Camera Austria International
114 | 2011
Über das Dokumentarische als politische Praxis / On the Documentary as Political Practice.
Gastredakteur / Guest-editor: Tobias Zielony
- REINHARD BRAUN, MAREN LÜBBKE-TIDOW, TOBIAS ZIELONY
Tobias Zielony: Ich glaube nicht, dass sie verschwinden werden … - TOBIAS ZIELONY
- REINHARD BRAUN, AHLAM SHIBLI
Ahlam Shibli: Einspruch gegen verordnete Unsichtbarkeit - REINHARD BRAUN, DAVID GOLDBLATT
David Goldblatt: Unsere Strukturen betrachten - MAREN LÜBBKE-TIDOW, MICHAEL SCHMIDT
Michael Schmidt: Mehr Fragen stellen als Antworten geben - REINHARD BRAUN, HITO STEYERL
Hito Steyerl: Dokumentarische Praxis ist immer schon eine Handlung - REINHARD BRAUN, JO RACTLIFFE
Jo Ractliffe: Ein Raum für andere Bilder - SUSANNE HOLSCHBACH, PEGGY BUTH
Peggy Buth: Wahrheit hat immer auch die Struktur der Fiktion
- JAN WENZEL, ALEXANDER KLUGE
Alexander Kluge: Gabi Teichert auf dem Parteitag der SPD - TOBIAS ZIELONY, PAUL GRAHAM
Paul Graham: Die Frage neu ins Bild setzen »Wie ist die Welt?« - TOBIAS ZIELONY, LAURENCE BONVIN
Laurence Bonvin: Lebende Geisterstädte - WOLFGANG TILLMANS, MAREN LÜBBKE-TIDOW
Wolfgang Tillmans: In dieser Kälte Wärme zu finden ist der Rückhalt meiner neuen Fotos - MAREN LÜBBKE-TIDOW, PHILIP-LORCA DICORCIA
Philip-Lorca diCorcia: Ich kann gar nicht lügen, weil ich nie die Wahrheit verkündet habe - HELGARD HAUG, DANIEL WETZEL
Rimini Protokoll: Weil sich die Realität der Begegnungen immer neu überschreibt - MAREN LÜBBKE-TIDOW, RUTI SELA & MAYAAN AMIR
Ruti Sela & Mayaan Amir: Die Produktion ideologischer Positionen anstoßen - MAREN LÜBBKE-TIDOW, RENZO MARTENS
Renzo Martens: Wir wissen eigentlich nicht, was wir sehen
- TOBIAS ZIELONY, THOMAS RUFF
Thomas Ruff: Optische Prothesen - TOBIAS ZIELONY, TIMM RAUTERT
Timm Rautert: Teilnehmendes Interesse - KIRSTY BELL, COLLIER SCHORR
Collier Schorr: Das Normale der Differenz - TOBIAS ZIELONY, UCHIHARA YASUHIKO
Uchihara Yasuhiko: Die nicht gemachten Fotos - SABINE SPILLES, LARRY FINK
Larry Fink: Das Konzept der Empathie - WALID SADEK
A Time to See 2/4 Die Gegenwart sehender Augen
Vorwort
Als Gastredakteur der vorliegenden Ausgabe haben wir den Fotokünstler Tobias Zielony eingeladen, um mit uns der Frage nach dem Dokumentarischen als politische Praxis nachzugehen. Die Welt scheint fotografisch geworden, aber »je ungehemmter ihre Verbreitung, je vielgestaltiger ihre Formen, je mächtiger ihre Wirkung, desto stärker auch der Verdacht der Täuschung, unter dem das Bild, die Bilder seit jeher stehen« (Jean-Luc Nancy). Was bedeutet dieser Verdacht für die Vorstellung, Bilder könnten einen anderen Raum des Sozialen und Politischen entwerfen, der nicht nur die Lust auf das Sensationelle und die Katastrophe befördert, sondern der eine Ereignishaftigkeit des Bildes ermöglicht, die die herrschenden Darstellungskonventionen unterläuft und die schwatzhaften Gespenster
der Massenmedien zurückdrängt? Vielleicht ist es also mehr denn je notwendig, nach gegenwärtigen Strategien zeitgenössischer FotokünstlerInnen und FilmemacherInnen zu fragen, die sich nach wie vor an spezifischen sozialen Realitäten orientieren, denen nach wie vor ein Begriff oder eine Vorstellung des Dokumentarischen zugrunde zu liegen scheint und die nach wie vor einen anderen Raum für Bildpolitiken eröffnen könnten?
In 20 Kurzinterviews mit internationalen FotokünstlerInnen und FilmemacherInnen sind wir diesen Fragen nachgegangen und werfen damit ein Streiflicht auf unterschiedliche dokumentarische Zugriffe, die wir gleichzeitig als Aktualisierung einer kritischen Debatte über das Dokumentarische im Feld des Visuellen selbst zur Disposition stellen. Denn es scheint, als wäre es »nach der ›Wiederkehr des Wirklichen‹, die ja bereits für die 1990er Jahre konstatiert wurde, an der Zeit, die Frage der Repräsentationskritik neu zu stellen« (Susanne Holschbach im Gespräch mit der Künstlerin Peggy Buth).
Camera Austria International 114 | 2011
Vorwort
Als Gastredakteur der vorliegenden Ausgabe haben wir den Fotokünstler Tobias Zielony eingeladen, um mit uns der Frage nach dem Dokumentarischen als politische Praxis nachzugehen. Die Welt scheint fotografisch geworden, aber »je ungehemmter ihre Verbreitung, je vielgestaltiger ihre Formen, je mächtiger ihre Wirkung, desto stärker auch der Verdacht der Täuschung, unter dem das Bild, die Bilder seit jeher stehen« (Jean-Luc Nancy). Was bedeutet dieser Verdacht für die Vorstellung, Bilder könnten einen anderen Raum des Sozialen und Politischen entwerfen, der nicht nur die Lust auf das Sensationelle und die Katastrophe befördert, sondern der eine Ereignishaftigkeit des Bildes ermöglicht, die die herrschenden Darstellungskonventionen unterläuft und die schwatzhaften Gespenster
der Massenmedien zurückdrängt? Vielleicht ist es also mehr denn je notwendig, nach gegenwärtigen Strategien zeitgenössischer FotokünstlerInnen und FilmemacherInnen zu fragen, die sich nach wie vor an spezifischen sozialen Realitäten orientieren, denen nach wie vor ein Begriff oder eine Vorstellung des Dokumentarischen zugrunde zu liegen scheint und die nach wie vor einen anderen Raum für Bildpolitiken eröffnen könnten?
In 20 Kurzinterviews mit internationalen FotokünstlerInnen und FilmemacherInnen sind wir diesen Fragen nachgegangen und werfen damit ein Streiflicht auf unterschiedliche dokumentarische Zugriffe, die wir gleichzeitig als Aktualisierung einer kritischen Debatte über das Dokumentarische im Feld des Visuellen selbst zur Disposition stellen. Denn es scheint, als wäre es »nach der ›Wiederkehr des Wirklichen‹, die ja bereits für die 1990er Jahre konstatiert wurde, an der Zeit, die Frage der Repräsentationskritik neu zu stellen« (Susanne Holschbach im Gespräch mit der Künstlerin Peggy Buth).
Tobias Zielony, mit dem wir gemeinsam die Fragen zu dieser Ausgabe entwickelt haben und die Auswahl der in diesem Heft versammelten künstlerischen Positionen getroffen haben, verknüpft in seiner eigenen künstlerischen Arbeit soziale Realität immer mit Räumen und Akteuren, d.h. mit Handlungsfeldern sozialer Individuen. Welches Bild aber zeichnet seine dokumentarische Praxis dann von diesen sozialen Individuen, mit denen er – vorübergehend – einen gemeinsamen Raum teilt? Tobias Zielony ist in den letzten Jahren mit Serien über Jugendliche aus Europa und den USA bekannt geworden, seine Bilder stellen exemplarisch die Frage nach der Subjektproduktion von dokumentarischen fotografischen Bildern, danach, was die Fotografie immer noch mit den Menschen tut, die sie abbildet. Über diese und andere Themen haben wir im März dieses Jahres ein Gespräch mit Tobias Zielony geführt, das hier in Auszügen publiziert ist, gemeinsam mit einer Auswahl aus der aktuellen Serie »Manitoba« (2009), die im Rahmen einer Einzelausstellung in den Räumen von Camera Austria ab Anfang Juli 2011 zu sehen sein wird.
