Camera Austria International
81 | 2003
- WOLFGANG TILLMANS
Isa Genzken: Ein Gespräch mit Wolfgang Tillmans - ISA GENZKEN
- HELMUT DRAXLER
Michael Schuster: Die Quadratur des Kreises - MICHAEL SCHUSTER
- ANNETT BUSCH
Djibril Diop Mambéty: Reden wir über Poesie und nicht über Scheiße - DJIBRIL DIOP MAMBÉTY
- MAX ANNAS
Djibril Diop Mambéty: Touki Bouki - DJIBRIL DIOP MAMBÉTY
- SAUL ALBERT
Vuk Ćosić: History of Art for the Intelligence Community - VUK ĆOSIĆ
- KRYSTIAN WOZNICKI
Ästhetik der Globalisierung
Vorwort
Wir freuen uns sehr, Ihnen mit Camera Austria 81 das erste Heft des Jahres 2003 vorzustellen! Mit einem Interview, das Wolfgang Tillmans mit Isa Genzken in Berlin führte, setzen wir unsere im vergangenen Jahr mit Isaac Julien und Constanze Ruhm begonnene Reihe von Gesprächen zwischen KünstlerInnen fort. Wir danken Isa Genzken – die auch das Cover dieses Heftes gestaltet hat – für die Veröffentlichung ihres Gesprächs mit Wolfgang Tillmans, ist es doch das erste Mal, dass sie zu ihren Arbeiten in Form eines Interviews Stellung bezieht. Wir danken aber auch Wolfgang Tillmans für sein Interesse an dieser gemeinsamen Veröffentlichung sowie Daniel Buchholz für seine Unterstützung dieses Projektes.
Camera Austria International 81 | 2003
Vorwort
Wir freuen uns sehr, Ihnen mit Camera Austria 81 das erste Heft des Jahres 2003 vorzustellen! Mit einem Interview, das Wolfgang Tillmans mit Isa Genzken in Berlin führte, setzen wir unsere im vergangenen Jahr mit Isaac Julien und Constanze Ruhm begonnene Reihe von Gesprächen zwischen KünstlerInnen fort. Wir danken Isa Genzken – die auch das Cover dieses Heftes gestaltet hat – für die Veröffentlichung ihres Gesprächs mit Wolfgang Tillmans, ist es doch das erste Mal, dass sie zu ihren Arbeiten in Form eines Interviews Stellung bezieht. Wir danken aber auch Wolfgang Tillmans für sein Interesse an dieser gemeinsamen Veröffentlichung sowie Daniel Buchholz für seine Unterstützung dieses Projektes.
Ein zweiter Beitrag (von Annett Busch und Max Annas) ist dem Werk des senegalesischen Filmemachers Djibril Diop Mambéty, Autor des legendären Films „Touki Bouki“, gewidmet. Die beiden Autoren zeigen in ihren Texten, dass jene Momente, die in einer vornehmlich europäischen Rezeption als spezifisch afrikanisch identifiziert werden, letztlich universell sind: Mambétys Motivation sei zwar an sein Heimatland gebunden und durchaus politisch zu nennen: „Die Motivation ist für mich immer das Bild, und für mich ist es immer das Bild von dem Ort, an dem du geboren wurdest“.
Helmut Draxler greift in seinem Essay die Installation „Drombeg“ von Michael Schuster in der Galerie Camera Austria auf und nähert sich über die Beschreibung der fototechnischen Umsetzung und computersimulierten Installation der Arbeiten dieses wichtigen österreichischen Medien-Künstlers. In seinem methodischen Vorgehen, das im Werk von Michael Schuster von Parametern wie Übertragung, Verschiebung und Transfer gekennzeichnet sei, zeige sich, dass Bedeutung im Prozess entsteht bzw. dass Kunst als Verfahren parallel zum modernen Alltag zu verstehen sei.
In den computergenerierten Arbeiten von Vuk Cosic öffnet sich ein vielschichtiges Verweissystem, das kanonische Werke der Kunstgeschichte mittels FBI-Technologie zur Überwachung des Datenverkehrs in „Bewegung“ versetzt: Indem Kunstwerke, wie etwa Malewitsch‘ berühmtes „Schwarzes Quadrat“ als Interface für die Überwachungssoftware usurpiert werden, entsteht ein »sozial verträgliches Überwachungsspektakel: eine gehobene Version der populären TV-Serie Big Brother“ (Saul Albert).
