Camera Austria International

144 | 2018

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  • JUSTIN HOFFMANN
    Oliver Laric und sein 3D-Scan-Archiv
  • OLIVER LARIC
  • JENS ASTHOFF
    Fossiles Laub, verflüssigte Zeit: Über Motive und Verfahren in Johanna Jaegers Fotografie
  • JOHANNA JAEGER
  • FRANCESCO ZANOT
    Familiengeister
  • LEBOHANG KGANYE
  • E. C. FEISS
    Fotografie als Trägersystem
  • HANA MILETIĆ

Vorwort

Schon seit Längerem lässt sich Fotografie nicht mehr auf klassische zweidimensionale Formate, deren Präsentation ausschließlich in Form von Wandarbeiten stattfindet, reduzieren. Der künstlerischen Arbeit geht eine aufwendige konzeptuelle und rechercheorientierte Praxis voraus, die wesentlicher Bestandteil der letztlich zu sehenden Arbeit ist. Demgemäß nähern sich auch die in Camera Austria International Nr. 144 vorgestellten KünstlerInnen der Fotografie aus einem oftmals prozessualen Interesse heraus an und befragen das Medium hinsichtlich seiner performativen, teilweise auch ins Digitale und Skulpturale reichenden Qualitäten.

Volltext

Camera Austria International 144 | 2018
Vorwort

Schon seit Längerem lässt sich Fotografie nicht mehr auf klassische zweidimensionale Formate, deren Präsentation ausschließlich in Form von Wandarbeiten stattfindet, reduzieren. Der künstlerischen Arbeit geht eine aufwendige konzeptuelle und rechercheorientierte Praxis voraus, die wesentlicher Bestandteil der letztlich zu sehenden Arbeit ist. Demgemäß nähern sich auch die in Camera Austria International Nr. 144 vorgestellten KünstlerInnen der Fotografie aus einem oftmals prozessualen Interesse heraus an und befragen das Medium hinsichtlich seiner performativen, teilweise auch ins Digitale und Skulpturale reichenden Qualitäten.

Oliver Laric greift für seine Arbeiten auf Prozesse der digitalen 3D-Modellierung zurück. Im 3D-Druck-Verfahren lässt er oftmals auf antiken Statuen oder Reliefs basierende Skulpturen entstehen. Doch bilden diese nur einen Teilaspekt seines künstlerischen Schaffens ab. Ihnen vorgelagert ist ein umfassendes, von Laric selbst erstelltes Archiv von 3D-Scans, das er anderen Personen sowohl auf seiner Website als auch auf professionellen Plattformen wie Turbo-Squid kostenfrei zur Verfügung stellt. An das Erfassen der Originalobjekte schließen sich also »verschiedene Ebenen der Recherche, des Veröffentlichens und der Distribution«, wie Justin Hoffmann in seinem Beitrag schreibt, wodurch der Künstler »als Vermittler von Material für andere Kulturproduzent*innen fungiert.« Mit dieser Herangehensweise trägt Laric zu einer weiteren Demokratisierung des durch seine Reproduzierbarkeit, schnelle Zugänglichkeit und Wandelbarkeit geprägten Mediums Fotografie bei.

Auch Johanna Jaeger begibt sich in die Grenzbereiche des Fotografischen, dessen Entstehungsbedingungen und mediale Voraussetzungen sie in ihren Serien in den Blick nimmt. Aus verschiedenen Perspektiven kreist ihr Interesse um die Frage, wie Fotografie entsteht, welche Formen sie annehmen und wie sie sich wandeln kann – ins Zentrum rücken dabei auch jene Prozesse, die zwischen der Vorbereitung, Aufnahme und Fixierung einer Fotografie liegen. Jens Asthoff sieht den Aspekt der Zeit als eines der zentralen Merkmale von Jaegers Serien: »Sie entwickelt ihre künstlerische Arbeit entlang der Kerneigenschaft von Fotografie, ein (reproduktives) Zeitmedium zu sein. […] Ihre charakteristische Bildsprache kreist um Flüssig-Ephemeres wie Wolken, Farbverläufe und prozesshafte Auflösungen von Form, sie dockt bei Licht- beziehungsweise Belichtungsprozessen an oder thematisiert Feststofflich-Sedimentiertes […].« Diese Überlegungen setzen sich auch in der Präsentationsform Jaegers fein austarierter Ausstellungen fort.