Erweitert wird der Schwerpunkt dieses Heftes durch den zweiten Teil der Kolumne von Walid Sadek: »Die Gegenwart sehender Augen« als Reflexion über die Vereinnahmung der Körper durch das Sehen, das sich im Moment des Todes als ausgeschöpfte Zeitlichkeit des Sehens herausstellt. Mit dem Dokumentarischen gegengelesen ergeben sich Fragen zur Dauer, zu Blick und Körper und zum Sehen als eine soziale Praktik.
Die vielen unterschiedlichen und internationalen Stimmen, die hier zu Wort kommen haben dazu geführt, das geplante Forum auf die nächste Ausgabe zu verschieben. Wir nehmen allerdings die vorliegende besondere und vielstimmige Ausgabe von Camera Austria International zum Anlass, Ihnen einen erweiterten Vertrieb anzubieten, durch den Sie unsere Zeitschrift ab sofort auch über den spezialisierten Fachbuchhandels hinaus an über 700 weiteren Verkaufsorten beziehen können. Darüber hinaus freuen wir uns, Sie an unserem Messestand auf der Art Basel persönlich begrüßen zu dürfen.
Maren Lübbke-Tidow, Reinhard Braun, Tobias Zielony
Juni 2011
Beiträge
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REINHARD BRAUN, MAREN LÜBBKE-TIDOW, TOBIAS ZIELONY
Tobias Zielony: Ich glaube nicht, dass sie verschwinden werden …
F In unserem Gespräch wurde erkennbar, dass sich deine Arbeit an der Grenze zwischen dem Dokumentarischen und einem Moment der Fiktionalisierung bewegt. Was bedeutet das für unser Thema des Dokumentarischen als politische Praxis – angesichts der totalen visuellen Durchdringung unserer politisch-sozialen Gegenwart, in der sich Bild und Wirklichkeit permanent gegenseitig zu errichten und zu kommentieren scheinen?
A Ich glaube, die Arbeit funktioniert deshalb, weil dieser Moment des Fotografischen noch wahrgenommen wird. Auch, wenn die Leute nicht mehr fest daran glauben, steckt diese Annahme noch in den Köpfen, dass ein Foto noch eine Referenz der Wirklichkeit aufweist, von dem Ort und dem Zeitpunkt, an dem das Foto gemacht worden ist. Es kann natürlich sein, dass sich das im Laufe der Zeit verschleift, durch immer mehr gestellte Bilder, durch manipulierte Bilder. Ganz habe ich allerdings diese Hoffnung noch nicht aufgegeben. Fotografie war von Anfang an eine Konvention zwischen den ProduzentInnen und den BetrachterInnen. Wenn man die Bilder aus Libyen oder Ägypten ansieht, kann man natürlich an all diesen Bildern zweifeln, warum wurden sie gemacht, mit welcher Absicht, sind sie echt oder nicht, was bedeutet überhaupt echt? So, wie mit diesen Bildern gearbeitet wird, wo sie auftauchen, welche politischen Entwicklungen sie auslösen, sind sie aber immer noch von entscheidender Bedeutung. Wir müssen uns nur von der Idee der Objektivität endgültig verabschieden. Die Konventionen werden sich ändern, aber ich glaube nicht, dass sie verschwinden werden.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 11–18.
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TOBIAS ZIELONY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 11–18.
Tobias Zielony, Chronic. Aus der Serie / From the series: Manitoba, Winnipeg, CAN, 2009. -
TOBIAS ZIELONY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 11–18.
Tobias Zielony, Powwow. Aus der Serie / From the series: Manitoba, Winnipeg, CAN, 2009. -
TOBIAS ZIELONY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 11–18.
Tobias Zielony, Ghost. Aus der Serie / From the series: Manitoba, Winnipeg, CAN, 2009. -
TOBIAS ZIELONY
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 11–18.
Tobias Zielony, Greenwich. Aus der Serie / From the series: Manitoba, Winnipeg, CAN, 2009.
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REINHARD BRAUN, AHLAM SHIBLI
Ahlam Shibli: Einspruch gegen verordnete Unsichtbarkeit
F Wir möchten an den Punkt von der möglichen Wirkung deiner Bilder in einer Auseinandersetzung anknüpfen und an die Weigerung, das Sichtbare zu identifizieren und zur Weiterverwendung zu verpacken: Wie lassen sich die Bilder für unterschiedliche Verwendungsweisen offen halten? Glaubst du an unterschiedliche Adressaten: Akteure im Feld des Politischen, Leute, die für ihre Wünsche und Erwartungen kämpfen, und schließlich so etwas wie das »Feld der Kunst«? Haben Bilder in diesen verschiedenen Rezeptionsfeldern nicht verschiedene Wirkungen?
A Die Arbeiten richten sich nicht an bestimmte Adressaten; es ist praktisch unmöglich und auch nicht wünschenswert zu kontrollieren, wer von einer Arbeit auf welche Weise angesprochen wird. Vielleicht ist es auch gar keine gute Idee, zum Beispiel politische Akteure von AusstellungsbesucherInnen in einem Art Space/Museum oder von Leuten, die in einem Buch blättern, zu unterscheiden. Ist es politisch agierenden Menschen vielleicht verboten, in einen Art Space/ein Museum zu gehen? Ist es Art-Space-/MuseumsbesucherInnen verboten, in der Kunst, die sie sehen, Unterstützung für ihr politisches Engagement zu finden?
Dennoch würde ich sagen, dass die befriedigendste Rezeption bestimmter Werke die von den direkt Beteiligten war: den Waisen, die »Dom Dziecka. The house starves when you are away« (Polen, 2008) und den Flüchtlingen, die »Arab al-Sbaih« (Jordan, 2007) gesehen haben, den eingewanderten Pflegearbeitern und ihren Arbeitgebern, die »Dependence« (Barcelona, 2007) gesehen haben, und den Besuchern von »Trauma« (Corrèze, Frankreich, 2008 – 2009), die die deutsche Besatzung und die französischen Kolonialkriege miterlebt haben. Die Arbeit sollte so genommen werden, wie sie gemacht wurde – aus dem Bedürfnis zu zeigen, was nicht gesehen werden sollte, und aus Abneigung gegen die Verdinglichung und Kommodifizierung des Gezeigten – womit sich das Werk ohnehin gegen jedwede »Verwendung« sperrt.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 19–20.
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Ahlam Shibli: Einspruch gegen verordnete Unsichtbarkeit
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 19–20.
Ahlam Shibli, Untitled (Trauma No. 28), Corrèze, France, 2008–09.
C-print, 57,7 cm × 38 cm.
