Camera Austria International
100 | 2007
- CHRISTINE FRISINGHELLI, WALTER SEIDL
Zum Projekt "I am not afraid" - DAVID GOLDBLATT
Liebe Christine - JOYCE OZYNSKI
Market Photo Workshop - PATRICIA HAYES
Visual Emergency? Fusion und Fragmentierung in der Südafrikanischen Fotografie der 1980er Jahre - WILSON JOHWA
The Back and Forth Projekt - RORY BESTER
From the Market Photo Workshop - BONILE BAM
Initiation of the Mind - JODI BIEBER
David
- ZANELE MUHOLI
Faces & Phases - SABELO MLANGENI
Invisible Women - LERATO MADUNA
Diski 9/9 - Us and the Ball - NONTSIKELELO VELEKO
- WILSON JOHWA
Mpilonhle Mpilonde (Good Life, Long Life) - NONTSIKELELO VELEKO
The Ikageng Women's Outreach Project - JO RACTLIFFE, PETER MCKENZIE, SEAN O'TOOLE
Prä-post: Ein Kurs (in) Südafrikanischer Fotografie - JOHN FLEETWOOD
Market Photo Workshop. Strategien für eine Fotografieausbildung
Vorwort
Für unsere Jubiläumsausgabe Camera Austria 100 wollen wir bewusst auf einen Rückblick auf die eigene Geschichte verzichten, sondern im Gegenteil in die Zukunft blicken. Wir widmen dieses Heft – das die gleichnamige Ausstellung begleitet – dem von David Goldblatt Ende der 80er Jahre in Johannesburg gegründeten Market Photo Workshop. Damit knüpft dieses Heft an einen programmatischen Schwerpunkt unserer Zeitschrift an: die gesellschaftlichen Gebrauchsweisen der Fotografie zu reflektieren, künstlerische Produktion direkt zu unterstützen und gerade auch den jüngsten Strömungen zeitgenössischer Fotografie und Medienkunst eine Plattform zu bieten.
2001 äußerte sich Pierre Bourdieu in einem Interview gegenüber Camera Austria zum Feld der kulturellen Produktion und beschrieb dieses als „verkehrte Welt der Ökonomie“. Je spezialisierter die jeweiligen kulturellen Felder seien, umso weniger seien diese kommerzialisierbar, im Gegenteil: Eine Fixierung auf spezifische Inhalte garantiere den jeweiligen kulturellen Feldern mehr Autonomie – eine Autonomie, die allerdings durch den Neoliberalismus mit seinem Streben nach Durchkommerzialisierung aller gesellschaftlichen Bereiche latent bedroht sei.
Im Gründungsjahr von Camera Austria – 1980 – sind Herausgeber und Redakteure dieser Zeitschrift angetreten, einen bis dahin (zumindest im europäischen Kunstgeschehen) marginalisierten Bereich im ohnedies kleinen Feld der zeitgenössischen künstlerischen Produktion zu stärken, indem sie mit Camera Austria eine Zeitschrift ins Leben riefen, die sich in der Hauptsache der Fotografie widmet. Dass sich unser Projekt im ebenso schützenden wie künstlerisch herausfordernden Rahmen des Forum Stadtpark entwickeln konnte, aber auch der Sonderstellung der Fotografie im künstlerischen Feld, haben wir einen großen Teil der Autonomie unserer Arbeit zu verdanken.
Camera Austria International 100 | 2007
Vorwort
Für unsere Jubiläumsausgabe Camera Austria 100 wollen wir bewusst auf einen Rückblick auf die eigene Geschichte verzichten, sondern im Gegenteil in die Zukunft blicken. Wir widmen dieses Heft – das die gleichnamige Ausstellung begleitet – dem von David Goldblatt Ende der 80er Jahre in Johannesburg gegründeten Market Photo Workshop. Damit knüpft dieses Heft an einen programmatischen Schwerpunkt unserer Zeitschrift an: die gesellschaftlichen Gebrauchsweisen der Fotografie zu reflektieren, künstlerische Produktion direkt zu unterstützen und gerade auch den jüngsten Strömungen zeitgenössischer Fotografie und Medienkunst eine Plattform zu bieten.
2001 äußerte sich Pierre Bourdieu in einem Interview gegenüber Camera Austria zum Feld der kulturellen Produktion und beschrieb dieses als „verkehrte Welt der Ökonomie“. Je spezialisierter die jeweiligen kulturellen Felder seien, umso weniger seien diese kommerzialisierbar, im Gegenteil: Eine Fixierung auf spezifische Inhalte garantiere den jeweiligen kulturellen Feldern mehr Autonomie – eine Autonomie, die allerdings durch den Neoliberalismus mit seinem Streben nach Durchkommerzialisierung aller gesellschaftlichen Bereiche latent bedroht sei.
Im Gründungsjahr von Camera Austria – 1980 – sind Herausgeber und Redakteure dieser Zeitschrift angetreten, einen bis dahin (zumindest im europäischen Kunstgeschehen) marginalisierten Bereich im ohnedies kleinen Feld der zeitgenössischen künstlerischen Produktion zu stärken, indem sie mit Camera Austria eine Zeitschrift ins Leben riefen, die sich in der Hauptsache der Fotografie widmet. Dass sich unser Projekt im ebenso schützenden wie künstlerisch herausfordernden Rahmen des Forum Stadtpark entwickeln konnte, aber auch der Sonderstellung der Fotografie im künstlerischen Feld, haben wir einen großen Teil der Autonomie unserer Arbeit zu verdanken.
Dankbar und mit Freude, aber auch erstaunt, blicken wir jetzt mit dem Erscheinen unserer 100. Ausgabe auf nunmehr fast dreißig Jahre kontinuierliche Arbeit zurück und stellen fest, dass es gelungen ist, ein Projekt zu professionalisieren und dabei – wie wir finden – zu einem guten Teil den Zwängen der Ökonomie zu widerstehen. Camera Austria hat in Österreich wie international eine Position gefunden und ist ein wichtiges Forum innerhalb der Debatten rund um die Fotografie der Gegenwart geworden. Das hat, zusammen mit unserer Ausstellungspolitik und die für die theoretische Einbettung dieser Arbeit entscheidenden „Symposien über Fotografie“ auch dazu beigetragen, dass die Stadt Graz zu einem zentralen Punkt innerhalb eines Koordinatensystems rund um die Belange der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie geworden ist, und dass gerade an diesem spezifischen Ort in Österreich die künstlerische, theoretische und publizistische Auseinandersetzung mit Fotografie im Kontext zeitgenössischer Kunst auf hohem Niveau geführt wird.
Dass es gelungen ist, diese Arbeit über einen so langen Zeitraum und erfolgreich zu realisieren, hat aber nicht nur mit dem besonderen Fokus dieser Arbeit und mit unserer Beharrlichkeit in der Sache zu tun, sondern auch mit der Unterstützung unseres ambitionierten Projektes durch Viele: Hier seien zuallererst die Künstler und Künstlerinnen genannt, denen das Projekt Camera Austria von Anfang an gewidmet war und denen es gewidmet bleibt. Mit ihrer Arbeit definieren sie die Schwerpunkte der jeweiligen Heftinhalte, darüber hinaus tragen sie durch die Gestaltung ihrer Beiträge wesentlich zum Erscheinungsbild der Zeitschrift bei. Unser Dank gilt gleichermaßen unseren Autoren und Autorinnen. Die Sicherung der Autonomie unseres kulturellen Feldes aber verdanken wir nicht zuletzt der Kulturpolitik in Österreich, im Bundesland Steiermark und der Stadt Graz. Jüngste Ereignisse in der österreichischen Kulturlandschaft haben gezeigt, wie unerwartet und schnell herausragende Institutionen, die allein durch die Wirtschaft und Private getragen werden, brüchig werden können, oder auch umgekehrt: wie sehr die Glaubwürdigkeit von (auch öffentlichen) Institutionen leiden kann, wenn Erfolge ausschließlich an Besucherzahlen gemessen werden und aus diesem Grunde von den Verantwortlichen kommerzialisierbare Projekte bevorzugt werden müssen. Auch Camera Austria war nicht frei von Anfeindungen und musste sich in wechselnden politischen Rahmenbedingungen behaupten und Freiräume immer wieder neu erkämpfen. Wir sind dankbar und froh, viele Freunde und Verbündete gefunden zu haben, die in ihrem politischen Verständnis der Autonomie im Feld kultureller Produktion einen hohen Stellenwert einräumen. Unser kompromisslos der künstlerischen Arbeit und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung gewidmetes, an ein internationales und höchst anspruchsvolles Publikum gerichtetes Zeitschriften- und Ausstellungsprojekt könnte ohne solche Unterstützung nicht realisiert werden. Davon zeugt unter anderem der seit 1989 vergebene „Camera Austria-Preis der Stadt Graz für zeitgenössische künstlerische Fotografie“, der in diesem Jahr im Rahmen der Präsentation unserer 100. Ausgabe an die junge georgische Künstlerin Marika Asatiani vergeben wird, und mit dem nach außen ein deutliches Zeichen der Anerkennung unserer Arbeit gesetzt wird. Davon zeugt aber auch der Umzug in das Kunsthaus Graz im Jahr 2003, der nicht nur das Einrichten einer öffentlichen Studienbibliothek zur Folge hatte, sondern uns über die Publikation der Zeitschrift hinaus auch Ausstellungen größeren Umfangs und größerer Kontinuität als bisher möglich machte. Dafür sagen wir herzlichen Dank.