Lebohang Kganye weitet ihre fotografische Praxis auch ins Performative und in die Inszenierung dreidimensionaler Räume aus. Als Ausgangsmaterial für ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie sowie ihre Befragung des Mediums Fotografie dienen ihr die Fotoalben ihrer Familie. Während Kganye in der Serie »Ke Lefa Laka: Her-Story« (2013) Fotografien ihrer Mutter mit geisterhaft scheinenden Selbstporträts überblendet, in denen sie deren Kleider trägt, baut sie in späteren Arbeiten verschiedene im Familienalbum zu sehende Räume in Form von Miniatur-Bühnenbildern nach und lässt in diesen die im Album abgebildeten Personen mit »echten« zusammentreffen. Diese Vereinigung von Vergangenheit und Gegenwart führt den Evidenzcharakter der Fotografie ad absurdum, wie Francesco Zanot darlegt, denn trotz ihrer Präsenz im gleichen Bild kommen die Figuren nur bedingt zusammen: »Obwohl ihre Bilder Zeugnischarakter haben, gelangt man zu keiner umfassenden Gewissheit, sondern nur zu mehr oder weniger glaubhaften Hypothesen, die fragmentarischen Informationen entspringen.«

Hana Miletić nutzt die Fotografie als Orientierungsmedium in der Erkundung sozialer Realitäten, wobei sie ihre Praxis gern als »Street Photography« beschreibt, mittels derer sie ihre Umgebung dokumentiert. Doch schließen diese Erkundungen auch andere Medien ein, so bedient sich Miletić des erweiterten Raums der Fotografie und entwickelt in mitunter kollaborativen Prozessen textile Objekte. Für E. C. Feiss konstituiert die »Unterdrückung des Fotos im Dienst des Stoffs […] sowohl die Politik des Werks als auch seine Kritik der Fotografie. Die dokumentarischen Einzelheiten der Fotografien werden bei ihrer Umwandlung ins Textile transformiert, wobei soziale Details sowohl bewahrt als auch unterschlagen werden, absorbiert durch die von der Webtechnik vorgegebene Komposition.« Zum Tragen kommen in Hana Miletić’ »Street Photography« nicht zuletzt auch soziale Aspekte und die kollektive Teilhabe am künstlerischen Prozess, so entstand ihre Arbeit »txt, Is Not Written Plain« (2017) im Rahmen einer Residenz am Brüsseler Globe Aroma, wo sie gemeinsam mit einer Gruppe von Frauen Filzobjekte erarbeitete.

Mit dieser Ausgabe kommt die von Jan Wenzel ins Leben gerufene Rubrik »Revolving Bookshelf«, die Camera Austria International seit 2013 begleitet hat, zu einem Ende. Vor jeder neuen Ausgabe waren wir wohl nicht weniger als unsere LeserInnen gespannt darauf, welche Bücher der Co-Verleger von Spector Books wohl dieses Mal für seine vergleichende Lektüre auswählen würde. Doch freuen wir uns auch darauf, dass Erik van der Weijde ab der kommenden Ausgabe in einer Reihe von Interviews einen Einblick in das (Foto-)Büchermachen aus der Sicht von KünstlerInnen und VerlegerInnen geben wird.

Unsere AbonnentInnen finden wie gewohnt zum Jahresende eine Posterbeilage in unserer Zeitschrift – dieses Mal gestaltet von Sophie Thun, deren Arbeit wir in Camera Austria International Nr. 142 gerahmt von einem Text von Orit Gat vorstellen durften und die gemeinsam mit uns eine Pop-up-Ausstellung im Fotohaus Arles der ParisBerlin>fotogroup entwickelt hat. Nun trägt sie einen Teil dieses für uns sehr erfreulichen Austauschs wieder in den Raum der Zeitschrift.

Christina Töpfer und das Team von Camera Austria
Dezember 2018

Cover: Ondrej Zunka, Rendering for Camera Austria International No. 144 based on a 3D scan by Oliver Laric.

Beiträge

Forum

Vorgestellt von der Redaktion:
Oliver Leu
Paula Artés
Alexandra Soldatova
Jenny Schäfer
Wenzel Stählin
Julia Gaisbacher

Ausstellungen

Wolfgang Tillmans: How likely is it that only I am right in this matter?
David Zwirner, New York
Trisha Baga: Mollusca & The Pelvic Floor
Greene Naftali, New York
Danielle Dean: Bazar
47 Canal, New York
Martine Syms: Big Surprise
Bridget Donahue, New York
Danny Lyon: Wanderer
Gavin Brown’s Enterprise, New York
ORIT GAT

James Richards & Leslie Thornton: Crossing
Secession Wien
James Richards & Leslie Thornton: SPEED Künstlerhaus Stuttgart
Malmö Konsthall
DENISE HELENE SUMI

Cauleen Smith: Give It or Leave It
Institute of Contemporary Art, Philadelphia
Institute for Contemporary Art at Virgina Commonwealth University, Richmond
JACOB KORCZYNSKI