Das Jahr 2003 wird für Camera Austria entscheidende Veränderungen bringen: Im kommenden September wird das Kunsthaus Graz eröffnet, und an diesem neuen Ort der zeitgenössischen Kunst in Graz wird Camera Austria neue Räume beziehen: Im sogenannten Eisernen Haus werden uns Ausstellungsräume mit Bibliothek und Leseraum, Redaktionsräume sowie Werkstatt und Depots zur Verfügung stehen. Neben der Herausgabe der Zeitschrift Camera Austria International werden wir nun wieder Ausstellungsprojekte in größerem Umfang durchführen können: diese verstärkte Präsenz im internationalen Ausstellungsgeschehen wird auch die Verankerung unserer Arbeit im institutionellen Kontext in Österreich fördern, worauf wir uns besonders freuen!
Das erste Projekt in unserem neuen Haus: „Positionen Japanischer Fotografie“ (Eröffnung am 3. Oktober 2003), begleitet von einem Japan-Schwerpunkt in Camera Austria und einem Symposion (30.10. – 1.11.).
Mit der Ausstellung „Freundschaftsspiel“ werden wir im kommenden April ein letztes Mal die Ausstellungsräume in der Galerie Camera Austria am Sparkassenplatz bespielen, bevor im Herbst der Umzug in unsere neu errichteten Räume im Kunsthaus Graz ansteht. Mit diesem „Freundschaftsspiel“, dessen Team Manfred Willmann zusammenstellt, wollen wir all jenen Künstlern und Künstlerinnen danken, die in den letzten Jahren als beratende Freunde unser Projekt unterstützt haben.
An dieser Stelle danken wir aber vor allem unseren LeserInnen, insbesondere unseren AbonnentInnen, die Camera Austria über die Jahre die Treue gehalten haben und auf deren Unterstützung wir auch in Zukunft hoffen! Wir haben leider – nach drei Jahren – vor allem aufgrund der immens belastenden Portokosten den Preis der Abonnements erhöhen müssen. Dass wir diese Belastung unseren LeserInnen weitergeben müssen tut uns umso mehr leid als wir uns der insgesamt schwierigen wirtschaftlichen Situation bewusst sind. Wir hoffen jedoch sehr, dass Sie unsere Arbeit honorieren und Camera Austria weiterhin die Treue halten werden, denn das Vertrauen unserer LeserInnen in unser Projekt ist die Basis der Unabhängigkeit unserer Arbeit.
Christine Frisinghelli, Maren Lübbke-Tidow
Beiträge
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WOLFGANG TILLMANS
Isa Genzken: Ein Gespräch mit Wolfgang Tillmans
Wolfgang Tillmans: Chicago ist die erste Stadt mit Wolkenkratzern?
Isa Genzken: Die Wolkenkratzer sind in Chicago entstanden – da war einmal ein Großbrand, der fast alle Häuser zerstörte – auf einmal – und dann haben die angefangen in die Höhe zu bauen. So entstanden die ersten Wolkenkratzer. Früher als in New York.
Wolfgang Tillmans: Durch die Erfindung von Fahrstühlen, oder?
Isa Genzken: Ja.
Wolfgang Tillmans: Das habe ich nämlich mal gelesen. Die Firma OTIS hat die wohl erfunden, und vorher gabs deshalb einfach keine Hochhäuser. Aber Hochhäuser haben es dir schon immer angetan?