Dass dieses Projekt so weit gedeihen konnte ist aber auch ein Verdienst der vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den vergangenen Jahren das Projekt Camera Austria mitgetragen haben. Sie haben – oft genug unter einer für diese Art von Projekten typischen, aber nichtsdestoweniger enormen Arbeitsbelastung – das redaktionelle Alltagsgeschäft ebenso wie die kuratorischen und ausstellungstechnischen Arbeiten mit großem Engagement und Kenntnis in der Sache bewältigt. Stellvertretend für Sie sei an dieser Stelle insbesondere Seiichi Furuya und Reinhard Braun gedankt, deren langjährige Mitarbeit unser Projekt entscheidend geformt hat. Wir denken in diesem Zusammenhang aber auch an Elisabeth Printschitz und Jörg Schlick, die leider so früh verstorben sind, und die durch ihre Freundschaft, ihre künstlerische Mitarbeit und editorische Genauigkeit das Profil unserer Tätigkeiten mit geprägt haben.
Um unsere aktuellen Projekte im Kontext unserer editorischen und kuratorischen Entscheidungen seit 1980 sichtbar zu machen, und gerade um auch unseren jüngeren LeserInnen Einblick in die künstlerischen und theoretischen Debatten zu bieten, publizieren wir zum gegebenen Anlass zusätzlich zur vorliegenden Ausgabe einen Index der Hefte Camera Austria Nr. 1 – 100: Von Nobuyoshi Araki bis Heimo Zobernig, von Diane Arbus bis Jeff Wall: In den 100 Ausgaben seit 1980 sind über 3000 österreichische und internationale Künstler und Künstlerinnen vorgestellt worden, annähernd 800 Autorinnen und Autoren haben in unserer Zeitschrift den kritischen Diskurs um die zeitgenössische Fotokunst weitergeführt, und dabei ihr Augenmerk auf aktuelle künstlerische Ansätze gerichtet, die sich vor dem Hintergrund gesamtkultureller Bedingungen und Entwicklungen mit den Dispositiven der Fotografie und neuer Bildtechnologien, mit deren Wirkungsweisen und Rezeptionsmustern beschäftigen.
Das kulturelle Feld ist größer geworden, das Interesse an der künstlerischen Fotografie hat deutlich zugenommen in den letzten Jahren. Der Index Camera Austria 1 – 100 ist so zu einem Nachschlagwerk geworden, das über die Entwicklung der internationalen Fotokultur Auskunft gibt sowie über die Inhalte von fast drei Jahrzehnten zeitgenössischer Kunstproduktion.
An dieser Stelle wollen wir schließlich unseren AbonnentInnen, LeserInnen und Inserenten herzlich für ihr so kontinuierliches Interesse an unserem Projekt danken: Durch Ihr Engagement sind Sie die eigentlichen Träger dieses so anspruchsvollen, so wenig marktgängigen wie kommerzialisierbaren Produktes, wie es die Zeitschrift Camera Austria darstellt.
Christine Frisinghelli
Maren Lübbke-Tidow
Manfred Willmann
November 2007
Beiträge
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CHRISTINE FRISINGHELLI, WALTER SEIDL
Zum Projekt "I am not afraid"
„I am not afraid“. Dies ist der Titel einer Arbeit der jungen südafrikanischen Künstlerin Nontsikelelo Veleko, dessen Ausrufungscharakter uns nicht nur passend erschien im Hinblick auf das vorliegende Heft von Camera Austria, mit dem wir die 100. Ausgabe dieser Zeitschrift feiern dürfen – nein, der Titel dieser fotografischen Aufnahme, „I am not afraid“, der sich auf ein im Stadtraum von Johannesburg gefundenes Graffiti bezieht, führt auch sehr direkt in die Thematik der Beiträge in diesem Heft insgesamt ein.
Dem Market Photo Workshop – einer von David Goldblatt in Johannesburg Ende der 1980er Jahre gegründeten und auch zur Zeit der Apartheid für alle Ethnien offen geführten Schule für Fotografie – und ihren Studierenden bzw. AbsolventInnen ist diese (Jubiläums-) Ausgabe von Camera Austria gewidmet. Besonderes Augenmerk in seiner Programmatik legte der Market Photo Workshop von Beginn an auf Themen, die während und nach der Apartheid das soziale und politische Leben Südafrikas bestimmen. Mit ihrer fotografischen Praxis und künstlerischen Arbeit stellen sie sich sehr direkt den dringenden politischen Fragen des Landes. Die Auseinandersetzung mit der Struktur und Ordnung des öffentlichen Raumes bildet dabei oftmals einen Ausgangspunkt in der Arbeit der FotografInnen, die sich in der Recherche und im Handeln dabei oft auch Gefahren aussetzen müssen. Denn ihre Arbeit konfrontiert die FotografInnen mit verschiedenen Formen der Prekarität, die sich in Migration, Gewalt, Obdachlosigkeit, HIV und der Diskriminierung von Frauen ausdrückt und die zu den unübersehbaren gesellschaftspolitischen Problemfeldern des südafrikanischen Alltags zählen.
Was innerhalb des postkolonialen theoretischen Diskurses seit den 1990er Jahren im westlichen Kontext verhandelt wurde zeigt sich im harschen Alltag in Südafrika oftmals sehr konkret: Hier ist jeder Einzelne durch sein persönliches Schicksal zur Auseinandersetzung und Positionierung gezwungen.
Neben den in diesem Heft dokumentierten Positionen und Dokumentationen geben eine Reihe von AutorInnen Einblick in die künstlerische und gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit und um Fotografie in Südafrika: David Goldblatt und Joyce Ozynski führen in den historischen Kontext der Gründung des Workshop ein und stellen die damaligen Hoffnungen und Intentionen aus der Sicht der aktuellen politischen Situation dar. Die Historikerin Patricia Hayes schreibt über die zeitgenössische dokumentarische Praxis in Südafrika in Bezug zum engagierten Aktivismus der Anti-Apartheid-Bewegung, zu dem die Fotografie entscheidend beigetragen hat. John Fleetwood, Leiter des Market Photo Workshop, berichtet über die Möglichkeiten und das Funktionieren einer unabhängig geführten Ausbildungsstätte im heutigen Südafrika. Der Kunsthistoriker Rory Bester führt in dokumentarische Praktiken zeitgenössischer Fotografie in Südafrika und direkt in die publizierten und in der Ausstellung gezeigten Arbeiten ein. In einem Gespräch zwischen der Fotokünstlerin Jo Ractliffe, dem Bildjournalisten Peter McKenzie und dem Kritiker Sean O’Toole erfahren wir von unterschiedlichen künstlerischen Haltungen und gemeinsamen ethischen Grundsätzen im Kampf gegen staatliche Gewalt und Diskriminierung.