Michael Oppitz: Bewegliche Mythen
Kolumba, Köln
MORITZ SCHEPER

The Black Image Corporation Osservatorio
Fondazione Prada, Mailand
MARIACARLA MOLÈ

Volksfronten: steirischer herbst 2018
Verschiedene Orte, Graz
RAIMAR STANGE

Persona Grata
Musée national de l’histoire de l’immigration, Paris
Musée d’art contemporain du Val-de-Marne, Vitry-sur-Seine
MICHÈLE COHEN HADRIA

Antarktika: Eine Ausstellung über Entfremdung
Kunsthalle Wien
JUNE DREVET

Klassenverhältnisse: Phantoms of Perception
Kunstverein in Hamburg
STEFANIE DIEKMANN

Richard Billingham’s Feature Film Debut “Ray & Liz” (2018)
Viennale, Wien
RAINER BELLENBAUM

Moving Image Helen Levitt
Albertina, Wien
PAULA WATZL

25 Jahre! Gemeinsam Geschichte(n) schreiben
Fotomuseum Winterthur
SONKE GAU

Stefanie Seibold: Centrefolds
Tiroler Künstler*schaft – Kunstpavillon, Innsbruck
KATJA KOBOLT

Sara Cwynar: Image Model Muse
Minneapolis Institute of Art
Milwaukee Art Museum
CHRISTINA SCHMID

Stillleben: Eigensinn der Dinge
Kunst Haus Wien
GUDRUN RATZINGER

Sigmar Polke: Fotografien 70 – 80
Museum Morsbroich, Leverkusen
STEVEN HUMBLET

Photo/Politics/Austria
museum moderner kunst stiftung ludwig wien
HERBERT JUSTNIK

Astrid Klein: transcendental homeless centralnervous
Sammlung Falckenberg / Deichtorhallen, Hamburg-Harburg
JOCHEN BECKER

Imogen Stidworthy: Dialogues with People
Württembergischer Kunstverein Stuttgart
KATRIN MUNDT

James N. Kienitz Wilkins: Hearsays
Gasworks, London
CHRIS FITE-WASSILAK

Caline Aoun: seeing is believing
MAXXI – Museo nazionale delle arti del XXI secolo, Rome
ARNISA ZEQO

Bücher

»Sollte ein Buch zum Film werden, ist etwas anderes geworden […]« – Über Bücher von Franz Greno zu Filmen von Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder
Alexander Kluge: Die Patriotin. Texte / Bilder 1–6
Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1979
Der Film BERLIN Alexanderplatz. Ein Arbeitsjournal von Rainer Werner Fassbinder und Harry Baer
Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1980
Alexander Kluge: Die Macht der Gefühle
Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1984
JAN WENZEL

Kenneth T. Walsh: Ultimate Insiders. White House Photographers and How They Shape History
Routledge, New York / London, 2018
KATHARINA SYKORA

Philipp Anz, Jules Spinatsch,Viola Zimmermann (Hg.): Schmieren / Kleben. Aus dem Archiv KKIII der Stadtpolizei Zürich 1976–1989
Edition Patrick Frey, Zürich 2018
EIKO GRIMBERG

Victor Burgin: The Camera. Essence and Apparatus
MACK, London 2018
TACO HIDDE BAKKER

Impressum

Herausgeber: Reinhard Braun

Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie.
Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich

Chefredaktion: Christina Töpfer.
Redaktion: Margit Neuhold.

ÜbersetzerInnen: Dawn Michelle d’Atri, Ben Bazalgette, Eva Dewes, Nicholas Huckle, Wilfried Prantner.

Englisches Lektorat: Dawn Michelle d’Atri.

Dank: Paula Artés, Jens Asthoff, Thomas Bernardet, Emilie Demon, E. C. Feiss, Julia Gaisbacher, Damon Garstang, Justin Hoffmann, Johanna Jaeger, Lebohang Kganye, Lena Kinast, Oliver Laric, Erin Leland, Oliver Leu, Hana Miletić, Matthias Reichelt, Ariel Reichman, Sandra Križić Roban, Jenny Schäfer, Franziska Schmidt, Alexandra Soldatova, Wenzel Stählin, Sophie Thun, Henri Vergon, Anna Witt, Francesco Zanot, Daniela Zehetner, Ondrej Zunka.

Copyright © 2018
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit vorheriger Genehmigung des Verlags. Für übermittelte Manuskripte und Originalvorlagen wird keine Haftung übernommen.

ISBN 978-3-902911-47-6
ISSN 1015 1915
GTIN 4 19 23106 1600 5 00144