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REINHARD BRAUN, DAVID GOLDBLATT
David Goldblatt: Unsere Strukturen betrachten
Traditionelle bienenkorbförmige Hütte, KwaCeza, KwaZulu, 31. Juli 1989. Hier wohnen Mildred Nene, zwei ihrer unverheirateten Töchter, deren drei Kinder und drei weitere Enkel. Die Hütte wurde 1987 innerhalb von zwei Monaten aus Holz und Gras gebaut, das die Frauen auf dem Kopf herantrugen. Mit 59 Jahren war Nene noch nicht pensionsberechtigt. Manchmal schickte ihr eines ihrer sieben Kinder oder der Vater eines ihrer Enkelkinder Geld – ein anderes Einkommen hatte sie nicht. Neben der Hütte angebaut befand sich eine weitere, rechteckige Hütte mit einem Blechdach. Sie gehörte ihrem Sohn Isaac, der in Durban arbeitete und zu den Feiertagen nach Hause kam. Er schickte ihr kein Geld, brachte aber bei seinen Besuchen immer etwas mit. In der Nähe der Hütte stand ein Stall für seine beiden Kühe. Nene hatte Ziegen, aber man hatte sie ihr gestohlen. Sie kannte den Dieb, hielt es aber für besser, nichts zu sagen. Die Leute helfen einander nicht, sagte sie. Der Häuptling hilft einem je nach Größe des Geschenks, das man ihm macht. Isaac schrieb ihr manchmal. Worüber? Über seine Brustschmerzen. Auf die Frage, ob sie ihm jemals geschrieben habe, antwortete sie: »Er weiß ja, wie ich lebe. Ich habe ihm nichts zu berichten.«
Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 21–22.
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David Goldblatt: Unsere Strukturen betrachten
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 21–22.
David Goldblatt, In the home of Mildred Nene, a beehive dwelling that she and her two daughters built at KwaCeza, KwaZulu. 31 July 1989.
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MAREN LÜBBKE-TIDOW, MICHAEL SCHMIDT
Michael Schmidt: Mehr Fragen stellen als Antworten geben
F Wie nähern Sie sich Ihren Themen oder Gegenständen? Sind da zuerst die Bilder, die nach Ordnung verlangen und sich im Prozess des Editierens zu einem Thema formieren, oder aber ist da umgekehrt zuerst ein Thema, dass Sie bearbeiten möchten und das den Prozess der Aufnahme gewissermaßen lenkt?
A Es ist komplexer und letztlich ein Konglomerat aus allem; aber das Thema ist zuerst da, wobei das beste Thema nichts nützt, wenn das Bild nicht den Aspekt der Erneuerung in sich bürgt. Aber letztendlich gilt: Inhalt bestimmt die Form.F Geschichte oder geschichtliche Zusammenhänge sind in vielen Ihrer Arbeiten stets gegenwärtig – ohne dass man den Eindruck gewinnt, dass hier etwas systematisch durchgearbeitet wird, im Gegenteil: Die Geschichte mäandert durch Ihre Bilder, Zusammenhänge erschließen sich mehr aus den jeweils persönlichen Erfahrungen oder Assoziationen der Betrachter. Geschichte wird hier also produktiv gemacht als etwas, das unabgeschlossen und unabschließbar ist. Wie würden Sie selbst Ihren Umgang mit Geschichte beschreiben?A Aber das ist ja letztendlich meine Systematik, Geschichte offen und unabgeschlossen zu sehen, sie lebendig zu halten. Mehr Fragen zu stellen, als Antworten zu geben.
Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 23–26.
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Michael Schmidt: Mehr Fragen stellen als Antworten geben
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 23–26.
Michael Schmidt, Meer #3, 2007. Silbergelatine-print, 49,5 cm × 65 cm.
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REINHARD BRAUN, HITO STEYERL
Hito Steyerl: Dokumentarische Praxis ist immer schon eine Handlung
In einer meiner letzten Arbeiten hob ich die Copyrighthinweise von bei eBay verkauften Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg hervor. Die von Soldaten an der Ostfront gemachten Bilder zeigen alle möglichen Kriegsszenen. Je gewalttätiger sie sind, umso teurer werden die Fotos gehandelt. Die Verkäufer versehen die Fotos mit Copyrighthinweisen, um ihre Rechte zu schützen, aber auch um Kriegsverbrechen, Hakenkreuze und andere illegale Inhalte zu verbergen. In meinen Arbeiten entfernte ich die fotografischen Inhalte und ließ die Copyright-Hinweise an der ursprünglichen Stelle stehen. Sie repräsentieren die Originalfotografie aus der Sicht ihrer Existenz als digitale Ware. Dies ist ihre heutige Umlaufform. Auf negative und subtraktive Art und Weise bewahren sie allerdings eine Spur vom Widerstand derer, die ursprünglich auf den Fotos abgebildet waren: hauptsächlich in Gefangenschaft geratene sowjetische Soldatinnen, die gegen die Nazi-Invasion kämpften. Diese Frauen gehörten zu einer jener Gruppen, die sofort nach der Gefangennahme getötet wurden. Sie hatten keine Überlebenschance. In einigen Fällen wird also in sehr abstrakter Form ein Negativabdruck von ihnen bewahrt. Dies sind ihre Porträts im Jahr 2010, unter den Bedingungen des digitalen Kapitalismus, und ich möchte behaupten, dass es sich dabei um dokumentarische Bilder handelt, weil sie die Realität der gegenwärtigen Zirkulation und Verbreitung der Originalfotos zeigen.
Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 27–28.
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Hito Steyerl: Dokumentarische Praxis ist immer schon eine Handlung
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 27–28.
Hito Steyerl, Russische Kriegsgefangene Flintenweib (aukcia 270519641708). Aus der Serie / From the series: The War according to eBay, 2010.
Löschungen auf eBay-Foto / Deletions on eBay-photo. C-print, 100 cm × 150 cm, Leuchtkasten / light box.
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REINHARD BRAUN, JO RACTLIFFE
Jo Ractliffe: Ein Raum für andere Bilder
F In ihren Fotografien beschäftigen Sie sich immer wieder mit Landschaft und ihrer Rolle im (südafrikanischen) Imaginären, insbesondere in Bezug auf das gewaltsame Erbe der Apartheid. Ihre »idyllischen« Aufnahmen entpuppen sich oft als Schauplätze von historischer Gewalt und Vernichtung, sie verweisen auf traumatische Ereignisse, die im Wesentlichen undarstellbar sind und sich nicht auf abbildbare Wirklichkeitselemente reduzieren lassen. Zugleich haben Sie ein Interesse an der Enthüllung von Abwesendem bekundet.
Ihre Arbeit könnte somit als eine Befragung der Ambivalenz fotografischer Repräsentation gelesen werden; gleichzeitig mit dem Zweifel über die Möglichkeit und Angemessenheit der Sichtbarmachung von Krieg, Gewalt und Macht wird eine andere Möglichkeit der Fotografie ins Spiel gebracht: Bedeutungen zu produzieren, die nicht primär mit der Wirklichkeit oder der Authentizität der Darstellung zu tun haben. Was ereignet sich also zwischen Bild und Wirklichkeit, das eine derartige Option eröffnen könnte? Und was bedeutet diese Frage für Ihre fotografische Praxis; welcher Strategien bedienen Sie sich, wenn sie »das Reale hervorlocken« – so der Titel Ihres Seminars an der Sommerakademie Salzburg in diesem Jahr – wollen?
A Ich finde Ihre Leseweise meiner Arbeiten als »Befragung der Ambivalenz fotografischer Repräsentation« sehr treffend. Tatsächlich ist das etwas, das mich unabhängig vom jeweiligen Sujet immer beschäftigt hat. Es ist auch etwas, das unauflöslich mit der Überzeugung verbunden ist, dass es in der Fotografie weniger um das Abgebildete als um das »Sehen« geht – ein »Sehen«, das die Wahrnehmungsbedingungen ebenso reflektiert wie den fotografierten Gegenstand.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 29–31.
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Jo Ractliffe: Ein Raum für andere Bilder
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 29–31.
Doppelseite / spread: Jo Ractliffe, S. / pp. 30–31.
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SUSANNE HOLSCHBACH, PEGGY BUTH
Peggy Buth: Wahrheit hat immer auch die Struktur der Fiktion
B Die Setzung, die mit der Frage nach dem Dokumentarischen als politische Praxis getätigt wird, reizt mich zum Widerspruch, wobei ich mich dem Kontext der Fragestellung durchaus verbunden fühle.
Warum sollte sich künstlerische Praxis – ich setze voraus, dass das Dokumentarische hier auch eine spezifische künstlerische Praxis meint – diesem Anspruch unterstellen? Oder andersherum: Kann sie überhaupt für sich beanspruchen, politisches Handeln zu sein?