Wir danken allen Beteiligten – FotografInnen, MitarbeiterInnen des Workshop, AutorInnen – die sich von der Idee für dieses Projekt begeistern ließen und mit uns an dessen Realisierung gearbeitet haben. Für seinen Enthusiasmus und die unentbehrliche Hilfestellung danken wir allen voran David Goldblatt, und dieser Dank schließt Lily Goldblatt ein, die uns auf allen Wegen durch Johannesburg begleitet hat. John Fleetwood hat uns in den Market Photo Workshop eingeführt und Einblick in die Arbeit mehrerer Generationen von FotografInnen des Workshop gewährt; ihm und seinem Team – allen voran Lester Adams und Sydelle Willow Smith – sind wir für jede nur denkbare Hilfestellung bei der inhaltlichen Entwicklung und der Bewältigung aller technischen Schritte in der Realisierung von Ausstellung und Publikation verpflichtet: Ohne sie würde es dieses Projekt nicht geben.
Christine Frisinghelli, Walter Seidl
November 2007Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 12.
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DAVID GOLDBLATT
Liebe Christine
Du hast mir vor ein paar Monaten am Telefon gesagt, dass Du die 100. Ausgabe vonCamera Austria nicht mit einem Blick auf die Vergangenheit, sondern mit einem Blick in die Zukunft feiern möchtest und dass Du gedenkst, sie deshalb dem Werk und den Mitgliedern des Market Photo Workshop in Johannesburg zu widmen. Wir alle, die mit dem Workshop verbunden sind, sind darüber hocherfreut und fühlen uns geehrt, dass die Wahl uns gefallen ist. Für uns ist das keine Kleinigkeit und wir danken Dir dafür. Mit Deiner Betonung der Zukunft hast Du auch mich dazu angestoßen, einige Gedanken – nicht alle davon hoffnungsfroh – zur Zukunft des Workshops und zur Fotografie, die daraus hervorgehen könnte, zu formulieren. Aber lass mich zunächst etwas über die Vergangenheit sagen.
Das Market Theatre, mit dem der Workshop eng verbunden ist, entstand auf dem Höhepunkt der Apartheid. Die Rechtslage war damals unmissverständlich: Gemischtrassiges Theater war illegal. Zwar konnte eine Rasse den Aufführungen einer anderen beiwohnen, aber die Besetzung oder das Publikum durften nicht gemischt sein. Die zwei Gründer des Market Theatre, Barney Simon und Manny Manim, stellten ein eindeutiges, unumstößliches Prinzip auf: Es sollte im Market Theatre keinerlei rassische Restriktionen geben. Kein nach Rassen definiertes Publikum, keine Einschränkung der Regisseure bei Besetzungsentscheidungen, keine nach „Weißen“ und „Nicht-Weißen“ getrennten Toiletten. Einfach nur Menschen. Es ist schwierig, heute die schiere Freude und das Hochgefühl zu beschreiben, das damit verbunden war, diesen Ort aufzusuchen und gemeinsam mit Mitbürgern aller Hautfarben an dem reichhaltigen Theater teilzunehmen, das dort entstand. Die Regierung ließ das schlauerweise zu. In einer Zeit, als die Welt die Apartheid zunehmend kritisierte, konnte sie auf das Market Theatre als ein Beispiel für ihre „Toleranz“ verweisen.
Als in den späten 1980er Jahren der Workshop ins Leben gerufen wurde, war es sinnvoll, dies unter dem Dach des Market Theatre zu tun, das sich mit seiner Arbeit und seiner Haltung gegenüber der Apartheid internationalen Ruhm erworben hatte. Die Dachorganisation stellte dem Workshop eine administrative Infrastruktur zur Verfügung und brachte ihm die Anerkennung internationaler Stiftungen ein. Der Workshop wurde mit dem idealistischen Ziel gegründet und gefördert, Bildwissen und praktische fotografische Kenntnisse für Menschen aller Rassen anzubieten, insbesondere für jene, denen die Apartheid den Zugang zum Erwerb solcher Fähigkeiten weitgehend versagt hatte. Es war ein im Apartheid-Südafrika einmaliges Unterfangen. Diese Idee wurde dann ausgebaut und weiterentwickelt, so dass der Workshop heute praktisch eine ausgewachsene Fotografieschule ist. 150 bis 200 Studenten durchlaufen sie Jahr für Jahr, von denen viele professionelle Fotografen in unterschiedlichen Sparten werden. Der Erfolg des Workshops verdankt sich in hohem Maß der Qualität und dem Idealismus derer, die ihn betrieben und dort unterrichtet haben. Ihr Engagement ging über die beschränkten Honorare, die ihnen gezahlt werden konnten, weit hinaus. Getragen – und beflügelt – wurde dieses Engagement wie der Workshop selbst von einem unausgesprochenen, vagen aber doch klar erkennbaren Geist bzw. einer Ethik, die die Lehre und die daraus hervorgehende Fotografie deutlich prägten.
Es war ein Geist, der dem Kampf gegen die Apartheid entsprang. Dieser verlangte geradezu eine fotografische Antwort, die nicht auf konzeptuellen, sondern auf „realen“ Fragen beruhte. Die Teilnehmer waren von Fotografen wie Ernest Cole, Alf Khumalo, Peter Magubane, Gideon Mendel, Themba Nkosi, dem Afrapix Kollektiv und später, in den 1990er Jahren, vom Bang-Bang Club inspiriert. Der Workshop wurde zwar nicht zu einer Brutstätte der „struggle photography“, aber es herrschte ein gewisser Ernst; eine Leidenschaft für so genannte dokumentarische Arbeiten, die den Status Quo hinterfragten und sich ihm widersetzten.
Wir haben die Apartheid jetzt hinter uns und finden nun im Workshop eine neue Generation junger Leute vor – Schwarze, die nicht unter dem Leichentuch der Bantu-Erziehung mit ihren lähmenden Folgen für die persönliche Entwicklung aufgewachsen sind; Weiße, die nicht von Schuld zerfressen sind. Diese neuen Studenten sind meist voller Energie und Selbstvertrauen und das zeigt sich auch in ihren Fotos. Und auch wenn es eine zunehmende Tendenz zur Beschäftigung mit sich selbst – zur Nabelschau – gibt, so besteht doch immer noch Interesse an sozialen Fragen. Wie aber steht es um die Zukunft?
Wir Südafrikaner befinden uns heute in einer weitaus günstigeren Lage als zu Zeiten der Apartheid, und angesichts von Gewaltkriminalität, Armut, Arbeitslosigkeit, AIDS und anderen Übeln, die uns derzeit zu schaffen machen, tun wir gut daran, nicht zu vergessen, wo wir hergekommen sind. Aber das sollte uns nicht die Augen vor Problemen verschließen lassen, die das Leben von Abermillionen Menschen hier bitter verdüstern. Weniger unmittelbar, doch nicht minder Besorgnis erregend sind Phänomene, die eine ernste Gefahr für unsere junge, verletzliche Demokratie darstellen – autoritäre Tendenzen in der Regierung, zunehmend rassistisch und nicht mehr politisch motivierte Unterteilungen des öffentlichen Lebens sowie ein manisches Streben nach Reichtum und Macht, das fast jede Korruption entschuldigt. Der Rechtsstaat hat kaum noch Wurzeln geschlagen. Was hat all das mit einer kleinen Fotografieschule zu tun? Vielleicht nicht viel, wenn wir eine kleine Kunstakademie wären oder eine Schule für Amateure oder eine Fachhochschule, die ihre Studenten zum Erwerb von Diplomen treibt. Doch wiewohl der Workshop von allem ein wenig ist, ist er doch nichts von alledem. Er ist eine hybride Einrichtung, die in einer unausgesprochenen, aber erkennbaren Ethik verankert ist, und die interessiert sich nun einmal für das Gemeinwohl, dafür, was in der Gesellschaft, in der sie operiert, vor sich geht. Und um diese Ethik fürchte ich aus mehreren Gründen.
Es gibt keinen klar identifizierbaren „Feind“ mehr, sondern eine hochkomplexe soziale Realität, in der es nicht so einfach ist, eine kritische Sensibilität zu entwickeln, und erst recht nicht eine, die sich fotografisch ausdrücken lässt. Dazu kommt der steigende Wohlstand, so langsam er auch steigt, und mit ihm verständlicherweise der Genuss von Komfort und Luxus. Man wird sehen, ob der Konsumismus unter unseren Studenten eher das Einverständnis mit dem Status Quo oder seine Infragestellung fördern wird.
