Camera Austria International

143 | 2018

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  • ABIGAIL SOLOMON-GODEAU
    Künstlerische Fotografie im Zeitalter der Katastrophe
  • DUNCAN FORBES
    Jenseits von Melodramatik: Fotografie und Mexiko 68
  • LARA BALADI
    »Nichts ist in Ordnung in Ägypten«
    Oben und Unten: Die Vogelperspektive auf den Tahrir-Platz
  • MARINA GRŽINIĆ
    Bilder der Gewalt oder die Gewalt des neoliberalen Nekrokapitalismus
  • ANA TEIXEIRA PINTO
    Was ist in einem Bild?
  • DINA AL-KASSIM
    Maria Eichhorns japanischer Mapplethorpe
  • OMAR KHOLEIF
    Der Ton als Bild
    Lawrence Abu Hamdan und die Politik der Visualität
  • CHRISTIAN HÖLLER
    Im Sog der Bilder
    Über die absorbierende Kraft gegenwärtiger Bildproduktion
  • TIMOTHY DRUCKREY
    Im Spagat zwischen »Posthistoire« und »Instant Archive«
  • SELECTED BY …

Vorwort

Seit dem ersten Symposion über Fotografie 1979, dessen Publikation auch zum Ausgangspunkt für die Zeitschrift Camera Austria International wurde, kennzeichnet eine intensive Beschäftigung mit dem Verhältnis von Text und Bild, Theorie und visueller Praxis die Arbeit von Camera Austria. Ab der Ausgabe Nr. 4 wurden die Vorträge der nahezu jährlich stattfindenden Symposien regelmäßig in der Zeitschrift publiziert, zuletzt 1997 das Symposion »Agents and Agencies«. Timothy Druckrey und Christian Höller, zwei der Autoren dieser Ausgabe, nahmen am Symposion im Jahr 1997 teil und markierten mit ihren Beiträgen den zunehmenden Einfluss der Cultural und Visual Studies sowie medienwissenschaftlicher Überlegungen auf die Debatten rund um Fotografie.