Ich erkenne in der Frage ein Begehren, mit dem ich mich identifizieren kann: den Wunsch nach gesellschaftlicher Wirksamkeit, die Dringlichkeit, angesichts gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen zu handeln. In diesem Zusammenhang sehe ich auch die anhaltende Auseinandersetzung mit der Vorstellung einer »Unmittelbarkeit der Fotografie« bzw. einer unmittelbaren Einschreibung der Wirklichkeit, wie sie in den unterschiedlichen Diskursen des Dokumentarismus geführt wird. Damit wird ein kritisches Potenzial verbunden, welches Authentizität, Zeugnis und Wahrheit als aufklärerische Kraftfelder sowie auch die Einbindung des sogenannten »bloßen Lebens« in den Bereichen des politischen Lebens verorten möchte – was für mich nachvollziehbar, aber auch problematisch ist.
H Deiner Analyse und auch deinem Unbehagen würde ich unbedingt zustimmen. Das Dokumentarische, so verstehe ich auch die Programmatik dieses Heftes, kann nicht mehr hinter seine Kritik zurück, d.h. hinter die Dekonstruktion, die seine impliziten Voraussetzungen und Vorannahmen schon in den 1970er- und 1980er Jahren durchlaufen haben. Man könnte von einer postdokumentarischen Kondition sprechen – ein Vorschlag, der genau auf die Problematik zielen soll, die diese Anspielung aufruft. Im Anschluss an Douglas Crimps Unterscheidung eines affirmativen und eines widerständigen Verständnisses von Postmoderne sähe ich eine kritische (post)dokumentarische Praxis nach wie vor darin, sich reflexiv zu ihren Voraussetzungen zu verhalten. So scheint es mir nach der »Wiederkehr des Wirklichen«, die ja bereits für die 1990er Jahre konstatiert wurde, an der Zeit, die Frage der Repräsentationskritik neu zu stellen. Vor diesem Horizont würde ich auch deine Arbeit sehen.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 32–34.
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Peggy Buth: Wahrheit hat immer auch die Struktur der Fiktion
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 32–34.
Peggy Buth, Gene Autry, ca. / about 1957.
Filmstill aus der Serie / from the series: Who is telling the story? Seit / Since 2009.
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JAN WENZEL, ALEXANDER KLUGE
Alexander Kluge: Gabi Teichert auf dem Parteitag der SPD
Filme über Parteitage waren mehrmals Kristallisationspunkte in der Geschichte des Dokumentarischen – das gilt sowohl für die aggressiven Selbstinszenierungen einer nationalsozialistischen Herrschaftselite in Leni Riefenstahls Reichsparteitagsfilmen (1933 – 1935), als auch für jene Filme, die in den 1960er Jahren maßgeblich zur Durchsetzung der Direct-Cinema-Methode beitrugen: in Amerika »Primary« von Albert Maysles, D.A. Pennebaker und Richard Leacock (1960); in Deutschland »Parteitag 64« von Klaus Wildenhahn. Auch Alexander Kluge demonstrierte seinen Ansatz, Mischformen aus Fiktionalem und Dokumentarischem zu bilden, besonders eindrucksvoll in der Parteitagsszene des Films »Die Patriotin«, in der er ein reales Ereignis um eine fiktive Situation erweitert: die Protagonistin des Films, die Geschichtslehrerin Gabi Teichert, gespielt von Hannelore Hoger, besucht einen Parteitag der SPD.
Eine Szene aus dem Film »Die Patriotin« (1978)
Die Treppe zum Parteitag der SPD kommt Gabi Teichert herauf.
Originalton, Off. Gabi Teichert sitzt im Plenum.
Kommentar: Wenn Gabi Teichert Geschichte unterrichtet, so will sie an den Entscheidungen über diese Geschichte auch praktisch mitarbeiten. Sie muss versuchen, auf die Delegierten dieser Veranstaltung einzuwirken.[…]
Delegierter, Frau Teichert.
Der Delegierte ist noch nicht überzeugt.
Gabi Teichert: Kann ich jetzt noch einmal auf den Kern meiner Ansichten zurückkommen. Das Ausgangsmaterial für den Geschichtsunterricht an den Höheren Schulen ist nicht verbreitungswürdig. Nicht, weil es keine bewegte deutsche Geschichte gegeben hat, sondern weil sie so bewegt war, dass man sie nicht in einem positiven Sinne verarbeiten kann.
Delegierter: Tja …
Gabi Teichert: … das, was es ist, was ich dann verarbeiten muss, dann würden Sie auch versuchen, die Geschichte zu verändern, mehr zu verändern als bisher.
Delegierter, zweiflerisch.
Gabi Teichert: … dass das Endprodukt von Geschichte eigentlich das ist, was das Ausgangsmaterial später im Geschichtsunterricht …Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 35–37.
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Alexander Kluge: Gabi Teichert auf dem Parteitag der SPD
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 35–37.
Alexander Kluge, Still aus / from: Die Patrioten, 1978.
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TOBIAS ZIELONY, PAUL GRAHAM
Paul Graham: Die Frage neu ins Bild setzen »Wie ist die Welt?«
F In deiner Arbeit gibt es eine Bewegung, die die Frage, wie ein (oft benachteiligter) Teil der Menschen in Gesellschaften wie jenen der USA oder Großbritanniens lebt, mit der Frage der Darstellbarkeit dieser vermeintlichen Wirklichkeit mit den Mitteln der Fotografie verbindet. Ich denke hier zum Beispiel an die überbelichteten, fast weißen Bilder von Hilfsarbeitern auf dem Weg zur Arbeit in den reichen, weißen Vorortsiedlungen der USA in der Serie »American Night« (1998 – 2002). Was bedeutet diese Verknüpfung zwischen gesellschaftlicher Realität und der Frage ihrer Darstellbarkeit für unsere Idee des Politischen auf der einen Seite und der des Dokumentarischen auf der anderen? Für Fotografen stellen sich diese Fragen ja auch konkret in der Praxis: Wo fotografiere ich überhaupt und wann mache ich ein Bild? Und was passiert, wenn diese Bilder nebeneinander stehen? In deiner Arbeit »A Shimmer of Possibility« (2004–2006) fügst du kurze Sequenzen zu miniaturhaften Narrationen zusammen. Zwischen und neben den Bildern reißen Lücken des Nichterzählten, Möglichen auf. Wie hat sich diese Arbeit entwickelt und was bedeutet für dich der Titel, den man ja auch recht hoffnungsvoll, fast utopisch lesen könnte?
A […] Die Stile mögen wechseln, aber das Feld ist heute genauso vital wie damals, und die Frage – die Frage, die auch du mir in gewisser Weise stellst – ist nach wie vor aktuell: Wie sollen Fotografen heute intelligent das Leben-wie-es-ist fotografieren? Welche neuen Möglichkeiten gibt es, Bilder von dieser Welt hier und jetzt zu machen? In den letzten zwei Jahrzehnten stand der Trend gegen die, die sich an dieser Frage abarbeiten, aber das bedeutet nicht, dass das nicht wesentlich dazu beiträgt, der Welt Form und Gestalt zu verleihen. Es ist aber auch – um das nicht zu vergessen – ein künstlerischer Beitrag höchsten Ranges, denn es steckt nun mal große schöpferische Kraft darin, wenn jemand kühn auf frische und manchmal erhellende Weise die Frage neu ins Bild setzt, mit der sich gute Fotografie seit jeher beschäftigt: »Wie ist die Welt?«Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 38–40.
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Paul Graham: Die Frage neu ins Bild setzen »Wie ist die Welt?«
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 38–40.
Paul Graham, New Orleans. Aus der Serie / From the series: A Shimmer of Possibility, 2004–05.