Zur Zeit der Apartheid lehnten die Market Theatre Foundation und der Workshop jegliche Finanzierung oder Unterstützung durch den Staat ab. Mit dem Ende der Apartheid wurde diese Politik aufgegeben und später, als das Market Theatre schlechte Zeiten erlebte, komplett auf den Kopf gestellt. Um seinen Bankrott und sein völliges Verschwinden abzuwenden, wurde es dem Ministerium für Kunst und Kultur unterstellt, das heute sein Hauptgeldgeber ist. Formal und finanziell ein Teil der Foundation, stand der Workshop vor der Wahl, sich entweder abzuspalten und selbständig zu werden, was schwierig aber möglich gewesen wäre, oder den neuen Dispens zu akzeptieren. Er akzeptierte.
Bisher hat sich das Ministerium für Kunst und Kultur dem Theater und dem Workshop gegenüber sehr neutral verhalten. Aber es gibt keine Garantie, dass das so bleibt. Es gibt in der Regierung beunruhigende Tendenzen, die auf eine generelle Zügelung des Milieus hindeuten, in dem Medien und Kunst gedeihen. Doch selbst unter einem wohlwollenden Regime hat die Anbindung des Workshops an den Staat und die weitgehende finanzielle Abhängigkeit von ihm meiner Meinung nach etwas fundamental Beunruhigendes. Das Ministerium wird letztlich von Politikern kontrolliert, deren Hauptinteresse die Wahrung und Erweiterung ihrer Macht ist. Studenten aber sollten frei sein, Dinge in Frage zu stellen, das Undenkbare zu denken, ikonoklastisch zu sein, und meiner Meinung nach sollte der Workshop ein Ort sein, an dem sie ermutigt werden, genau das zu tun. Wir sollten uns davor in Acht nehmen, es uns in den Armen des Staates gemütlich zu machen.
Nochmals vielen Dank, Christine, für die Anerkennung, die Du dem Workshop in Camera Austria zuteil werden lässt.
David
Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 13.
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JOYCE OZYNSKI
Market Photo Workshop
[…] Das Leben in Südafrika war immer statisch gewesen. Da waren die Armee, die Medien, das Arsenal repressiver Gesetzgebung und die von Weißen kontrollierte Wirtschaft, mit denen man fertig werden musste. Der ANC und andere hatten diese Festung seit Jahrzehnten zu stürmen versucht. Man wusste, was man zu erwarten hatte. Nur der Zynismus wuchs bei dem Versuch, die Enthüllungen über die Brutalität der Nationalpartei und der Inkatha zu verarbeiten. Wer konnte das alles fassen? Wir mussten es, und wir mussten versuchen, es zu antizipieren.
Im Südafrika der 70er, 80er und 90er Jahre entwickelte jeder denkende Mensch seine Weltsicht im Widerspruch zu dieser „Realität“ der Nationalpartei. Die flächendeckende Propaganda, der Euphemismus von den geografisch „getrennten aber gleichen“ Bantustans, die unablässige Erstickung des Denkens in Form von Filmen, Zeitungen, Kalendern, T-Shirts, Büchern, Zeitschriften versuchten eine falsche Realität zu erzeugen. Wenn die Polizei Demonstranten erschoss, erhielt die Presse keinen Zugang zum Tatort. Zeitungen mussten neben der Geschichte eines Reporters eine Sachverhaltsdarstellung der Polizei abdrucken. Zeugnis von den eigenen Erfahrungen abzulegen wurde zu einem entscheidenden Moment der Befreiung von der Tyrannei des alten Regimes.
Triebkraft für die selbstlose Mitarbeit der vielen, vielen Menschen beim Market Theatre, in der Galerie und beim Workshop war die Anerkennung des Werts jedes einzelnen von ihnen, so gering er auch sein mochte. Jede Tätigkeit und jedes Kunstwerk war von dem Widerspruch gegen die Vorstellung von der Aristokratie der weißen Rasse durchdrungen. Der Struktur unserer Gesellschaft lag der mechanische Glaube zugrunde, dass jeder, der nicht weiß ist, wertlos ist. Bei der Behauptung des Gegenteils kam der Fotografie aufgrund ihrer Beweiskraft eine Schlüsselrolle zu. Sie gab uns etwas zurück, was uns genommen worden war: Würde, Menschlichkeit, Verletzlichkeit. […]Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 15–17.
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PATRICIA HAYES
Visual Emergency? Fusion und Fragmentierung in der Südafrikanischen Fotografie der 1980er Jahre
[…] Die Kunst folgt der Politik nicht nur: Geschichte wird auch von Bildern konstituiert. Für ein Verständnis der südafrikanischen Fotografie in den 1980er Jahren ist es vielleicht notwendig, die Veränderungen in der urbanen Dokumentation von den 1960er Jahren bis heute mit einzubeziehen. Da sind entscheidende Kontinuitäten und Brüche zu erkennen, doch eine umfassendere Artikulation der daran beteiligten Kräfte (und Archive) beginnt erst jetzt in der Post-Apartheidzeit Gestalt anzunehmen. Einige Stränge der Dokumentarfotografie der 80er Jahre reichen bis in die Gegenwart herein und überbrücken so die oft künstliche Kluft zwischen Apartheid- und Post-Apartheidzeiten, stören die saubere zeitliche Trennung von damals und heute. Da viele Afrapix-Fotografen in den 1980er Jahren erst in ihren Zwanzigern waren und heute in ihren Vierzigern sind, wird ein anderer zeitlicher Umbruch als ein bloßer Generationswandel erkennbar: Es sind dieselben Fotografen, die sich – begleitet von technologischen Verschiebungen – in zeitgenössischen Kontexten mehr oder weniger neu definieren.
Allerdings gab es in der Fotografie unleugbare Problembereiche, die in den 1980er Jahren angesprochen werden mussten, wenn die Repräsentationen repräsentativer werden sollten. Neben den bekannten – und vorhersehbaren – Verflechtungen von Rassen und Klasse, erwies sich vor allem die Genderfrage als problematisch, auch wenn manche Teile von Afrapix nicht dieser Meinung waren. Im Fotokollektiv gab es eine kleine weibliche Minderheit, die, mit Ausnahme von Zubeida Vallie in Kapstadt und Deseni Moodliar in Durban vorwiegend aus Weißen bestand. Eine der Fotografinnen beschrieb die Sozialpyramide so: „Es gab eine Hierarchie, und zwar eine sehr südafrikanische, in der die weißen Männer dominierten, dann kamen Männer anderer Hautfarbe, mit denen die weißen Frauen etwa auf derselben Stufe standen.“ Der Rest der Pyramide liegt auf der Hand. Diese Fragen haben sich keineswegs erledigt. Aber bei einer neueren Interviewserie war ich doch überrascht von einem anscheinend neuen soziokulturellen Post-Apartheid-Phänomen: Dass nämlich die talentierten Töchter aus vielen de facto von Frauen geführten Haushalten an Orten wie Soweto imstande waren, als Fotografinnen zu reüssieren. […]
Es ist als hätten die Töchter der im Vordergrund, am unteren Bildrand positionierten Frauen auf dem Begräbnisfoto mit Desmond Tutu plötzlich den Repräsentationsraum besetzt und als würden sie ihn übernehmen. Das gibt Anlass zu Optimismus, weil es weit über die beherzten Darstellungsversuche stiller Frauenleben hinausgeht, die die wenigen Fotografinnen der 1980er Jahre unternahmen. […]Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 18–22.
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Visual Emergency? Fusion und Fragmentierung in der Südafrikanischen Fotografie der 1980er Jahre
Gille de Vlieg, Archbishop Desmond Tutu speaking out against "necklace" killings at a funeral in KwaThema township, Transvaal, Juli / July 1986.