Isa Genzken: Ich war mit 21 das erste Mal in New York, und so fasziniert von der Architektur und froh, dass es so etwas gibt und dass ich so etwas visuell erleben durfte, dass ich damals dachte: Hier möchte ich eigentlich leben. Denn New York hatte für mich direkt auch etwas mit Skulptur zu tun – es muss so gewesen sein. Obwohl ich mit 21 ja noch keine Bildhauerin war, sondern ich fing gerade erst an zu studieren und wusste noch gar nicht, was ich machen wollte. New York ist eine Stadt von einer unglaublichen Stabilität und Solidität. Und dann diese Höhe der Gebäude dazu – das machte Eindruck auf mich, wie auch die Menschen, die mir immer etwas glücklicher schienen als die Deutschen auf der Straße. Als ich zurück nach Deutschland kam, hatte ich das Gefühl: Es ist eigentlich nicht so schön, womit du dich hier visuell umgibst – es ist so trist. Und die Moderne kommt in Deutschland ja so gut wie gar nicht vor. Ja okay, es gab mal das Bauhaus und es gab dies und das, aber in der Architektur taucht die Moderne doch kaum auf. In New York kannst du moderne Architektur zuhauf sehen: In den Dreißigern gab’s das Empire State Building, dann gab’s die Twin Towers… ich meine, die Twin Towers waren doch extrem modern… Das Schlimme ist ja hier bei der Architektur, dass wirklich alles, fast alles, im billigsten Baustil gemacht wird, im billigsten. Es wird nicht dafür gesorgt, dass die besten Materialien verwendet werden, sondern es wird immer das billigste genommen. Guck dir mal den Potsdamer Platz an, der ist wie eine Kulisse! Das ist alles so billig gemacht, das könnte auch in Köln stehen oder in Teneriffa… In New York würde so etwas niemals zugelassen, die haben einfach ein wahnsinniges Qualitätsbewusstsein.
Textbeitrag in Camera Austria International 81/2003, S. 7–18.
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ISA GENZKEN
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 7–18.
Isa Genzken, o.T. (New York), 2000. C-print, 13 cm × 9 cm. -
ISA GENZKEN
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 7–18.
Isa Genzken, o.T. (New York), 2000. C-print, 13 cm × 9 cm. -
ISA GENZKEN
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 7–18.
Isa Genzken, o.T. (New York), 2000. C-print, 13 cm × 9 cm. -
ISA GENZKEN
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 7–18.
Doppelseite / spread: Isa Genzken, S. / pp. 10–11.
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HELMUT DRAXLER
Michael Schuster: Die Quadratur des Kreises
Michael Schusters neue Arbeiten unterscheiden sich in ihrer Methodik kaum von den vorhergehenden. Wie immer geht es um die Bedingungen der Wahrnehmung unter medialen, technischen oder alltagskulturellen Vorzeichen. Das Buchstäblich-Nehmen von vorhandenen Gegebenheiten und ein auf „tautologische“ Ausweglosigkeit gerichteter Bildwitz lassen subjektive Erwartungshaltungen an Kunst ins Leere laufen. Es sind in der Tat immer wieder „Szenen aus dem gleichnamigen Stück“. Und dennoch weisen diese neuen Arbeiten, „DROMBEG“ (2002), das Projekt „Eibisfeld“ (2002) und das Betonboot, das im Frühjahr 2003 im Österreichischen Skulpturenpark südlich von Graz aufgestellt wird, neben einer ungewöhnlichen Visualität und komplexen Formen der Realisierung vor allem vielfältige Bezüge historischer, sozialer und kunstgeschichtlicher Art auf, die generell die Frage nach der Funktion der Inhalte in Schusters Arbeit stellen.
Alle drei Arbeiten machen gerade in ihrer großen Unterschiedlichkeit deutlich, wie Schuster sein Verfahren moduliert und variiert. Anders als viele der früheren Arbeiten, die Bilder von Kameras und Colorcheckern, die Spiegel, Antennen oder die Installationen mit Sonnenkollektoren, weisen sie andere als bloß selbstreferentielle Inhalte auf. Doch der Zusammenhang der Arbeiten und damit die Funktion der Inhalte erschließt sich nicht aus diesen Inhalten selbst. Steinkreis, Katasterplan und Betonboot haben nichts miteinander zu tun, sie eröffnen keine „ikonografische“ Lesart der Arbeiten. In ihnen liegt allerdings ein referentielles Reservoir begründet, das erst durch das konsequente methodische Vorgehen Schusters vergleichbar wird. Stets geht es um Übertragung, Verschiebung, Transfer. Bedeutung entsteht im Verfahren, speziell im Verhältnis zu den realisierenden Arbeitsvorgängen. Die Arbeit am 3D-Programm, die Arbeit der Zimmerleute und Transporteure bleiben stets wahrnehmbar, sie „verschwinden“ nicht in der künstlerischen Gestaltung. Arbeitsteilung wird nicht durch künstlerische Existenz aufgehoben, sondern bleibt symbolisch lesbar. Schuster bietet daher weder existenzielle, authentische Erfahrungen noch redet er einer neuen Funktionalisierung im Sinne der produktivistischen Avantgarde das Wort. Es geht ihm wie in den fotografischen Arbeiten darum, sich zu Gegebenheiten und Produktionsstandards zu verhalten. Wie schon in den „Fünf Minuten mit der Tour d’Autriche“ von 1981 sind alle seine Arbeiten letztlich nur über die Einstellung oder Haltung des Künstlers zu erschließen, nämlich Kunst als Verfahren parallel zum modernen Alltag zu verstehen. Gerade der paradoxe Witz seiner Arbeit macht deutlich, dass die Situationen nicht versöhnt, sondern in ihren Widersprüchlichkeiten ausgehalten werden wollen.Textbeitrag in Camera Austria International 81/2003, S. 19–30.
