Camera Austria International

142 | 2018

Preis

€16 In den Warenkorb

  • ADAM SZYMCZYK
    Olga Chernysheva: Schiere Präsenz
  • OLGA CHERNYSHEVA
  • MATTHEW RANA
    »Memory« Das Expanded Cinema der Bernadette Mayer
  • BERNADETTE MAYER
  • MAREN LÜBBKE-TIDOW
    Andrzej Steinbach: Dissonanzen
  • ANDRZEJ STEINBACH
  • ORIT GAT
    Sophie Thun: Körper und Bild
  • SOPHIE THUN

Vorwort

Bilder von Personen und solche vermeintlich alltäglicher Situationen sind es, die die in dieser Ausgabe von Camera Austria International vorgestellten KünstlerInnen zum Gegenstand ihrer Arbeiten machen. Gemeinsam ist ihnen ein Interesse an dem, was Henri Lefebvre in seiner Kritik des Alltagslebens als »gelebte Erfahrung« beschrieben hat – in der Überzeugung, diese sei alles andere als banal oder belanglos.

Volltext

Camera Austria International 142 | 2018
Vorwort

Bilder von Personen und solche vermeintlich alltäglicher Situationen sind es, die die in dieser Ausgabe von Camera Austria International vorgestellten KünstlerInnen zum Gegenstand ihrer Arbeiten machen. Gemeinsam ist ihnen ein Interesse an dem, was Henri Lefebvre in seiner Kritik des Alltagslebens als »gelebte Erfahrung« beschrieben hat – in der Überzeugung, diese sei alles andere als banal oder belanglos.
So beschäftigen sich die Fotografien, Videos, Zeichnungen und Gemälde Olga Chernyshevas mit dem Alltag des postkommunistischen Russlands, den die Künstlerin gleichermaßen präzise wie empathisch in den Blick nimmt. Wie Adam Szymczyk schreibt, ist dieser Blick jedoch frei von Ostalgie und verweigert sich einer Orientalisierung, wie sie osteuropäische KünstlerInnen häufig erfahren. Vielmehr sieht er Chernyshevas Schaffen in der Tradition der (ir)realistischen AutorInnen der 1920er- und 1930er-Jahre, die den Alltag des postrevolutionären Russlands in seiner Absurdität zu fassen versuchten. Das, was die Künstlerin interessiert, ist in Szymczyks Worten »das Einfach-da-Sein. Leute, die beobachten, Schlange stehen, herumlungern, gehen, marschieren, tanzen, Wache schieben.«
Einen ähnlich unaufgeregten und doch akribischen Blick auf den Alltag wirft das 1971 entstandene fotografisch-narrative Projekt »Memory« der amerikanischen Autorin Bernadette Mayer – bis dato ihre einzige visuelle Arbeit. Für »Memory« hat Mayer an jedem Julitag des Jahres 1971 einen 35mm-Kodachrome-Diafilm verschossen und ihre täglichen Aktivitäten darüber hinaus in einem Tagebuch und auf Tonband aufgezeichnet. Matthew Rana veranschaulicht die Affinitäten zwischen »Memory« und dem Expanded Cinema der 1960er- und 1970er-Jahre und situiert Mayers visuelle wie literarische Bestandsaufnahmen im Zeitalter der Kybernetik und dessen Oszillieren zwischen Ordnung und Chaos.
Am Beispiel von »Figur I, Figur II« (2015), »Gesellschaft beginnt mit drei« (2017) und »Der Apparat« (2018) zeichnet Maren Lübbke-Tidow nach, welche »Dissonanzräume« sich in den Arbeiten Andrzej Steinbachs auftun. Seine performativen, innerhalb einer exakt durchgeplanten Dramaturgie entwickelten Porträtserien legen offen, wie soziale Praxis und kulturelle Zuweisungen das Bild des Selbst bestimmen. Doch wird eine eindeutige Lesbarkeit dieser Porträts immer wieder gestört, »die Figur rutscht weg und kommt immer wieder«, wie Lübbke-Tidow Anne Imhof zitiert. Für die Autorin ist es »ein Menschenbild oder ein zutiefst menschliches Bild, das Steinbach zeigen will, ohne das Außen zu ignorieren – das ihn aber wiederum dazu zwingt, seine Figuren zunächst fremd und modellhaft scheinen zu lassen.«
Eine andere Art des Porträts verfolgt Sophie Thun, die architektonische Räume mit Fotogrammen von Selbstporträts überlagert und sich durch die Platzierung dieser Überlagerungen im Ausstellungsraum oftmals in nahezu illusorischer Form selbst in diesen einschreibt. Orit Gat stellt Bezüge zu kunsthistorischen Referenzen her und arbeitet heraus, wie Sophie Thuns Fotografien an eine lange Tradition der Selbstrepräsentation von Künstlerinnen anknüpfen, die in der Mitte des 16. Jahrhunderts ihren Ursprung nimmt, aber auch, wie Körper und Raum sich in den Arbeiten der Künstlerin verschränken. Für Gat nehmen Thuns Bilder »ihren Anfang im Körper der Künstlerin und im Verhältnis, das sie zwischen diesem und dem Raum skizziert«.
Wir freuen uns, dass wir für das Forum dieser Ausgabe Adam Broomberg und Oliver Chanarin gewinnen konnten, die sich gemeinsam mit den Studierenden ihrer Klasse an der Hochschule für bildende Künste Hamburg jenen Bildern gewidmet haben, die ihnen vor dem Hintergrund der endlosen Bilderströme des Internet »noch immer etwas bedeuten«. Angelehnt an die surrealistische Methode des »Cadavre exquis« sind aus dieser Auseinandersetzung eine bestechende Bildfolge sowie ein einführender Text entstanden, die unerwartete Beziehungen zwischen ihren einzelnen Teilen aufmachen.