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TOBIAS ZIELONY, LAURENCE BONVIN
Laurence Bonvin: Lebende Geisterstädte
F Sprechen wir über dein Projekt, über Gated Communities in der Umgebung von Istanbul. Das Thema Kontrolle interessiert mich sehr. Es scheint eine gewisse Ähnlichkeit zu der lagerartigen Siedlung außerhalb von Kapstadt zu geben. Beide sind ja »gated«, eingezäunt. Wenn ich mir deine Bilder aus Madrid oder Istanbul anschaue, erstaunt
es mich, dass die Leute nicht ausrasten oder jemanden umbrin-
gen. Sie leben allein und oft sehr einsam da draußen in der Weite
der Landschaft. Vielleicht brauchen sie einen Zaun um sich herum als ein Mittel der Selbstkontrolle?
A Innerhalb der Gated Communities war mir oft sehr unbehaglich zumute – und nicht nur, weil ich dort illegal fotografierte. Man schaut aus dem Fenster und erblickt eine Mauer oder einen Zaun mit Stacheldrahtabschluss. Dabei könnte man sich beschützt fühlen, ich aber fühlte mich eingesperrt. Warum wollen Menschen so leben? Warum schließen sie sich in diese angstbesetzten Räume ein? Tatsächlich finden sich ja eine ganze Menge Fantasien über den plötzlichen Umschlag von Gated Communities in Orte von Gewalt und Wahnsinn, etwa in mehreren Ballard-Romanen oder im mexikanischen Film »La Zona« (2007, Regie: Rodrigo Plá). Gated Communities und Orte wie Blikkiesdorp sind zwei Seiten einer Medaille; es sind Gefängnisanstalten, die der Kontrolle und Überwachung dienen, das eine Mal vom Staat verordnet, das andere Mal frei gewählt. Beide sind Ausdruck gewisser Ängste und des Wunsches, sie zu kontrollieren.
F Sowohl dein Thema als auch deine Arbeitsweise hängen offensichtlich mit der Bewegung der New Topographics zusammen. Was mir an dieser Art Fotografie immer gefallen hat, ist ihr nüchterner, unideologischer, nicht romantisierender Blick auf die Landschaft. Zugleich aber erzeugte sie eine fast fiktionale, filmartige Spannung, so als würde gleich etwas passieren. Mir scheint es jedoch einen Widerspruch zwischen diesen beiden Auffassungen – nennen wir sie dokumentarisch und fiktional – zu geben. Siehst du den auch in deinen eigenen Arbeiten am Werk?
A Absolut. Nur sehe ich keinen Widerspruch zwischen den beiden Auffassungen, sondern eher eine Dualität, aus der eine Spannung entsteht. Die Intensität der Spannung zwischen Dokumentation und Fiktion, Sachlichkeit und Metaphorik, dem Alltäglichen und dem Politischen, ist genau das, was mich in der Fotografie, in der Kunst, im Film oder in der Literatur interessiert. Es hat mit der Frage zu tun, wie man mit dem Vorhandenen eine Geschichte erzählen kann, eine Geschichte im weitesten Sinn des Wortes, die sich mit der Welt verbindet und Fragen aufwirft.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 41–44.
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Laurence Bonvin: Lebende Geisterstädte
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 41–44.
Laurence Bonvin, aus der Serie / from the series: Blikkiesdorp (Cape Town), 2009. Inkjet-print auf / on Dibond, 40 cm × 50 cm.
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WOLFGANG TILLMANS, MAREN LÜBBKE-TIDOW
Wolfgang Tillmans: In dieser Kälte Wärme zu finden ist der Rückhalt meiner neuen Fotos
F Deine neueren, jetzt auch mit digitaler Kamera fotografierten Arbeiten erscheinen mit ihrer Hyperpräsenz des Realen geradezu kontrapunktisch zu den »abstrakten« Arbeiten, die du in den letzten Jahren vermehrt in deine Ausstellungen mit eingebracht hast. Worin lag für dich als Fotokünstler der Reiz, diese Spannung zwischen Wirklichkeit und Sichtbarkeit erneut zu regulieren und wieder auf direkt und konkret fassbare Motive zu fokussieren und sie ins Bild zu setzen – und eben anders als bisher auch die Digitalkamera einzusetzen?
A Nachdem ich mich circa zehn Jahre mit dem Foto als Objekt beschäftigt und seine Fähigkeiten erprobt habe, Bilder ohne Linsen zu produzieren – und meine Auseinandersetzung mit der politischen Außenwelt vor allen Dingen in den Tischinstallationen »truth study center« (2005 – 2007) verhandelt habe – schien es mir ab 2009 dringlich wieder die Kamera in die Hand zu nehmen. Um zu sehen, was die tun kann. Die Entschleunigung, die ich mit den abstrakten Bildern versucht habe, verlangte ein Gegenteil.
Oft wird digitale Bildtechnik benutzt, um an der Wirklichkeit zu schrauben, um etwas verändert darzustellen. Aber dieser Zugriff hat mich nie interessiert. Zerschmelzende Uhren hat Dali schon in den 1930er Jahren gemalt, es gibt keinen Erkenntnisgewinn heute durch eine etwa surrealistische digitale Bildbearbeitung. Aber die Wahrnehmung von der Veränderbarkeit des digitalen Bildes und das fast zwangsläufige Infragestellen des im digitalen Foto Abgebildeten, ist vor allen Dingen von einer Selbsteinschätzung des »Yes we can« getrieben. Weil wir können, machen wir Bäuche schlanker in der Werbung und Welten fantasymäßiger in der künstlerischen Fotografie. Die Welt aber ist für mich überraschend genug, unstimmig genug. Das schon existierende Normal-Absurde übt eine große Faszination auf mich aus. Es ist nicht einholbar von irgendwelchen ausgedachten Ideen.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 45–47.
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Wolfgang Tillmans: In dieser Kälte Wärme zu finden ist der Rückhalt meiner neuen Fotos
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 45–47.
Wolfgang Tillmans, Tukan, 2010.
C-prints, verschiedene Größen / dimensions variable.
Courtesy: Galerie Daniel Buchholz, Köln, Berlin.
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MAREN LÜBBKE-TIDOW, PHILIP-LORCA DICORCIA
Philip-Lorca diCorcia: Ich kann gar nicht lügen, weil ich nie die Wahrheit verkündet habe
F Sie halten Ihre Arbeiten sehr präzise in einer Spannung zwischen Dokument und Inszenierung, eine Strategie, die dem Dogma einer nur vermeintlichen Оbjektivität des Dokumentarischen auf eine sehr expressiv-exemplarische Weise einen Moment von Fiktionalisierung entgegensetzt. In ihren Bildern führen Sie diese beiden Pole von Dokument und Fiktion zusammen. Es entstehen tableau-artige Bilder, wir wissen nicht, wer die Akteure in Ihren Bildern sind, wie Sie mit ihnen arbeiten, kurz: wie die Bilder entstehen. Was treibt Sie an, was finden Sie in der Wirklichkeit vor, und welche Prozesse setzen ein, wenn es zu diesem Moment kommt, in dem eine Situation in ein Bild überführt wird?
A Es ist auffällig, wie oft gewisse Wörter wiederkehren: das geläufigste ist wohl »Tableau«, ein echter Marker für Qualitätsfotografie, weil es sich so unfotografisch anhört, eine Verbindung mit der glanzvollen Vergangenheit, die anscheinend auch auf Illustration und Narration ausgedehnt wird, um das unersättliche Verlangen nach seifenopernhaften Stellvertretererfahrungen zu befriedigen. Dokumentarfotografie wird kiloweise geliefert. Es dreht sich alles ums Gewicht, die Lieferung der Güter. Fiktion ist, was man erzählt, wenn man mitten in der Nacht aufwacht und nicht mehr einschlafen kann. Ich habe viel über Autorengewohnheiten gelesen – wie obszön früh sie aufstehen, um ihre wertvolle Zeit mit Selbstgeißelung am Textverarbeitungsgerät zu verbringen. Fotografen stehen früh auf, um andere bei der Selbstgeißelung zu beobachten. Mir liegen beide Modi nicht besonders. Vielleicht aber ist der sumpfige Boden, auf dem ich stehe, der Brei, den man als Moment bezeichnet, interessanter als die Verankerung im Konkreten, das sich unter einem Meer aus Scheiße niemals ganz setzen wird.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 48–49. -
Philip-Lorca diCorcia: Ich kann gar nicht lügen, weil ich nie die Wahrheit verkündet habe
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 48–49.
