE COHEN-HADRIA

Bouchra Khalili: Foreign Office
Palais de Tokyo, Paris
ELLI ARMON AZOULAY

Anna Jermolaewa: Good Times, Bad Times
Zachȩta – National Gallery of Art
WRO Art Center, Wrocław
KRZYSZTOF KOŚCIUCZUK

Aurélien Froment: News from Earth
Badischer Kunstverein, Karlsruhe
Aurélien Froment: Fröbel gefröbelt
Heidelberger Kunstverein
GISLIND NABAKOWSKI

Laurie Simmons: How We See
Jewish Museum, New York
RUPERT GOLDSWORTHY

Ed Atkins: Recent Ouija
Stedelijk Museum, Amsterdam
MAREN LÜBBKE-TIDOW

61st International Short Film Festival Oberhausen: The Third Image – 3D Cinema as Experiment
Oberhausen
JAKUB MAJMUREK

Neïl Beloufa: Hopes for the Best
Gretchen Bender: Total Recall
Schinkel Pavillon, Berlin
Cyprien Gaillard: Where Nature Runs Riot
Sprüth Magers, Berlin
Adrià Julià: Perpetual Monologues Apropos of a Loved Being: Los Angeles 1943 – 1991
Dan Gunn, Berlin
Alex Soth: Songbook
Loock Galerie, Berlin
ANDREAS PRINZING

Landscape on my Mind: Landschaftsfotografie heute. Von Hamish Fulton bis Andreas Gursky
Bank Austria Kunstforum Wien
Michael Höpfner: Lie Down, Get Up, Walk On / Niederliegen, Aufrichten, Gehen
Tresor, Bank Austria Kunstforum Wien
MANISHA JOTHADY

Margherita Spillutini: Archiv der Räume
Oberösterreichische Landesgalerie Linz
Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur, Köln
WALTER SEIDL

Barbara Kasten: Stages
Institute of Contemporary Art, University of Pennsylvania, Philadelphia
NICOLAS LINNERT

Gregor Neuerer: Various Tones
Cathouse FUNeral, New York
RACHEL BAUM

Seiichi Furuya: Gravitation. Fotografien 1978 – 1994
Technische Sammlungen Dresden
Seiichi Furuya: Dresden 1984. Was wir sehen.
Kunsthaus Dresden
Seiichi Furuya: Erinnerung – Kontrolle
Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig
FALK HABERKORN

Krüger & Pardeller: HOMO FABER – Ein räumliches Hörspiel in drei Teilen
21er Haus, Wien
ANETTE FREUDENBERGER

Heimatfotografie in Österreich. Eine politisierte Sicht von Bauern und Skifahrern
Photoinstitut Bonartes, Wien
ULRIKE MATZER

Andrea Fraser
Musem der Moderne Salzburg
YUKI HIGASHINO

56th Venice Biennale: All the World’s Futures
Various Venues, Venice
FATOŞ ÜSTEK

Bücher

THE REVOLVING BOOKSHELF
Magazines About One Person. USSR im Bau und Re-Magazine
»Hester. Depressed«, Re-Magazine. A magazine about one person
Heft 12, Winter 2004 – 2005
Artimo/Gijs Stork, Amsterdam
»Der Industriegigant und seine Erbauer. Photo-Skizze von M. Alpert und A. Smoljan«,
USSR im Bau. Illustrierte Monatsschrift
3. Jg., Heft 1, 1932
Vereinigung der Staatsverlage RSFSR, Moskau
JAN WENZEL

Five Issues of Studio International
Raven Row, London
HANS-JÜRGEN HAFNE

Regine Petersen: Find a Fallen Star
Kehrer Verlag, Heidelberg / Berlin
MARGIT NEUHOLD

Neuerfindung der Fotografie. Hans Danuser – Gespräche, Materialien, Analysen
De Gruyter, Berlin / Boston
JÖRG SCHELLER

Impressum

Herausgeber: Reinhard Braun
Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie.
Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich

Redaktion: Margit Neuhold, Christina Töpfer, Rebecca Wilton
Tobias Neumann (Praktikum)

ÜbersetzerInnen: Dawn Michelle d’Atri, Eva Dewes, Emily Ligniti, Peter McCavana, Wilfried Prantner.

Englisches Lektorat: Dawn Michelle d’Atri

Dank: Jens Asthoff, Steven Ball, Francesca Buccaro, Catarina Boieiro, Anja Casser, Matthew Coolidge, David Cossi, Jocelyn Davis, Luigi Fassi, Jeanne Faust, Carolin Förster, Christine Forstner, William L. Fox, Philip Gaißer, Dani Gherca, Hans Gremmen, Yuki Higashino, Michael Höpfner, Gabriele Hofer-Hagenauer, Marco Kamber, Jill Katz, Linda Lebeck, Jan Mammey, Till Megerle, Marie Mense, Annabel Nicolson, Peter Puklus, Wiebke Schwarzhans, Stefanie Seibold, Natalia Sidor, Susanne Susanka, Aurora Tang, Ole A. H. Truderung.

Copyright © 2015
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit vorheriger Genehmigung des Verlags. Für übermittelte Manuskripte und Originalvorlagen wird keine Haftung übernommen.

ISBN 978-3-902911-17-9
ISSN 1015 1915
GTIN 4 19 23106 1600 5 00130