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WILSON JOHWA
The Back and Forth Projekt
Vor zehn, zwanzig Jahren wagten sich nur wenige Geschäftsleute in ein anderes Land, um dort Handel zu treiben und damit die Grenzen des Unternehmertums auszuweiten. Selbst damals konnten sich viele nicht die Annehmlichkeit eines eigenen Fahrzeugs leisten, sondern nahmen eben die Reisemöglichkeiten, die sich sonst so boten. Im Lauf der Zeit scheint sich der Trend verstärkt zu haben. Mehr von den Leuten, die man kennen lernte oder kannte, hatten selbst mit informellem grenzüberschreitendem Handel zu tun. Ihre Verbindung beruhte meist auf einem bestimmten Produkt, das nur sie ins Land brachten. […] Im September 2005 hatten wir mit finanzieller Unterstützung von Getty Images das einjährige Fotojournalismus- und Dokumentarfotografie-programm (PDP) ins Leben gerufen, steckten also gerade ein paar Monate weit im ersten Jahr eines Lehrgangs, der aufstrebende afrikanische Fotografen mit gewissen Fertigkeiten ausstatten und darauf trimmen sollte, zeitgemäße afrikanische Geschichten zu erzählen. Was für eine bessere afrikanische Geschichte konnte es geben, als die vom Aufstieg dieser reisenden Geschäftsleute? […]
Das Fotografieprojekt „Back and Forth: Informal Cross Border Traders in Southern Africa“ richtet seinen Fokus auf die sozio-ökonomischen Verhältnisse informeller grenzüberschreitender Händler mit besonderem Augenmerk auf deren Verletzlichkeit durch Faktoren wie Ungleichheit der Geschlechter, schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Trennung von der Familie, Ausbeutung und Diskriminierung, mangelnder Zugang zu Gesundheitsversorgung und anderen Sozialleistungen.
Realisiert wurde das Projekt in einer Zusammenarbeit zwischen dem von der internationalen Organisation für Migration (IOM) eingerichteten Programm Partnership on HIV and Mobility in Southern Africa (PHAMSA) und dem einjährigen Fotojournalismus- und Dokumentarfotografieprogramm (PDP) des Market Photo Workshop (WPW).TeilnehmerInnen:
Studierende im Fotojournalismus und Dokumentarfotografieprogramm des Market Photo Workshop:
Matthews Baloyi; Antony Kaminju; Shabba Kgotlaetsho; Lerato Maduna; Thato Mogotsi; Masimba Sasa; Moshe Sekete.Beauftragte Fotografen:
Monirul Bhuiyan; Tomas Cumbana; Tony Figueira; Tsvangirayi Mukwazhi.Technische Beratung:
Reiko Matsuyama.Projektleitung:
Kirsten Doermann, Wilson Johwa – Market Photo Workshop.Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 23–43.
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The Back and Forth Projekt
Vendors sell refreshments to travellers on their way to Botswana during a stop close to the Zimbabwe border. Photo: Tsvangirayi Mukwazhi.
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The Back and Forth Projekt
Aus / From: The Back and Forth Project, 2006. Photo: Moshe Sekete.
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RORY BESTER
From the Market Photo Workshop
[…] Historisch gesehen schuf das Apartheid-System eine „Sensibilität“ in Bezug auf rassische Über- oder Unterlegenheit; dies geschah mithilfe räumlicher Praktiken, die sich akribisch der Macht von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit bedienten, um damit Vorurteile zu zementieren. Die aus dem MPW hervorgegangene Dokumentarfotografie repräsentiert in vieler Hinsicht eine erste Generation von Post-Apartheid-Fotografen, deren Innovationskraft und künstlerischer Output nicht im Archiv der Apartheid wurzeln – eine bemerkenswerte Leistung, wenn man die Hartnäckigkeit ihres Erbes bedenkt. […]
Die zeitgenössische Dokumentarfotografie – im weitesten Sinn – schafft gleichzeitig eine Verbindung und einen Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart Südafrikas. Was ihre Vorgangsweise und ihren Fokus anbelangt, geht es ihr darum, das Sichtbarkeitsregime der Apartheid zu stürzen, indem sie aus Archiven zutage fördert, was unsichtbar gemacht wurde (und in manchen Fällen immer noch unsichtbar ist), und zugleich neue, zeitgemäße Formen der Sichtbarkeit zu dokumentieren und zu erfinden. Insofern spielt die Dokumentarfotografie eine wesentliche Rolle für die Entwicklung neuer Post-Apartheid-Sensibilitäten. Da der MPW im Zentrum von Johannesburg liegt, ist es nicht verwunderlich, dass auch die Fotos der Studierenden und Absolventen zu einem großen Teil in urbanen Situationen angesiedelt sind und sich häufig mit Fragen urbaner Identität auseinandersetzen. […]
Fotografie ist eine Schlüsselstrategie für den Kampf zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und die Schaffung neuer Sensibilitäten im post-apartheidlichen Südafrika. Im Vergleich zu akademischen Studiengängen sind die Kurse am MPW zwar kurz, doch zeichnen sich Lehre und Studium durch große Intensität aus. Der Erfolg der unterschiedlichen Programme des MPW lässt sich am Erfolg der Absolventen in lokalen und internationalen Galerien und Ausstellungen ablesen. Die Studenten und Absolventen des MPW stehen in vieler Hinsicht in an vorderster Front kritischen Denkens und dokumentarfotografischer Innovation im post-apartheidlichen Südafrika. Mit der Verbindung individueller Fotoessays und längerfristiger Sozialprojekte geht der MPW einen neuen Weg, um der Dokumentarfotografie im postrepressiven Afrika einen Platz zu geben und Bedeutung zu verleihen.Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 44–47.
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From the Market Photo Workshop
Vathiswa Ruselo, "Homicidal Hank" (born 1952), "Non-white" Lightweight Champion, aus der Serie: Forgotten Hereos, 2005. Gelatin silver print, 54 cm × 41 cm.
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BONILE BAM
Initiation of the Mind
Beim Stamm der Xhosa in Südafrika wird ein Kind nicht als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert, solange es nicht formell initiiert wurde. Dazu muss es an einer an einer Initiationszeremonie teilnehmen, die das Ende der sorgenfreien Jugend markiert und die Bereitschaft, die Verantwortung des Erwachsenen zu übernehmen. Der Mann muss beweisen, dass er geeignet ist, seine Rolle als Ernährer und Beschützer der Familie zu erfüllen, während die Frau die Ehe empfängt und zur Hüterin des Hauses wird.
Ins Mannesalter treten die älteren Knaben durch eine Jahrhunderte alte Bewährungsprobe ein, die im Prinzip eine Beschneidung ist. Macht ein Knabe diese Riten nicht mit, bleibt er für immer ein Kind. Die Bewährungsprobe müssen immer mehrere jungen Männer gemeinsam bestehen. Als erstes wird ein Betreuer bestimmt, der sie physisch beaufsichtigt und dafür sorgt, dass sie sich richtig benehmen und nicht zu Schaden kommen, aber auch als Lehrer fungiert.
Der Ingcibi (ein Mann, der geschickt im Umgang mit dem kurzstieligen und sehr scharfen Assegai ist) entfernt die Vorhäute. Danach betreten die Initianden ihre abgeschiedene Hütte, wo sie ihre Wunden mit bestimmten Heilkräutern verbinden und ihre Organe in aufrechter Position an ihren Hüftbändern befestigen, bis die Wunden verheilt sind. Ihre Körper werden mit weißem Lehm beschmiert, der nicht abfallen soll und der, falls es doch geschieht, sofort ersetzt werden muss. Im Allgemeinen dürfen sie keine frische Nahrung zu sich nehmen und die Flüssigkeitsaufnahme ist beschränkt.
Die Isolierung findet gewöhnlich im Winter (Juni) und im Sommer (Dezember) statt. Der gesamte Prozess dauert etwa 12 Wochen. Ihrer Kultur gemäß müssen sie jeden Kontakt mit verheirateten Frauen aus der Altersgruppe ihrer Mütter vermeiden. Anfangs sind die Köpfe kahl geschoren, später dürfen sie die Haare wieder wachsen lassen. Dann erhalten sie Decken, mit denen sie sich die Haut abreiben sollen, um sich warm zu halten und den Flussschlamm auf die Decken zu übertragen.
Wenn sie an ihre ursprünglichen Orte (nach Hause) zurückkehren, geben ihnen die Ältesten Familiennamen, die an die Stelle ihrer Geburtsnamen treten. Nun beginnt das neue Leben.Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S.48–55.
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Initiation of the Mind
Bonile Bam, An initiate listens to the radio, aus der Serie / from the series: Initiation of the Mind, Transkei, South Africa, 01 January, 2000. Digital print, 35 cm × 46 cm.