Philip-Lorca diCorica, Untitled. Aus der Serie / From the series: East of Eden, 2007–08.
Inkjet-print, 101,6 cm × 152,4 cm.
Courtesy: David Zwirner, New York.
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HELGARD HAUG, DANIEL WETZEL
Rimini Protokoll: Weil sich die Realität der Begegnungen immer neu überschreibt
A photo: men in the midst of recyclable scrap material they have collected during the past night from garbage in the streets of Istanbul. Four of ten thousand collectors—four of hundreds of Kurds from the same clan, who commute from villages 20 hours east of Istanbul to the city, whenever the family situation allows it and debts compel them to. Behind to the right: a sleeping shack knocked together out of rubbish for up to 17 men. Above left, Apo looks at a note. The image is deceptive. The men rarely look at anything during this hectic phase of work; they grasp and toss what they have got deftly in the direction of its pile without interrupting the movement—paper to paper, can to can, plastic to plastic, electric appliances into one bin, x-ray pictures into another… The picture was taken during one of our visits in the “depot” of the group, from which three men became protagonists of our play “Herr Dağaçar und die goldene Tektonik des Mülls” (“Mister Dağaçar and the Golden Tectonics of Trash”), which premièred six months later in the same city, then toured here and there in Europe. The photo was taken like hundreds of others in the awareness that what we see there cannot be shown on the stage in this way—and that we would forget this while working with the people who can be seen in the photo. We would forget it, because the reality of the encounters always newly overwrites it, the image constantly changes in this permanent exposure camera that the black box of the theatre is.
Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 50–51.
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Rimini Protokoll: Weil sich die Realität der Begegnungen immer neu überschreibt
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 50–51.
Abdullah »Apo« Dağaçar, Aziz İdikurt, Bayram Renklihava, Mithat İçten, in »Herr Dağaçar und die goldene Tektonik des Mülls« von / by Helgard Haug und / and Daniel Wetzel (Rimini Protokoll; Istanbul, Berlin, Essen, Rotterdam 2010).
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MAREN LÜBBKE-TIDOW, RUTI SELA & MAYAAN AMIR
Ruti Sela & Mayaan Amir: Die Produktion ideologischer Positionen anstoßen
F In euren Arbeiten kombiniert ihr dokumentarische Sprache mit fiktionalen Interventionen, und streut dazwischen Momente von Gewalt, Aggression, Unterwürfigkeit und blindem ideologischem Gehorsam. So ist über eure Trilogie »Beyond Guilt« (2003 – 2005) oft geschrieben worden, dass es darin um Fragen israelischer Identität und die Verbindung von Sex mit der strukturellen Gewalt des Staates geht. Sexuelle und politisch-militärische Identitäten scheinen hier bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander verwoben. So habt ihr etwa in Toiletten von Nachtclubs offenkundig lesbische israelische Soldatinnen zum Zungenkuss verführt, worauf sie mit aggressiven Bemerkungen über Araber ausfällig geworden sind. Eure Sexverabredungen mit Männern in einem Hotelzimmer endeten nicht mit Sex, sondern mit Gesprächen, in denen es bald um die Armee und die Allgegenwart militärischer Konflikte ging. Ihr deckt also mit euren Filmen auf, was für einen übermächtigen Einfluss das Militär auf die israelische Gesellschaft hat, selbst in Momenten größter Intimität.
Eure filmische Strategie scheint aber auch die Lektüre eures Werks als feministische Intervention nahezulegen. Das Verhältnis von Filmenden und Gefilmten wird konstant thematisiert. Ihr verführt eure Interviewpartner einerseits mit der Kamera, richtet dann aber die Kamera auf euch selbst und macht damit relativ klar, dass ihr diejenigen seid, die das Geschehen lenken, ihr diejenigen, die das Ganze in Szene setzen. Im letzten Teil eurer Trilogie batet ihr eure Interviewpartnerin – eine Prostituierte –, selbst die Kameraarbeit zu übernehmen, offenbar um sie nicht vor der Kamera zum Objekt oder gar zum Opfer werden zu lassen, ihr durch die Überlassung von Gestaltungsmacht (sexueller) Integrität, eine Position als Subjekt der Szene zu geben.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 52–54.
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Ruti Sela & Mayaan Amir: Die Produktion ideologischer Positionen anstoßen
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 52–54.
Ruti Sela & Mayaan Amir, Stills aus dem Video / from the video: Beyond Guilt #2, 2004.
Aus der Triologie / From the trilogy: Beyond Guilt, 2003–05.
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MAREN LÜBBKE-TIDOW, RENZO MARTENS
Renzo Martens: Wir wissen eigentlich nicht, was wir sehen
[…] Wie ich mit dem Kongo-Film zu zeigen versucht habe und wie wir von Godard und vielen anderen gelernt haben, ist die Machtverteilung zwischen Bildproduzenten und Bildkonsumenten und die zwischen den Produzenten und Konsumenten von Kakao, Coltan oder Diamanten mehr oder weniger die gleiche.
Durch die Sichtbarmachung der enorm ungleichen Machtverteilung in diesem Film eröffnet er meiner Meinung nach auch tiefe Einblicke in die Hintergründe der Kakao- und Kaffeeproduktion und der Entstehung von Armut und Ausbeutung – und zwar auf objektivere Weise, als wenn ich die Ausbeutung bloß als externes Phänomen filmen würde.
Wir leben in einem bestimmten visuellen Regime, werden alle von ihm geprägt, erzogen – also ich zumindest. Und mir ist wichtiger, dieses bestehende Regime anzugreifen als Alternativen zu schaffen. Mir ist wichtiger, die existierenden Sehweisen frontal zu attackieren. Natürlich kann man auf viele verschiedene Arten Kunst machen. Der Film stellt nicht nur etwas fest, er zeigt auch die Folgenlosigkeit dieses Tuns – man sieht, was es kostet, welchen Preis wir alle für die Folgenlosigkeit des politischen Anspruchs der Kunst zahlen. Und zu sehen, dass irgendwo ein Preis für unsere schönen Gesten gezahlt wird, ist wichtig, denn sonst ergötzen wir uns bloß an den schönen Ausnahmen von der Realität. Dann ist die Kunst sogar noch mehr Augentäuschung.
F Ist deine Filmarbeit also eher ein Kommentar zu dieser Bild-erzeugungsmaschine oder geht es dabei auch um die konkrete, direkte – sagen wir – soziopolitische Situation der Länder, in denen du warst?
A So brutal das klingen mag: Ich benutze Kongo und Tschetschenien lediglich als vorgefundene Situationen, und ihre Darstellung besteht aus vorgefundenen Bildern. Ich kopiere sie und versuche, sie durch Interventionen aufzubrechen. Im Kongo-Film gibt es nur ganz wenige authentische Bilder – ich meine die Bilder vom Kongo, nicht die von mir und dem Neon-Schild oder dem Projekt, das ich gemacht habe. Es sind lauter Dinge, die wir schon oft zuvor gesehen haben. Sie sind wie Readymades. Wobei das Vorgefertigte natürlich nicht der Kongo ist, sondern seine Repräsentation. Und auch ich bin hier ein Readymade – der Produzent, der Künstler-Interventionist.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 55–57.
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Renzo Martens: Wir wissen eigentlich nicht, was wir sehen
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 55–57.
Doppelseite / spread: Renzo Martens, S. / pp. 56–57.