Volltext

Camera Austria International 143 | 2018
Vorwort

Seit dem ersten Symposion über Fotografie 1979, dessen Publikation auch zum Ausgangspunkt für die Zeitschrift Camera Austria International wurde, kennzeichnet eine intensive Beschäftigung mit dem Verhältnis von Text und Bild, Theorie und visueller Praxis die Arbeit von Camera Austria. Ab der Ausgabe Nr. 4 wurden die Vorträge der nahezu jährlich stattfindenden Symposien regelmäßig in der Zeitschrift publiziert, zuletzt 1997 das Symposion »Agents and Agencies«.¹ Timothy Druckrey und Christian Höller, zwei der Autoren dieser Ausgabe, nahmen am Symposion im Jahr 1997 teil und markierten mit ihren Beiträgen den zunehmenden Einfluss der Cultural und Visual Studies sowie medienwissenschaftlicher Überlegungen auf die Debatten rund um Fotografie.
Diese Ausweitung der Kontexte, in denen das fotografische Bild eine Rolle spielt und seine theoretische Bearbeitung erfährt, geht jedoch ebenfalls auf die Anfänge der Symposien zurück. Unterschiedliche bis gegensätzliche Positionen wurden zueinander in Beziehung gesetzt, um das Feld der Erörterung des Fotografischen beständig zu erweitern – in die Kulturwissenschaften, Visual Studies, Urbanismusforschung, Architektur, Literatur- und Filmwissenschaften, Philosophie, Medientheorie, Zeichentheorie, Repräsentationspolitik, politischen Aktivismus, feministische Theorie, Postkoloniale Studien usw. Vor allem aber waren die Symposien auch ein Ort des Austauschs zwischen Theorie und künstlerischer Praxis. Heute ist diese Transdisziplinarität oder gar Postdisziplinarität nahezu selbstverständlich. Insofern scheint es aus gegenwärtiger Sicht, dass während der Symposien über Fotografie weniger bestehende Übereinkünfte zur Sprache kamen, als vielstimmige Meinungsverschiedenheiten, Unstimmigkeiten und Uneinigkeiten, die den gleichzeitigen, aber gegensätzlichen Perspektiven auf das fotografische Bild entsprachen.
Im Oktober 2018 findet nun erneut ein Symposion über Fotografie statt, das sich dem Thema der »Gewalt der Bilder« widmet, und es folgt dieser Tradition der Vielstimmigkeit und Erweiterung der Diskurse. Dabei bringt es erneut Künstler*innen und Expert*innen aus verschiedenen Bereichen zusammen: Christine Frisinghelli, Marina Gržinić, Ana Hoffner, Tom Holert, Jakub Majmurek, Guy Mannes-Abbott, Ines Schaber, Ana Teixeira Pinto und Ala Younis. Anders als in der Vergangenheit haben wir uns jedoch entschieden, diese Ausgabe von Camera Austria International, die als dezidierte Theorie- und Textausgabe konzipiert ist, bereits zum Symposion selbst als eine Art Reader, der das Feld bereitet, vorzulegen. Manche der Teilnehmer*innen veröffentlichen einen Essay auch in dieser Ausgabe, als eine Schnittmenge zwischen Zeitschrift und Symposion. Andere Vortragende und Autor*innen haben bereits früher in der Zeitschrift veröffentlicht, wobei mit einigen eine bereits vieljährige Zusammenarbeit besteht. Die Frage, die wir den eingeladenen Autor*innen gestellt haben, lautete schlicht, welche Analysen und Reflexionen über fotografische Themen – künstlerische wie alltagskulturelle – für sie momentan ganz oben auf der Agenda stehen.
Herausgekommen ist ein für uns faszinierendes Panorama an Beobachtungen von und Zugriffen auf Bildkulturen: künstlerische Fotografie im Zeitalter der Katastrophe, Fragen der Zensur und solche der visuellen Darstellung von Revolutionen, die Frage, was in rassifizierten Bildern überhaupt gesehen werden kann, der Niederschlag rechtsautoritärer Politik in Bildregimen, der imaginale Raum, die Forensik und die Darstellbarkeit des Sonischen, das Phänomen der Demobilisierung durch Bilder sowie das entstehende visuelle »Instant Archive«.
Als einem Team, das seit vielen Jahren mit der Produktion dieser Zeitschrift beschäftigt ist, ist uns natürlich klar, dass Lesen und Recherchieren heute etwas anderes bedeuten als noch vor wenigen Jahren. Oftmals dreht es sich um die schnelle, knappe Information, die Zusammenfassung, das Exzerpt, um rasch voranzukommen. Das Wissen sollte zu uns kommen – vermittelt, erklärt, kommentiert, verwertbar. Doch in einer Zeit, in der der Antiintellektualismus voranschreitet, erscheint es vielleicht gerade deshalb angebracht, wiederum langsam, ausufernd, verzweigt und umfangreich zu werden. Mit Stuart Hall glauben wir daran, dass die Wirklichkeit kein Gegenstand ist, der sich ohne Anstrengung erkennen lässt. Und für diese Anstrengung sind die Texte wichtig, um die fotografischen Bilder nicht auf etwas zu reduzieren, das im Vorbeigehen oder im Umblättern bloß angeschaut werden soll. Bilder brauchen ihre Zeit, wie die Texte ihre Zeit brauchen, gelesen und verstanden zu werden, und beides bereitet eine Langsamkeit vor, »die eine Zeit wäre, die sich Zeit gibt, das heißt eine Zeit, die sich Zeit gibt für die Langsamkeit der Untersuchung und der Architektonik« (Alain Badiou). Dies ist die Zeit, in der die Texte auf die Bilder treffen: »Bilder und Worte kollidieren, damit das Denken seinen Ort im Visuellen hat.« (Georges Didi-Huberman) Dieser Ort, oder vielmehr, dieses Moment der Kollision könnte auch die politische Bewegung der Bilder markieren, ihre Politisierung, aber auch die Visualisierung einer Politik beleuchten, die das Denken durch Behauptungen ersetzt hat. Wie stellt sich gegenwärtig die Abhängigkeit des Sichtbaren vom Wort dar, welcher Regulierung der Beziehung zwischen Wissen und Nichtwissen unterliegen die Bilder, wie lässt sich eine Praxis wie Repräsentation aufrechterhalten, wenn die Bilder nicht mehr primär etwas zeigen, sondern in vielfältige Ensembles von Aufführungen integriert werden?
Vor dem Hintergrund dieser Fragen haben wir die vorliegende Ausgabe in der Hoffnung entwickelt, Verbündete für die Idee des Detaillierten, des genau Recherchierten und des Umfangreichen zu erreichen, dabei an die Geschichte von Camera Austria anzuknüpfen und sie zu aktualisieren. Den Texten dieser Ausgabe steht ein erweiterter Bildteil zur Seite, den wir in engem Austausch mit Autor*innen entwickelt haben, die Camera Austria seit Längerem begleiten und mitgeprägt haben, und die eingeladen wurden, Künstler*innen vorzuschlagen, deren Arbeit sie mit den Leser*innen von Camera Austria International teilen möchten. Wir freuen uns, dass aus den vorgestellten Beiträgen ein vielstimmiger, auch für uns unvorhergesehener Einblick in aktuelle Positionen künstlerischer Fotografie entstanden ist.