Christina Töpfer und das Camera Austria Team
Juni 2018

Cover: Sophie Thun, Double release (Nonnenwerthstraße to Grangasse), 2017. Analoge Farbfotografien, je 25.4 × 20.3 cm. Courtesy: die Künstlerin und Mélange, Cologne.

Beiträge

Forum

Vorgestellt von Adam Broomberg und Oliver Chanarin: Studierende der Fotografieklasse Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK)

Adam Broomberg, Agnieszka Mastalerz, Alexander Kadow, Anna Justke, Anna Larsen, Conrad Hübbe, Elina Saalfeld, Elisa Goldammer, Florian Bräunlich, Franziska Koenig, Georg Kußmann, Janosch Boerckel, Jenny Mehren, Jonas Hensel, Julian Slagman, Kristina Savutsina, Luisa Telles, Maik Graef, Manda Steinhauser, Marinus Reuter, Max Eicke, Max Schwarzmann, Morina Krohn, Naama Salzberg, Nina Bühlmann, Oliver Chanarin, Reto Buser, Rhea Reiblein, Seda Yildiz, Stephan Vavra, Svenja Wassill, Thora Schmid.

Ausstellungen

Widerständige Praktiken im digitalen Mainstream
Virtual Normality: Netzkünstlerinnen 2.0

Museum der bildenden Künste Leipzig
Pics or It Didn’t Happen: Images Banned from Instagram

Prestel Verlag, München / London / New York 2017
SUSANNE HOLSCHBACH

Being: New Photography 2018

Museum of Modern Art, New York
LARA ATALLAH

Sondra Perry: Typhoon coming on
Serpentine Sackler Gallery, London
REBECCA WILTON

Family Pictures
Columbus Museum of Art (CMA), Columbus
GINA OSTERLOH

Ana Hoffner & Kay Walkowiak:
The Bacha Posh Project & Given. The Haunting Ghost

5020, Salzburg
MARGIT NEUHOLD

Dirk Braeckman
BOZAR, Brüssel
M – Museum Leuven
STEVEN HUMBLET

Clare Strand: The Discrete Channel with Noise
Centre photographique d’Île-de-France, Paris
MICHÈLE COHEN HADRIA