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JODI BIEBER
David
David Jakobie war neunzehn, als ich ihn kennen lernte. Er lebt in Vredapark, einer Gegend im Westen von Johannesburg, die auch unter dem Namen „Fitas“ bekannt ist und die früher ein vorwiegend afrikaanssprachiges Arbeiterviertel war. Nach 1994 hat sich seine ethnische Zusammensetzung langsam verändert. Die Häuser werden nicht mehr „ausschließlich“ an weiße Familien vergeben. Die Bewohner leben großteils von Sozialhilfe und wohnen in Gemeindewohnungen und Gemeindehäusern. Die Jugendlichen, die ich dort traf, hatten keinen Schulabschluss und die Wenigsten von ihnen arbeiteten. Viele hatten mit Verbrechen zu tun, mit Raub, Einbruch und Prostitution. „Jeder für sich“ war die Haltung, die mir entgegenschlug. Und doch gab es auch einen überraschenden Sinn für Loyalität unter Freunden.
Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 56–63.
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David
Jodi Bieber, aus der Serie / from the series: David, 1995. Digital print, 50 cm x 75 cm.
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ZANELE MUHOLI
Faces & Phases
In „Faces & Phases“ steckt ein Wechselspiel von Bedeutungen, darum zeigt sich in diesen beiden Wörtern der Fokus meines Projekts.
Ich beschloss, Bilder von meiner Community zu machen, um einen Beitrag zu einer demokratischeren und repräsentativeren queeren Geschichte Südafrikas zu leisten. Bis 1994 waren wir schwarzen Lesben vom Aufbau einer formellen Schwulenbewegung ausgeschlossen und unsere Stimmen fehlten in den schwulen Publikationen. Die Bewegung wurde von weißen AktivistInnen gelenkt, und die waren es auch, die über die Probleme und Kämpfe von Schwulen schrieben. Infolgedessen standen wenige von uns im Rampenlicht, im Untergrund aber operierten viele.
Ich machte mich als visuelle Aktivistin auf, um etwas für die Sichtbarkeit des schwarzen Lesbentums zu tun, unsere Lebensweise und unseren Widerstand in dieser demokratischen Gesellschaft zu dokumentieren und ein positives Bild schwarzer Lesben zu zeichnen.
Abgesehen von seiner Wörterbuchdefinition als Körperteil (die Vorderseite des Kopfes von der Stirn bis zum Kinn), ist das Gesicht auch ein Ausdruck von Charakterzügen. Für mich als Fotografin und Community-Arbeiterin hieß das, von Angesicht zu Angesicht mit vielen Lesben aus verschiedenen Townships in der Provinz Gauteng, in Alexandra, Soweto, Vosloorus, Katlehong, Kagiso usw. zusammenzuarbeiten.
In all diesen Townships leben offene Lesben, trotz der Ächtung und Homophobie, der sie sich mit ihrem Lesbentum – egal ob Butch oder Femme – aussetzen. Lesbischsein wird meist als etwas Negatives, als Bedrohung für die heterosexuelle Kleinfamilie gesehen; für viele schwarze Lesben besteht das Stigma der queeren Identität zusätzlich darin, dass Homosexualität als unafrikanisch angesehen wird. Von afrikanischen Frauen wird erwartet, dass sie Kinder kriegen und sich mit einem männlichen Partner, dem Familienoberhaupt, fortpflanzen. Das gehört zur „afrikanischen Tradition“. Da wir diese Erwartungen nicht erfüllen, werden wir als Abseitige eingestuft, die nur eine „gesunde Vergewaltigung“ brauchen, um sie von ihrer männlichen Einstellung zu „kurieren“ und sie zu richtigen Frauen, Müttern, zum Besitz eines Mannes zu machen.
Die Personen in dieser Serie sind auf den unterschiedlichsten Gebieten tätig und spielen die verschiedensten Rollen in der schwarzen lesbischen Community: Fußballerin, Schauspielerin, Wissenschaftlerin, Kulturaktivistin, Anwältin, Tänzerin, Filmemacherin, Menschenrechts- oder Genderaktivistin. Wenn wir aber von Außenstehenden dargestellt werden, sind wir immer bloß Opfer von Vergewaltigung und Homophobie. Unser Leben dient immer nur der Sensationsmache, verstanden wird es kaum einmal. Deshalb auch die „Phasen“: unser Leben ist nicht nur, was in die Schlagzeilen gelangt, sobald eine von uns attackiert wird, sondern wir durchlaufen viele verschiedene Zustände, haben viele nebeneinander existierende „Identitäten“.
Von innen gesehen ist dieses Projekt als Feier und Andenken an das Leben der schwarzen Lesben gedacht, die ich auf meinen Reisen durch die Townships getroffen habe. Ihre Lebensgeschichten werden mit Schmerz und Freude erzählt, da einige dieser Frauen gerade schwere Zeiten durchmachten. Ihre Geschichten bereiteten mir schlaflose Nächte, weil ich nicht wusste, wie ich mit den Nöten, von denen sie mir berichteten, umgehen sollte. Viele von ihnen sind vergewaltigt worden; ich wollte sie mit der Kamera nicht noch tiefer verletzen, sondern eine Beziehung herstellen, die auf einem gegenseitigem Verständnis dafür beruht, was es heißt, im heutigen Südafrika eine Frau, eine Lesbe und eine Schwarze zu sein.
Ich nenne das die Geburt des visuellen Aktivismus: Ich beschloss, mit dieser Methode ein Zeichen für unseren Widerstand und unsere Existenz als schwarze Lesben in diesem Land zu setzen, weil es wichtig ist, jedem Problem offen ins Gesicht zu sehen.
„Faces & Phases“ handelt von unseren Geschichten, Kämpfen und Leben auf diesem queeren Mutterplaneten: Wir werden uns unseren Erfahrungen stellen, wie immer sie aussehen mögen, und wir werden weitermachen.Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 64–71.
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Faces & Phases
Zanele Muholi, Dikeledi Sibanda, 2007, aus der Serie / from the series: Faces & Phases, 2006 – 2007. Gelatin silver print, 86 cm x 60 cm.
Courtesy: Michael Stevenson, Kapstadt.
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SABELO MLANGENI
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 100/2007, S. / pp. 72–80.
Sabelo Mlangeni, Low Prices Daily, aus der Serie / from the series: Invisible Women, 2006.
Gelatin silver print, 31 cm × 45 cm.
Courtesy: Warren Siebritz, Johannesburg. -
SABELO MLANGENI
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 100/2007, S. / pp. 72–80.
Sabelo Mlangeni, Low Prices Daily, aus der Serie / from the series: Invisible Women, 2006.
Gelatin silver print, 31 cm × 45 cm.
Courtesy: Warren Siebritz, Johannesburg. -
SABELO MLANGENI
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 100/2007, S. / pp. 72–80.
Sabelo Mlangeni, Low Prices Daily, aus der Serie / from the series: Invisible Women, 2006.
Gelatin silver print, 31 cm × 45 cm. Courtesy: Warren Siebritz, Johannesburg.
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LERATO MADUNA
Diski 9/9 - Us and the Ball
In den meisten südafrikanischen Townships brauchst du als Fußballspieler nur einige Ziegelsteine für die Tore, einen Ball, ein paar Kinder aus dem Viertel – Buben oder Mädchen – und irgendeinen Platz, sei es ein herabgekommener Basketballplatz, eine aufgelassene Mülldeponie, ein staubiges Feld oder einfach nur die Straße, wo du zeigen kannst, was du drauf hast. Keine Chance, dass dich Mama in den Schuhen spielen lässt, mit denen du zur Schule gehst, die müssen noch zwei Jahre halten, also sind das Nächstbeste deine nackten Füße. Da ich mit einem Vater aufgewachsen bin, der in jungen Jahren Profifußballer war und später lokale Teams aufbaute und Township-Meisterschaften organisierte, war Fußball immer ein Teil meines Lebens. Ich habe also Menschen und Umgebungen dokumentiert, die ich kenne. Die Kids waren am offensten und verständnisvollsten. Wenn ich auf die zu ging, nahmen sie gleich die Kamera wahr: „Kommen wir in Urban News, die Daily Sun?“ [Lokalzeitungen]. Ich musste ihnen erklären, dass ich – Ausländern, die 2010 angeblich unser Land besuchen werden – etwas über „Diski“, wie man bei uns sagt, erzählen wollte. Die Ergebnisse waren unterschiedlich. Einige spielten in die Kamera, einige spielten die gewünschte Rolle, einige fragten sogar, was sie tun sollten. Das Projekt ist ein Work in Progress. Ich versuche, über die „Ästhetik“ der Visuals hinaus, das Wesen des Projekts zu ergründen. Etwas zu dokumentieren, das einem zu nah ist, ist die größte Herausforderung bei dem Projekt. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich das Gefühl habe, dass ich mehr als ein paar Schritte zurücktreten sollte. Diese Bilder bringen meine Liebe für das farbige Spiel selbst zum Ausdruck.
Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 81–87.
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Diski 9/9 - Us and the Ball
Lerato Maduna, aus der Serie / from the series: Diski 9/9 – Us and the Ball, 2007. Work in progress.
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NONTSIKELELO VELEKO
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International, S. / pp. 88–97.
Nontsikelelo Veleko, I am not afraid, Louis Botha Ave, Johannesburg, 2002. aus der Serie / from the series: The ones on top won -
NONTSIKELELO VELEKO
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International, S. / pp. 88–97.
Nontsikelelo Veleko, Drugs not hugs, Cape Town, aus der Serie / from the series: The ones on top won't make it stop!, 2000. -
NONTSIKELELO VELEKO
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International, S. / pp. 88–97.
Nontsikelelo Veleko, Hloni, 2004. aus: Beauty is in the eye of the beholder, 2003 – 2004.
Courtesy: The Goodman Gallery, Johannesburg. -
NONTSIKELELO VELEKO
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International, S. / pp. 88–97.
Nontsikelelo Veleko, Sibu II, 2003. aus: Beauty is in the eye of the beholder, 2003 – 2004.
Courtesy: The Goodman Gallery, Johannesburg. -
NONTSIKELELO VELEKO
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International, S. / pp. 88–97.
Nontsikelelo Veleko, Kepi IV, 2003. aus: Beauty is in the eye of the beholder, 2003 – 2004.
Courtesy: The Goodman Gallery, Johannesburg. -
NONTSIKELELO VELEKO
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International, S. / pp. 88–97.
Nontsikelelo Veleko, Kepi II, 2003. aus: Beauty is in the eye of the beholder, 2003 – 2004.
Courtesy: The Goodman Gallery, Johannesburg.
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WILSON JOHWA
Mpilonhle Mpilonde (Good Life, Long Life)
Die Gegend schien das ideale Terrain für eine Fotoreportage. Illegal besetzte leere Fabrikgebäude, wuchernde Barackensiedlungen und Männerwohnheime aus der Zeit der Apartheid ergeben ein lebhaftes Gemenge aus Marginalisierung, Apathie, Arbeitslosigkeit und HIV. […] Denver, so benannt nach einem der Wohnheime, liegt keine zehn Kilometer vom Central Business District Johannesburgs entfernt, und doch weiß kaum jemand von dem Viertel, noch kümmert es irgendwen. Die Bewohner von Denver, alle 30.000 davon, könnten genauso gut in einer anderen Stadt leben. Sie bleiben unter sich, interessieren sich kaum für den Rest der Stadt, wie Jo Vearey, unsere Partnerin bei dem Fotoprojekt sagt, die seit drei Jahren mit der Community arbeitet. […] Ihre Arbeit, unterstützt von der Witwatersrand-Universität, hatte zur Bildung eines Gesundheitsvereins namens „Mpilonhle Mpilonde“ („Gutes Leben, Langes Leben“) geführt. Die HIV-Infektionsrate für Frauen in Denver wird auf 56 Prozent geschätzt – mehr als das Doppelte des Landesdurchschnitts. […] Gemeinsam entwickelten wir ein zweiwöchiges partizipatorisches Projekt, bei dem Studierende aus dem PDP-Programm einen Fotokurs für 20 Mitglieder des Gesundheitsvereins gaben. Die meisten davon waren Frauen, da die herrschende Machokultur Männer davon abhält, an derartigen Programmen teilzunehmen. […] Am Ende der zwei Wochen hatten wir ein riesiges Bildarchiv zusammen getragen, das verschiedene Gesichter von Denver zeigte. […]
TeilnehmerInnen:
Thulisile Chirwa; Sibongile Majola; Nathi Makhanya; Ntombizini Mchunu; Hector Mkhobo; Anxious Mlalazi; Muzi Patrick Mohobo; Thembeni Mntambo; Ntombifuthi Ngwenya; Fiona Nojaholo; Phumzile Nkosi; Joyce R. Phahle; Eldah Shongwe; Jilta Tati; Busisiwe Zondo; Nonhlanhla Zulu; Sibusiso Zulu; Thulisile Zwane.Projektleitung:
Kirsten Doermann, Wilson Johwa – Market Photo Workshop; Jo Vearey – University of the Witwatersrand, Reproduction Health and Research Unit.Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 98–117.
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Mpilonhle Mpilonde (Good Life, Long Life)
Aus / From: The Mpilonhle Mpilonde (Good Life, Long Life) Project, 2006.
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NONTSIKELELO VELEKO
The Ikageng Women's Outreach Project
Der Market Photo Workshop führt das Sozialprojekt in Ikageng seit 2003 durch. Ich habe das Projekt, das sich an Frauen aus Ikageng in der Nordwestprovinz Südafrikas richtet, zwei Jahre lang (2004 – 2005) geleitet und als Ausbildnerin betreut. Wir brachten einer Gruppe von großteils arbeitslosen Frauen zwischen 18 und 50 das Lesen von Bildern, grundlegende Fototechniken und die Erstellung von Lebensläufen bei, um ihnen die Mittel und Fähigkeiten in die Hand zu geben, ihr eigenes Leben mit einem kritischen Bildverständnis fotografisch festzuhalten. […] Durch die Arbeit als Ausbildnerin bekam ich einen Zugang zur Community, wo Neuankömmlinge normalerweise nur oberflächlichen Kontakt aufbauen können. Der Prozess hat den Frauen – so hoffe ich – das Selbstbewusstsein gegeben, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden, indem sie sich der visuellen Sprache des Fotografen bedienen. […] Das Generalthema war „Was macht dich zu einer Frau?“ Das führte zu vielen interessanten Fotos, die zeigen, wie sie ihre Körper abbilden wollen, wie sie von ihren Partnern behandelt werden und wie das tägliche Leben in der Community aussieht. Sie hatten den Mut, die Beziehungen zwischen Familienmitgliedern, Freunden und Großfamilie zu zeigen.
Teilnehmerinnen: Abigail Adams; Francis Blok; Mirenda Brooks; Dimakatso Chabedi; Kedibone Kobue; Tiisetso Madiehe; Agnes Moeretsane; Jane Motaung; Susky Norman; Koenie Phatedi; Anna Seheri; Emma Sey; Rina Sey; Lolly Sesoko; Nazeera Tracey. Projektleitung: Nontsikelelo Veleko – Market Photo Workshop.
Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 118–129.
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The Ikageng Women's Outreach Project
Aus / From: The Ikageng Women’s Outreach Project, 2005.
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JO RACTLIFFE, PETER MCKENZIE, SEAN O'TOOLE
Prä-post: Ein Kurs (in) Südafrikanischer Fotografie
Sean O’Toole: Bei Diskussionen über die zeitgenössische südafrikanische Fotografie haben deren Kommentatoren – und ich würde sagen, ich bin da auch nicht ganz unschuldig – häufig dazu tendiert, die 1990er Jahre als einen Bruch darzustellen. Nach Jahrzehnten sozial engagierter Fotografie, der Zeitschrift Drum in den 1950er und 1960er Jahren und – noch prononcierter – der sozial engagierten Sichtweise des Afrapix-Kollektivs in den 1980er Jahren scheint sich die Fotografie mit der Freilassung Mandelas und dem Übergang zu einer nicht nach Rassen geteilten Demokratie zersplittert zu haben. So lautet jedenfalls die Meistererzählung. Oder wird die Geschichte, die sich gut auf die Verflachung der Dinge versteht, die Neunzigerjahre einfach als Identitätsdekade definieren?