Reinhard Braun und das Team von Camera Austria
September 2018

1 Danach unregelmäßiger: »Positionen japanischer Fotografie« (2003), das die erste Ausstellung in den neuen Räumen im Eisernen Haus in Graz zur Eröffnung des Kunsthaus Graz begleitete, »Pierre Bourdieus Blick auf die Gesellschaftliche Welt« (2004) und Symposion über Fotografie XX anlässlich von Ausgabe Camera Austria International Nr. 100/2007, das den südafrikanischen und vom kürzlich verstorbenen David Goldblatt mitbegründeten Market Photo Workshop ins Zentrum rückte.

Cover: Montage verschiedener Zeitschriftenbeiträge. Copyright: Satz & Sätze, Graz.

Beiträge

Impressum

Herausgeber: Reinhard Braun

Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie.
Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich

Chefredaktion: Christina Töpfer.
Redaktion: Margit Neuhold.

ÜbersetzerInnen: Wolfgang Astelbauer, Dawn Michelle d’Atri, John Doherty, Nicolas Huckle, Lina Morawetz, Katrin Mundt, Wilfried Prantner, Marina Schumann, Andrea Scrima, Sabine Weier.

Englisches Lektorat: Dawn Michelle d’Atri.

Dank: Lawrence Abu Hamdan, Dina Al-Kassim, Jens Asthoff, Kader Attia, Lara Baladi, Véronique Besnard, Nahún Calleros, Michèle Cohen Hadria, Anthony Downey, Timothy Druckrey, Maria Eichhorn, Luigi Fassi, Karine Fauchard, Anne Faucheret, Duncan Forbes, Forensic Architecture, François-Xavier Gbré, Marina Gržinić, Claudia Gülzow, Grit Hachmeister, Sebastian Hau, Taco Hidde Bakker, Christian Höller, Susanne Holschbach, Omar Kholeif, Maya Krinsky, Sandra Križić Roban, Pierre Leguillon, Nicolas Linnert, Bart Lunenburg, Ben Mohai, Walter Moser, Yuki Onodera, Johan Österholm, Max Pinckers, Matthew Rana, Natascha Sadr Haghighian, Moritz Scheper, Julia Scher, Marika Schmiedt, Abigail Solomon-Godeau, Marko Tadić, Ana Teixeira Pinto, Fatoş Üstek, Mercedes Vicente, Claudio Vogt, Franz Wanner, Joanna Warsza, Sabine Weier, Carmen Winant.

Copyright © 2018
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit vorheriger Genehmigung des Verlags. Für übermittelte Manuskripte und Originalvorlagen wird keine Haftung übernommen.

ISBN 978-3-902911-46-9
ISSN 1015 1915
GTIN 4 19 23106 1600 5 00143