Tony Chakar: As in a Beginning
Van Abbemuseum, Eindhoven
ARNISA ZEQO

Lizzie Fitch / Ryan Trecartin: Premise Place (edit 1)
Kunsthalle Krems
CHRISTIAN EGGER

Günter Peter Straschek: Emigration – Film – Politik
Museum Ludwig, Köln
MORITZ SCHEPER

responseABILITY
< rotor > Zentrum für zeitgenössische Kunst, Graz
Kunsthalle Exnergasse, Wien
WALTER SEIDL

Korpys/Löffler: Personen, Institutionen, Objekte, Sachen

Kunsthalle Tübingen
Kunstverein Braunschweig
Hartware MedienKunstVerein, Dortmund
SABINE WEIER

Heidi Specker: FOTOGRAFIN

Kunstmuseum Bonn
ROLF SACHSSE

Arne Schmitt: Basalt. Ursprung Gebrauch Überhöhung

Bielefelder Kunstverein, Bielefeld
LISA LONG

Luigi Ghirri: Karte und Gebiet
Museum Folkwang, Essen
Museo Reina Sofia, Madrid
Jeu de Paume, Paris
RADEK KROLCZYK

Bücher

Wahlkampf und Medien
Ferdinand Kriwet: Campaign. Wahlkampf in den USA
Droste Verlag, Düsseldorf 1974
Jonathan Horowitz: Your Land / My Land. Election ’12
Gavin Browns Enterprise, New York 2014
Ludovic Balland: American Readers at Home

Scheidegger & Spiess, Zürich 2017
JAN WENZEL

Rineke Dijkstra: The Louisiana Book
Koenig Books, London 2017
Rineke Dijkstra: WO MEN
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2017
Figuren: Rineke Dijkstra und die Sammlung des Sprengel Museum Hannover
Sprengel Museum Hannover 2018
CAROLIN FÖRSTER

Nicolò Degiorgis und Audrey Solomon (Hg.): The Pigeon Photographer
Rorhof, Bozen 2017
CHRISTINA TÖPFER

Mareike Stoll: ABC der Photographie. Photobücher der Weimarer Republik als Schulen des Sehens
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2018
GISLIND NABAKOWSKI

Manfred Willmann: Blitz & Enzianblau
Fotohof edition, Salzburg 2017
JENS ASTHOFF

Impressum

Herausgeber: Reinhard Braun

Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie.
Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich

Chefredaktion: Christina Töpfer.
Redaktion: Margit Neuhold.

ÜbersetzerInnen: Dawn Michelle d’Atri, Nicholas Huckle, Amy Klement, Wilfried Prantner, Sabine Weier.

Englisches Lektorat: Dawn Michelle d’Atri.

Dank: Janosch Boerckel, Florian Bräunlich, Adam Broomberg, Nina Bühlmann, Reto Buser, Oliver Chanarin, Olga Chernysheva, Matthew Connors, Max Eicke, Carolin Förster, Orit Gat, Elisa Goldammer, Philip Good, Maik Graef, Jonas Hensel, Herwig G. Höller, Conrad Hübbe, Anna Justke, Alexander Kadow, Franziska Koenig, Morina Krohn, Claudia Kudinova, Georg Kußmann, Anna Larsen, Maren Lübbke-Tidow, Agnieszka Mastalerz, Bernadette Mayer, Jenny Mehren, Matthew Peters, Matthew Rana, Rhea Reiblein, Marinus Reuter, Elina Saalfeld, Naama Salzberg, Kristina Savutsina, Thora Schmid, Max Schwarzmann, Julian Slagman, Helen Smedberg, Andrzej Steinbach, Manda Steinhauser, Adam Szymczyk, Luisa Telles, Sophie Tappeiner, Sophie Thun, Stephan Vavra, Svenja Wassill, Seda Yildiz.

Copyright © 2018
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit vorheriger Genehmigung des Verlags. Für übermittelte Manuskripte und Originalvorlagen wird keine Haftung übernommen.

ISBN 978-3-902911-44-5
ISSN 1015 1915
GTIN 4 19 23106 1600 5 00142