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TOBIAS ZIELONY, THOMAS RUFF
Thomas Ruff: Optische Prothesen
F In einem Interview sprechen Sie in Bezug auf die äußere Welt und die Fotografie von Wirklichkeiten erster und zweiter Ordnung. Zwischen diesen Wirklichkeiten stehen fotografische Apparate und andere bildgebende Maschinen, die Sie zur Produktion Ihrer künstlerischen Arbeiten einsetzen. Man könnte jetzt vermuten, dass es gerade diese Maschinen sind, die das Verhältnis von materieller Welt und Fotografie objektivieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Vielzahl unterschiedlicher technischer Bilder in Ihrem Werk – wie zum Beispiel die Aufnahmen mit Nachtsichtgeräten, Teleskopen aber auch digitale Bilder – erzeugen eine Art Grauzone zwischen Referenz und Repräsentation. Die Begriffe der Sichtbarkeit und Sichtbarmachung scheinen mir in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Wie entwickeln Sie ganz konkret eine neue Arbeit? Beginnen Sie bei der »Wirklichkeit erster Ordnung« und suchen sie nach Möglichkeiten ihrer technischen Sichtbarmachung? Oder sind es die Maschinen und ihre bildgebenden Verfahren, die am Anfang stehen? In Ihren Arbeiten bewegen Sie sich frei zwischen analogen und digitalen Techniken. Sind diese überhaupt voneinander zu trennen und wenn ja was bedeutet die Existenz digitaler Bilder für das Spannungsverhältnis von Sichtbarkeit und Wirklichkeit?
A Wirklichkeit erster Ordnung ist die Wirklichkeit unserer unmittelbaren Umgebung, wir nehmen sie in jedem Augenblick mit all unseren Sinnen wahr. Wirklichkeit zweiter Ordnung ist das Abbild. Da ist nur noch ein Sinn im Spiel, die Augen. Stimmt so aber auch nicht, da wir mit dem Gehirn wahrnehmen, also über Flash-backs auch die anderen Sinne einsetzen.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 58–59.
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Thomas Ruff: Optische Prothesen
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 58–59.
Thomas Ruff, jpeg rl02, 2007.
C-print mit / with Diasec, 269,2 cm × 184,8 cm. Courtesy: Johnen Galerie, Berlin.
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TOBIAS ZIELONY, TIMM RAUTERT
Timm Rautert: Teilnehmendes Interesse
Meine Arbeitsweise hat sich dahin verändert, dass ich wieder stärker über den Begriff des Dokumentarischen reflektiere. In dem Sinne, dass der Fotografie eine dokumentarisierende Funktion zugeschrieben wird, aber auch im Zusammenhang mit ihrem fiktionalen Charakter. Die Frage nach der Bedeutung von fotografischen Bildern wird mit der Frage nach deren Realitätsgehalt verknüpft.
Obsolet wird dies natürlich mit dem Niedergang der analogen Fotografie und der traditionellen Begrifflichkeit des Fotografischen. Ein algorithmisch generiertes Bild muss keine Referenz zur Wirklichkeit haben. Für diese neuen Bilder benötigen wir einen anderen Namen, wir sollten sie vielleicht nicht mehr Fotografie nennen.
Ein junger Fotograf, eine junge Fotografin, steht heute vor den gleichen Fragen, vor denen Sie damals auch standen: Was soll ich tun, was kann ich tun, was will ich wissen? Sie müssen sich selbst erfinden, wie Sie dies früher auch getan haben. Zugegeben, in einer immer schwierigeren, komplexeren Welt.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 60–61.
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Timm Rautert: Teilnehmendes Interesse
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 60–61.
Timm Rautert, Crazy Horse II, 2010. Video, loop, 27 min; Silbergelatine-print (gerahmt / framed), 40 cm × 30 cm; C-print (gerahmt / framed), 40 cm × 60 cm.
Installation: galerieKleindienst, Leipzig.
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KIRSTY BELL, COLLIER SCHORR
Collier Schorr: Das Normale der Differenz
F Diese Fotografie (»Germans and Turks«, 2006) wirkt zur Zeit besonders aktuell, wenn man bedenkt, dass Angela Merkel das »multikulturelle Experiment«, wie sie es nannte, gerade für gescheitert erklärt hat.
A Merkels Erklärung ist schockierend. In gewisser Weise sollte Deutschland dank des dort herrschenden Nationalismusverbots eigentlich durchlässiger für andere Kulturen sein, aber ganz offensichtlich ist das nicht der Fall. Als ich das Fenster sah, erschien es mir sogleich als ein perfekter Rahmen dafür, die Trennung der Kulturen zu thematisieren. Ein Beweggrund war zum Teil auch der Gedanke, dass türkisches Obst besser und teurer sein soll, aber auch der, dass sich jedes Fenster auf eine andere Welt hin öffnet. Vor allem aber ist das meiner Meinung nach ein hoffnungsvolles Bild
über das Normale der Differenz.
F Der Begriff des »Dokumentarischen« scheint inadäquat, vor allem in Bezug auf deine in Schwäbisch-Gmünd entstandene und entstehende Werkreihe, wenn man die häufig fiktionalisierenden oder allegorischen Aspekte dieser Arbeit bedenkt …
A Wenn ich vom Dokumentarischen spreche, so spreche ich auch von der schwierigen Arbeit in einem Medium, das stets an seiner Wahrheitstreue gemessen wird. Wenn sich eine mit Fotografie arbeitende Künstlerin für etwas »Vergangenes« interessiert, dann wird die Arbeit gleich als theatralisch und fiktionalisiert gesehen. Ich habe mir immer die Freiheit genommen, Porträts von einer anderen Zeit zu machen, aber weil ich außerhalb stehe, sehe ich sie als Dokumentation – ich betrachte meinen Gegenstand aus der Distanz, aber nicht unbedingt objektiv.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 62–63.
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Collier Schorr: Das Normale der Differenz
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 62–63.
Collier Schorr, Germans and Turks, 2006. Pigment-print, 78,7 cm × 98,1 cm.
Courtesy: 303 Gallery, New York.
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TOBIAS ZIELONY, UCHIHARA YASUHIKO
Uchihara Yasuhiko: Die nicht gemachten Fotos
A Beim Fotografieren zerbreche ich mir manchmal den Kopf über die Bilder, die ich nicht machen konnte. Ich habe oft das Gefühl, nicht die Fotografien machen zu können, die ich machen möchte. Fotografien, die ich nicht machen konnte oder nicht gemacht habe, existieren natürlich nicht wirklich, sondern nur in der Vorstellung.
Dennoch denke ich in meinen Träumen oder unerwarteten Momenten manchmal daran. Und manchmal kann ich dann nicht sagen, ob sie nur in meiner Fantasie existieren oder ob es sich um Erinnerungen an tatsächlich aufgenommene Bilder handelt.
Vielleicht sind die Bilder, die ich aufnehme, ein Überrest der Bilder, die ich nicht aufnehmen konnte. Ich glaube jedenfalls, dass meine Fotos von den nicht gemachten Fotos getragen werden.
Die japanische Kultur schätzt Kunstwerke, die unvollkommen oder unvollendet sind. In der Keramik z.B. hält der Töpfer die Scheibe knapp vor dem Erreichen der perfekten Form an, so dass das Stück leicht schief ausfällt. Selbst Sprünge und Splitter in der Glasur oder im Ton werden als schön empfunden. In der Architektur wird eine der Säulen verkehrt herum aufgestellt, oder ein Teil des Gebäudes unvollendet gelassen. Bei der Tuschmalerei bleibt ein großer Teil der Fläche leer, um das Weiß des Papiers hervorzuheben. Von solchen Werten ist auch meine Arbeit inspiriert. Nach dieser Denkweise gibt es den Gegensatz von »vollendet« und »unvollendet« gar nicht. Und daraus ergibt sich eine viel tiefere und genauere Art der Kunstbetrachtung.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 64–66.
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Uchihara Yasuhiko: Die nicht gemachten Fotos
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 64–66.
Uchihara Yasuhiko, DSC, 2007.