Jo Ractliffe: Ich erinnere mich noch, wie viel in den Neunzigerjahren von der „Krise der Fotografie“ die Rede war und dass die Fotografen mit dem Anbruch der Demokratie ihr Thema „verloren“ hätten. Meiner Ansicht nach war die Sache aber komplizierter, und es war etwas, das alle Künstler betraf, nicht bloß die Fotografen. Selbstverständlich öffnete sich unsere Welt – und das nicht nur politisch. Wir begannen, uns anders zu sehen, auch unsere Vergangenheit und wie sie erzählt worden war. Das Bildermachen gewann eine neue Komplexität; die Arbeiten dieser Zeit waren von der Erforschung anderer Themen, Verfahren, Sprachen, aber auch mehr Selbstreflexivität gekennzeichnet, die allesamt vorher undenkbar gewesen wären – und das hat mit dem zu tun, was du über die 1990er Jahre als „Identitätsdekade“ gesagt hast. Darüber hinaus war die Art, wie sich Künstler und Fotografen in vordemokratischen Zeiten, vor allem während der Achtzigerjahre, positionierten und arbeiteten, von einem starken Gefühl von „Kollektivität“ geprägt. Die Notwendigkeiten waren klar und eindeutig – und die Bildsprache nicht minder. Fotografie – da herrschte weitgehend Einigkeit – war eine Domäne der Sozialdokumentation; sie war eine „Waffe in einem Kampf“ und ihre Aufgabe war, Partei zu ergreifen – die Übel der Apartheid aufzudecken.
Es gab in den 1990er Jahren aber noch andere Neuerungen. Wir wurden ein Teil des internationalen Kunstbetriebs und das erweiterte das Feld; erinnert ihr euch an die Biennalen von Johannesburg 1995 und 1997 und die Flut von Foto- und Videoarbeiten, die darauf folgte? Mit einem Mal, so schien es zumindest, war die Fotografie in das Reich der Kunst eingetreten. Ich denke, dass das in der hiesigen Fotografie einen ziemlich tiefen Eindruck hinterlassen hat, und ich frage mich manchmal, ob die Zersplitterung, von der du sprichst, nicht vielleicht eher der Angst entspringt, dass die Fotografie ihre Kohärenz, ihre Besonderheit verlieren und einfach in der allgemeinen zeitgenössischen Kunstpraxis aufgehen könnte – denn das ist es wirklich, was sich damals hier veränderte. Wenn man sich die Fotografie in den Jahren der Apartheid anschaut, so beruhte ihre Wirkkraft vor allem auf der Überbringung einer unmissverständlichen und (scheinbar) unvermittelten „Wahrheit“; wir konnten uns auf das Bild „verlassen“, und wir begriffen unsere Welt ebenso durch die Konventionen der Sozialdokumentation – ihre explizite Schwarzweißästhetik – wie durch deren Sujets.Peter McKenzie: Die Rede von der „Zersplitterung“ der Fotografie nach 1994 impliziert meiner Ansicht nach, dass es in dem, was die Fotografen während der Apartheid gemacht haben, eine Art Zusammenhang gegeben hätte. Ich denke dabei eher an die 1970er und 1980er Jahre. Am einen Ende des Spektrums gab es die – meist weißen – Fotografen, die an den technischen Fachhochschulen, Universitäten und Kunstakademien unterrichteten, und die Mitglieder des fast ausschließlich weißen Verbandes der südafrikanischen Berufsfotografen, die die damaligen Probleme nicht tangierten oder interessierten. Auf der anderen Seite gab es die sozial engagierten Fotografen – Berufsfotografen wie Freiberufler –, die ein ziemlich disparater Haufen waren. Da waren zum Beispiel die Knipser wie der Bang-Bang Club, Einheimische, die für die internationalen Agenturen und die südafrikanischen Medien arbeiteten, die Drum-Fotografen und die, die in progressiven Strukturen wie Afrapix arbeiteten. Die Folge war ein ziemlich vielfältiges Bild oder Foto des Landes, da all diese Fotografen mit ihren eigenen Zielvorstellungen und Berufserwartungen an die Situation herangingen, wobei es einige sogar auf das pulitzerpreiswürdige Foto von dem Mann oder der Frau mit dem brennenden Reifen um den Hals abgesehen hatten. So bot sich den Konsumenten dieser Bilder, und zwar national wie international, ein ziemlich verwirrendes Bild von der Realität des Kampfes für Demokratie und Freiheit. Die Fotos waren vielfach sensationalistisch, voyeuristisch und unmenschlich, weshalb Afrapix schon bald nach der Gründung die bewusste Entscheidung traf, die mehr menschliche Seite des Kampfes, die Stärke der Revolution und die Würde der Organisationsarbeit und des Widerstands zu zeigen. […]
Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 130–135.
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JOHN FLEETWOOD
Market Photo Workshop. Strategien für eine Fotografieausbildung
[…] Das von der Apartheid hinterlassene Erbe hat die Bildung im demokratischen Südafrika vor viele Herausforderungen gestellt, mit denen die Regierung bis heute zu kämpfen hat: Es herrschen gewaltige Diskrepanzen. […] Aus sozialen Verhältnissen mit ungleicher Ressourcenverteilung ist seit den Wahlen von 1994 eine neue schwarze Mittelklasse entstanden. Das hat nicht gerade die ländliche Wirtschaft angekurbelt, die seither immer ärmer wird. Und es hat auch nicht zu einer Bewältigung des Problems mit den Bildungsressourcen beigetragen. Aber es hat eine neue Generation entstehen lassen, die das Bestreben hat, mit Entschlossenheit voranzugehen, die Vergangenheit zu überdenken und Anspruch auf eine wirkliche Geschichte zu erheben, im globalen Verbund mitzuwirken und mitzuspielen und ständig an der Konstruktion und Dekonstruktion von Zugehörigkeit, Identität und Selbstwert zu arbeiten.
Die organische Entwicklung der Ausbildungsmethodik am Photo Workshop reagiert auf diese Dinge; sie geht auf aktuelle Bedürfnisse ein, erfindet sich in einer sich ständig verändernden Gesellschaft immer neu. […]
Im Zentrum des Lehrplans stehen technische und praktische Kenntnisse und Fertigkeiten sowohl auf analogem wie digitalem Gebiet, Berufspraxis ? um Studierende mit konkreten Fertigkeiten auszustatten, die sie für den Eintritt in das Berufsleben brauchen – und visuelle Kompetenz, um ein Verständnis für die Beziehung zwischen Fotografie, anderen Medien, visueller Kultur und Geschichte zu schaffen. […]
Die Projekte sind so gewählt, dass sich die Ideen der Studierenden dabei mit einem Bewusstsein von der Gesellschaft verbinden, die den Hintergrund für ihre fotografische Praxis darstellt. Der Photo Workshop beschäftigt sich also auch mit diesem historischen und zeitgenössischen Kontext und hat sich in der Wahl seiner Projekte, Themen und Partner stets als kritischer Befürworter des Wandels gezeigt. Die Sozialprojekte beschäftigen sich mit (meist ländlichen) Randgruppen und vernachlässigten Teilen der Gesellschaft. Es werden meist soziale Probleme wie Armut, HIV-AIDS, Gewalt gegen Frauen, Fremdenfeindlichkeit und Bildung aufgegriffen. In vielen Fällen werden diese Probleme in Form partizipatorischer Fotoprojekte behandelt. Die Studierenden nehmen an diesen Projekten in unterschiedlichen Rollen teil; als Fotografen, Ermöglicher, Ausbildner und Organisatoren. Diese Projekte begeben sich mit erhöhter Geschwindigkeit auf eine praktische Ebene fotografischen Verständnisses und visueller Kompetenz.Textbeitrag in Camera Austria International 100/2007, S. 136-137.
Forum
SANTU MOFOKENG
ROBIN A. FORTUNE
LEBOHANG MASHILOANE
INGRID MASONDO
MUSA NXUMALO
VATHISWA RUSELO
SAMANTHA SIMONS
SYDELLE SMITH
KUTLWANO MOAGI
MOSHE SEKETE
Impressum
Herausgeber, Verleger und für den Inhalt verantwortlich: Manfred Willmann. Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA, Labor für Fotografie und Theorie
Alle: Lendkai 1, A-8020 Graz
Redaktion Graz: Christine Frisinghelli, Walter Seidl, Sabine Spilles, Rebekka Reuter
Redaktion Berlin: Maren Lübbke-Tidow
Lektorat: Marie Röbl
Übersetzungen: Wilfried Prantner, Richard Watts, Aileen Derieg