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MICHAEL SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 19–30.
Michael Schuster, Visual DROMBEG. -
MICHAEL SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 19–30.
Michael Schuster, Visual Ausstellungsraum / Camera Austria Gallery, 2002. -
MICHAEL SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 19–30.
Michael Schuster, Projekt Eibisfeld, Ansichten / views Ebisfeld, 2002. -
MICHAEL SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 19–30.
Michael Schuster, Projekt Eibisfeld, Ansichten / views Ebisfeld, 2002. -
MICHAEL SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 19–30.
Doppelseite / spread: Michael Schuster, S. / pp. 22–23.
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ANNETT BUSCH
Djibril Diop Mambéty: Reden wir über Poesie und nicht über Scheiße
Weggehen, Zurückkommen, Bleiben. Vermeintlich konträre Bewegungen oder Zustände überschneiden sich in manchen Augenblicken und könnten für Sekunden einander zum Stillstand bringen. Wie das Meer. Wenn eine vom Strand zurückfließende Welle von der nächsten schon wieder aus der Bahn geworfen wird. Man könnte die Toten in den nicht enden wollenden Wellenbewegungen vermuten. Djibril Diop Mambéty, den man so gern einen Visionär nannte, dessen Filme so oft am Meer endeten, der auf Fragen nach Style,jump cuts und Montage antworten konnte: „It`s the way I dream“ – diesen Djibril Diop Mambéty, der mit „Djibril“ schon den Engel im Namen trägt, man könnte ihn wohl dort finden, am Meer. „I try to make the image illustrate the movement.“ […]
„Er war so schön, dass es einem Angst machte. … Nein, aber das stimmt. Er war der Schönste in Dakar. Ein Meter zweiundneunzig groß, funkelnd schwarz, mit einem durchdringenden Blick, einer sehr schönen Stimme – er hatte alles. Er hatte alles, um zu gefallen, nun, er war ein unglaublicher Herzensbrecher. Er war ein Verführer, und er wusste es, aber er suchte nicht die banalen Abenteuer – das war nicht sein Ding. Er war bereits von etwas Anderem besessen, was wesentlich komplizierter ist – es ging ihm schlicht und ergreifend darum, das Leben zu begreifen. Denn wenn einer zu früh beginnt, nachzudenken, das heißt – […] sein Leben wurde in einem Ausmaß schwierig, […] – also, wer einmal ein Bewusstsein hat, der schläft nicht mehr.“Textbeitrag in Camera Austria International 81/2003, S. 31–34.
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DJIBRIL DIOP MAMBÉTY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 31–40.
Djibril Diop Mambéty und sein Kameramann Georges Bracher, vermutlich beim Dreh von Touki Bouki. Das Bild wurde im Haus von Mambéty auf der Insel N'gor gefunden und von Annett Busch abfotografiert. / Djibril Diop Mambéty and his cameraman Georges Bracher most probably at the set of Touki Bouki. The photograph was found in Mambéty's house on the island N'gor and reproduced by Annett Busch. -
DJIBRIL DIOP MAMBÉTY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 31–40.
Djibril Diop Mambéty vor dem Haus von / in front of the house of Friedrich Dürrenmatt, 24. November 1993. -
DJIBRIL DIOP MAMBÉTY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 31–40.