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SABINE SPILLES, LARRY FINK
Larry Fink: Das Konzept der Empathie
F Was ist Ihrer Meinung nach Dokumentarfotografie? Sehen Sie sich als Dokumentarfotograf?
A Hm, interessante Frage. Also, wenn man die Anfänge der Fotografie hernimmt, jedenfalls so, wie sie eingesetzt wurde, ging es dabei darum, etwas zu betrachten, um es zu dokumentieren. Der Kamera wohnte eine unglaubliche Wahrheit inne. Dabei greift sie doch lediglich das Reale aus der Luft und überträgt es auf ein Blatt Papier. Jedes von einer Kamera aufgenommene Dokument wird immer von den Launen des Fotografen abhängig sein, sei es bewusst oder zufällig.
F Das Dokumentarische wäre also – wie die Objektivität – ein Ideal, dem man hinterherjagt, das man aber unmöglich erreichen kann.
A Genau. Die Theorie des Dokuments zielt auf das Ideal der Bewegungslosigkeit. Man steckt etwas in eine Maschine, um eine exakte Replik zu erstellen, und es kommt als das heraus, was es immer
schon war. Doch bei einem Foto ist das nicht so – es lebt! Da es in der Fotografie um den Moment geht, der im Grunde ein offenes Maul ist, das nach Erfahrung hungert, hängt dabei alles von der Art dieses Hungers ab und wo es ihm am besten schmeckt – mmmh, lecker, schmatz!Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 67–68.
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Larry Fink: Das Konzept der Empathie
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 114/2011, S. / pp. 67–68.
Larry Fink, Hazel Dickens (1935–2011), Washington D.C., 12/2002. Aus / From: Somewhere There’s Music, Bologna: Damiani, 2006, S. 96.
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WALID SADEK
A Time to See 2/4 Die Gegenwart sehender Augen
Ein Gemälde des französischen Malers Léon Cogniet (1794 – 1880) mit dem Titel »Tintoretto, seine tote Tochter malend« (ca. 1843) zeigt den venezianischen Meister sitzend in einem abgedunkelten Raum, unheilvoll erhellt von rotem Licht. Zu seiner Rechten steht eine Staffelei mit einer Leinwand, auf der sich schwach die Umrisse eines schlafenden Gesichts abzeichnen. Zu seiner Linken liegt leblos seine Tochter Marietta.
Cogniets Gemälde ist ein Beispiel eines akademischen Genres, das sich beim Salonpublikum von den 1820er Jahren und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts einiger Beliebtheit erfreute: die Inszenierung und Dramatisierung von Kapiteln aus dem Leben alter Meister – Gemälde mit Malern.1 Cogniets Bild gehört eindeutig diesem Genre an. Es zeigt den Tod von Tintorettos Tochter Marietta. Formal gesehen ist das Gemälde akademisch. Das Licht ist manieriert, und das Gesicht der toten Tochter ist eine offensichtliche Huldigung an Berninis verzückte Hl. Theresa. Und doch evoziert es überraschend eine Zeitlichkeit, die die der Augen selbst ist: der Maler-Vater blickt – versunken in das, was noch immer gegenwärtig ist – nach links, während die rechte Hand, die den Pinsel hält, knapp oberhalb des Knies auf seinem Schenkel ruht und einen Augenblick lang das im Entstehen begriffene Gesicht auf der Leinwand vergisst. Einen Augenblick, der dauert. Tintoretto scheint zwischen Zeichnung und Sujet zu sitzen, befindet sich aber eher im Abgrund, der sich durch ein Sehen auftut, das vom Zeichnen getrennt ist.Textbeitrag in Camera Austria International 114/2011, S. 69–70.
Ausstellungen
Aernout Mik: Communitas
Jeu de Paume, Paris
Museum Folkwang, Essen
Stedelijk Museum, Amsterdam
CHRISTA BLÜMLINGER
The Otolith Group: Thoughtform
MACBA, Barcelona
Ibon Aranberri: Organigramma
Fundació Antoni Tàpies, Barcelona
1979, a Monument to Radical Moments
La Virreina Centre de la Imatge, Barcelona
ALBERTO MARTÍN
Stefan Panhans: Wann kommt eigentlich der Mond raus?
Museum für Gegenwartskunst Siegen.
JULIA GWENDOLYN SCHNEIDER
Paul Graham: Photographs 1981–2006
MARTIN HERBERT
A Hard, Merciless Light: The Worker-Photography Movement, 1926–1939
Museo Reina Sofia, Madrid
RUDOLF STUMBERGER
Staging Action: Performance in Photography since 1960
MoMA, New York
RACHEL BAUM
FotoSkulptur. Die Fotografie der Skulptur bis heute
MoMA, New York,
Kunsthaus Zürich
THILO KOENIG
Dislocación. Kulturelle Verortung in Zeiten der Globalisierung
Kunstmuseum Bern
SØNKE GAU
unExhibit
Generali Foundation, Wien
CHRISTIAN HÖLLER
Yto Barrada: Riffs
Deutsche Guggenheim, Berlin
REINHILD FELDHAUS
Miki Kratsman: all about us
Ursula Blickle Stiftung, Kraichtal
GISLIND NABAKOWSKI
Manfred Willmann: Arbeit
SANDRA KRIŽIĆ ROBAN
Inés Lombardi: Past Present – Close and Distant
MANISHA JOTHADY
Nadim Vardag
TANJA GASSLER
Martin Bilinovac: Exposure
DANIELA BILLNER
Bücher
Das Verschwinden der Revolution in der Renovierung.
Die Geschichte der Gropius-Siedlung Dessau-Törten
Gebrüder Mann Verlag, Berlin 2011
JOCHEN BECKER
Joanna Rajkowska, Sebastian Cichocki: Dogs from Üsküdar
Fundacja Sztuk Wizualnych / Foundation for Visual Arts, Krakow 2011
KRZYSTOF PIJARSKI
Joanna Rajkowska, Sebastian Cichocki: Dogs from Üsküdar
Fundacja Sztuk Wizualnych / Foundation for Visual Arts, Krakow 2011
SEBASTIAN CICHOCKI
The Studio Reader: On the Space of Artists
KIRSTY BELL
Sandra Krizic-Roban: At Second Glance.
Positions of Contemporary Croation Photography
Institute of Art History and UI-2M plus, Zagreb 2010
WALTER SEIDL
Impressum
Herausgeber: Reinhard Braun
Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie, Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich
Chefredaktion: Maren Lübbke-Tidow (V.i.S.d.P.)
Redaktion: Margit Neuhold, Sabine Spilles
Englisches Lektorat: Dawn Michelle d´Atri, Aileen Derieg
ÜbersetzerInnen: Dawn Michelle d´Atri, Aileen Derieg, Caroline Elder, Andy Jelcic, Wilfried Prantner, Josephine Watson
Dank / Acknowledgements:
Jens Asthoff, Kirsty Bell, Ariane Beyn, Laurence Bonvin, Annett Busch, Peggy Buth, Philip-Lorca diCorcia, Laurie Cluitmans, TJ Demos, Justine Durrett, Larry Fink, Anna-Catherina Gebbers, Paul Graham, Simon Greenberg, David Goldblatt, Hans-Jürgen Hafner, Susanne Holschbach, Bertram Keller, Kai Kolblitz, Alexander Kluge, Sharon Lockhart, Frederico Martelli, Renzo Martens, Timm Rautert, Jo Ractliffe, Jorge Ribalta, Rimini Protokoll, Thomas Ruff, Michael Schmidt, Collier Schorr, Hanna Schouwink, Walid Sadek, Ruti Sela & Mayaan Amir, Melanie Ohnemus, Marie Röbl, Alexandra Schott, Ahlam Shibli, Hito Steyerl, Nadja Talmi, Ben Thornborough, Wolfgang Tillmans, Helmut Weber, Jan Wenzel, Beata Wiggen, Peter Yardley, Uchihara Yasuhiko, Kai Yoshiaki, Tobias Zielony
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ISSN 1015 1915
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