Djibril Diop Mambéty am Meer / by the sea.
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MAX ANNAS
Djibril Diop Mambéty: Touki Bouki
Man muss „Touki Bouki“ nicht sofort als den linear erzählten Film erkennen, der er eigentlich ist. Ein Paar beschließt, Stadt und Land zu verlassen. Da ihnen die dazu nötigen Mittel fehlen, besorgen sie sie sich auf Wegen, die allgemein als illegal gelten. Dann kaufen sie die Tickets für das große Schiff nach Marseille und erfüllen sich ihren Traum. Nun, so ist die Geschichte doch ein wenig vereinfacht, und auch mit einer kleinen Lücke versehen. Aber das Prinzip stimmt. Djibril Diop Mambéty erzählt eine sehr knappe und einfache Story. Dass da einige Bilder aus ihrem chronologischen Kontext herausgelöst worden sind, betont eher den linearen Charakter. Und die Bedeutung des Schlachtens in der Eingangssequenz.
Die Schlachthofszene spielt am Ende des Films wieder eine Rolle. Auf der Gangway haben sich Anta und Mory getrennt. Mory hat die Schritte bis aufs Schiff einfach nicht geschafft. Auf dem Deck unterhalten sich weiße Figuren über „die undankbaren Afrikaner“ und kommen zu dem Schluss: »Ils sont de grands enfants …“ Der Schnitt verweist auf den Schlachthof. Sicherlich kann man darin einen Hinweis auf das schwierige Verhältnis von Kolonisierenden und Kolonisierten erkennen, wie das der Filmwissenschaftler Frank Ukadike tut. Aber darin steckt auch die Erkenntnis, dass sich Menschen für jene Hölle entscheiden, die ihnen geläufig ist. Mory schreckt zurück vor der Ferne, die er idealisiert hat. Oder er erfüllt ein programmatisches „kümmre dich um Afrika“, das Mambéty seinem Protagonisten so hätte einflüstern können.
„Touki Bouki“ ist der spürbare Versuch, den stärksten Film zu machen, den die Welt je gesehen hatte. Ein Anspruch eigentlich, den jedes echte Stück Kunst zu erfüllen hat, wichtig zu sein und echt und bedeutend, auch in der Negierung dieser Haltung. Auf seine radikale Art hatte Djibril Diop Mambéty nach seinem dritten Film seinen endgültigen Beitrag zum Kino geleistet, so nachdrücklich und unvergesslich wie Jean Vigo vierzig Jahre früher. „Touki Bouki“ wirkt immer noch wie eine Vision am Horizont. Kaum greifbar. Sich selbst immer wieder erneuernd. Größer als das Leben. Die sechzehn Jahre ohne neuen Film, die folgen sollten, erscheinen als Phase der Rekonvaleszenz nach einem totalen Akt der Schöpfung verhältnismäßig kurz.Textbeitrag in Camera Austria International 81/2003, S. 36–40.
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DJIBRIL DIOP MAMBÉTY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 31–40.
Djibril Diop Mambéty, Szenenfoto aus / still photograph from: Touki Bouki, 1973. -
DJIBRIL DIOP MAMBÉTY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 31–40.
Djibril Diop Mambéty, Touki Bouki, 1973. Kontaktabzug / Contact print. -
DJIBRIL DIOP MAMBÉTY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 31–40.
Djibril Diop Mambéty, still aus / from: Touki Bouki, 1973. Spielfilm / Fiction feature, 35 mm, 110 min.
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SAUL ALBERT
Vuk Ćosić: History of Art for the Intelligence Community
Die Website präsentiert fünf Bilder, die einem sofort von Kunstpostkarten bekannt sind. Andrea Mantegnas „Hl. Sebastian“, Cézannes „Stilleben mit Pfirsichen und Kirschen“, Van Goghs „Nachtcafé“, Malewitschs „Schwarzes Quadrat“ and Warhols „Campbell’s-Suppendose“. Gute kunsthistorische Standardobjekte, die alle den im Titel genannten Gegenstand abbilden. Aber was geht hier vor? Die Pfeile im heiligen Sebastian spielen verrückt. Da durchbohrt einer seinen Kopf, nein, sein Bein, nein – wieder seinen Kopf. Es muss ganz klar eine Gebrauchsanleitung her.
Eine genaue Lektüre der Begleittexte fördert die unerwartete Erklärung zutage, dass die Anzahl der Pfeile im heiligen Sebastian und die Position ihrer Eintrittswunden mit der Häufigkeit der Buchstaben in Webadressen korrespondieren, die von den Benutzern des Computernetzwerks der Neuen Galerie und des Medienturm in Graz in ihre Browser eingegeben werden.1 Die anderen Bilder weisen ähnliche Abweichungen auf. Das Quadrat von Malewitsch schwankt je nach Tageszeit in seiner Helligkeit, Cézannes perspektivisch verzerrtes Stillleben weigert sich aufmüpfig, „still“ zu sein: die Kirschen auf dem Tisch erscheinen und verschwinden mit den aus- und einlaufenden E-Mails des Museumspersonals, das schon die nächste Ausstellung organisiert. Das mag sich nach einem verrückten techno-numerologischen Experiment zur Enthüllung versteckter göttlicher Botschaften in Meisterwerken der abendländischen Kunst anhören, tatsächlich aber ist es das neueste Meisterwerk von Vuk Cosic, net.artist extraordinaire.
Cosic‘ neuerliche Wiederverwendung des bekannten Kanons der Kunstgeschichte als grafische Bernutzeroberfläche ist sich dieser Dynamik sehr wohl bewusst. Die grafische Benutzeroberfläche wurde von vielen mit diesen Technologien arbeitenden Künstler zu problematisieren versucht. Die allgegenwärtigen Metaphern von „Dokument“, „Ordner“ und „Schreibtisch“ sowie die Metapher von der zweidimensionalen „Seite“ im Web bieten Netz-und Softwarekünstlern ein reiches Arsenal an ästhetisch-kulturellen Annahmen, das sie unterminieren, destabilisieren und kritisieren können. Während viele dieser Versuche in die Erfahrung des Softwarebenutzers mit ästhetisichen Schocktaktiken eingegriffen haben (zusammenstürzende Browser, flackernde Lichter, intuitiv unverständliche und unvorhersehbare Systeme), präsentiert Cosic ein ruhiges, dekoratives und oberflächlich unscheinbares Interface.[…]
„Grafische Eleganz zeigt sich oft in der Einfachheit des Designs und der Komplexität der Daten.“ Tuftes Visual Display of Quantitative Information ist die Bibel des Interface-Designs. Einerseits befolgen die Interfaces von Cosic diese Regeln. Die Animation der Bilder ist extrem einfach; ist das System einmal erklärt, könnte man auch behaupten, dass die Kontrast- und Helligkeitsschwankungen von Malewitsch‘ „schwarzem Quadrat“ eine sehr nette Uhr abgeben. Andererseits jedoch sind die Daten sowohl einfach als auch trivial: Die Anzahl der ein- und auslaufenden E-Mails wäre adäquat durch ein Zwei-Säulen-Diagramm darzustellen. Mit der Wahl eines grafisch, historisch und kontextuell komplexen Gemäldes zur Darstellung dieser Daten, stellt Cosic die Regeln von Tufte komplett auf den Kopf.
Statt das Apolitische durch technischen Hokuspokus und Imponiergehabe zu verbergen, setzt Cosic den Betrachter bewusst ästhetischer Zerstreuung aus. Warum sollte man die vergnügungssüchtigen FBI-Agenten schließlich nicht mit einem gefälligeren Index des überwachten Gegenstandes ausstatten? Cosic bietet uns ein sozial verträglicheres Überwachungsspektakel: eine gehobene Version der populären TV-Serie „Big Brother“.Textbeitrag in Camera Austria International 81/2003, S. 41–46.
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VUK ĆOSIĆ
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 41–46.
Vuk Ćosić, History of Art for the Airports, 1997. Ars Electronica, Linz. -
VUK ĆOSIĆ
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 41–46.
Vuk Ćosić, History of Art for the Intelligence Community, 2002. Medienturm / Neue Galerie, Graz. -
VUK ĆOSIĆ
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 41–46.
Vuk Ćosić, History of Art for the Intelligence Community, 2002. Medienturm / Neue Galerie, Graz. -
VUK ĆOSIĆ
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 81/2003, S. / pp. 41–46.
Vuk Ćosić, History of Art for the Intelligence Community, 2002. Medienturm / Neue Galerie, Graz.
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KRYSTIAN WOZNICKI
Ästhetik der Globalisierung
Auf einem blauen Hintergrund hängen sechs quadratische Rahmen nebeneinander. Sie drehen sich um ihre eigene Achse und werden in Leserichtung nacheinander mit einem Bild geladen, das nach einer Umdrehung wieder ausgeblendet wird. In diesem Moment füllt sich der deaktivierte Rahmen mit einer Farbe (erst Grün, dann Dunkelblau, zuletzt Beige-Orange), während im nebenstehenden Rahmen ein anderes Bild aktiviert wird. Der Ablösevorgang, der sich fortsetzt bis jeder Rahmen einmal mit einem Bild gefüllt worden ist, beschreibt eine mehrschichtige Wellenbewegung. Die einen Wimpernschlag lang aufflackernden Bilder zeigen junge Menschen, die fröhlich, verträumt und zufrieden mit einem Globus spielen.
Textbeitrag in Camera Austria International 81/2003, S. 66–67.
Forum
ADRIENNE SALINGER
CHRISTIAN KNÖRR
CHRISTINE WINKLER
JULIAN BURGIN
LARRY GAWEL
OLIVER MUSOVIK
INGRID MOSCHIK & GERHARD KINDLINGER / BRUNO RICHARD
NANNA LÜTH
ANJA RÖSCH
DEBORAH GARWOOD
Ausstellungen
Actualitès.
Le Rectangle, Lyon
ANNE BERTRAND
Ryan Weideman: In my Taxi
Bruce Silverstein Gallery, New York
CARLO MCCORMICK
Joachim Brohm: Areal
Fotomuseum Winterthur; Westfälischer Kunstverein, Münster; Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum
THILO KOENIG
Neue Sachlichkeit. Gegenüber – Menschenbilder in der Gegenwartsfotografie
Landesgalerie am Oberösterreichischen Landesmuseum, Linz; Galerie Fotohof, Salzburg
ANSELM WAGNER
Geschichte(n)
Salzburger Kunstverein
RUTH NOACK
Antoni Muntadas: On Translation – The Museum
MACBA, Barcelona; Museum am Ostwall, Dortmund
REINHARD BRAUN
Sam Durant, Tobias Hauser, Richard Hoeck, John Miller: A Country Lane
Kerstin Engholm Galerie
SØNKE GAU
Site-Seeing. Disneyfizierung der Städte?
Künstlerhaus Wien
MARIE RÖBL
Viennale 2002
Wien
RUTH NOACK
Michal Rovner
Stephen Friedman Gallery, London
ROY EXLEY
Valie Export: Mediale Anagramme
Akademie der Künste, Berlin
JULIA GWENDOLYN SCHNEIDER
Struth’s Understanding: Thomas Struth Retrospective
Dallas Museum of Art; The Museum of Contemporary Art, Los Angeles; Metropolitan Museum, New York
RACHEL BAUM
Lois Weinberger
Bonner Kunstverein; Douglas Hyde Gallery, Dublin; Galerie im Taxispalais, Innsbruck
MANISHA JOTHADY
Michael Moore: Bowling for Columbine
HIAS WRBA
Bücher
Seiichi Furuya: Last Trip to Venice
SALLY STEIN
Aussendienst. Kunstprojekte in öffentlichen Räumen Hamburgs
Modo Verlag, Freiburg 2002
SUSANNE NEUBURGER
Der «falsche Augenblick». Heinrich Riebesehl: Agrarlandschaften
Schaden Verlag, Köln 2002
FABIAN STECH
Impressum
Herausgeber, Verleger und für den Inhalt verantwortlich: Manfred Willmann. Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA, Labor für Fotografie und Theorie
Alle: Sparkassenplatz 2, A-8010 Graz
Redaktion: Christine Frisinghelli, Maren Lübbke, Manisha Jothady
Assistenz: Anja Rösch, Nora Theiss
Übersetzungen: John Doherty, Christiane Roth, Wilfried Prantner, Richard Watts