Camera Austria International
83 | 2003
- REINHARD BRAUN
Klaus Schuster: Zweideutige Bilder - KLAUS SCHUSTER
- HERWIG HÖLLER
Aleksandr Il'ic Ljasenko genannt Petljura - PANI BRONJA UND ALEKSANDR PETLJURA
- KIM CASCONE
Derek Holzer & Bas van Koolwijk: System als Sigal, Daten als Flüssigkeit, Verhalten als Struktur - DEREK HOLZER & BAS VAN KOOLWIJK
- CHRISTA BLÜMLINGER
Chris Marker, ein Archäologe des Imaginären - CHRIS MARKER
- ANNETT BUSCH
Frieda Grafe - FRIEDA GRAFE
Vorwort
Camera Austria Nr. 83 widmet sich in Form monographischer Beiträge einer Reihe sehr individueller Positionen, die, wie so oft, über den Begriff Fotografie im engeren Sinn hinausgreifen und den Bildbegriff in Richtung Medien, Film und Performance erweitern: Der österreichische Künstler Klaus Schuster setzt sich seit Mitte der neunziger Jahre gezielt mit der Künstlichkeit von Bildern auseinander. Seine digital konstruierten Fotografien und Videoarbeiten erscheinen als „zweideutige Bilder“ zwischen Hypothese und Wirklichkeit. Reinhard Braun stellt in seinem Beitrag Schusters aktuelle Serie mit dem Titel „Selbstorganisation“ vor, die wie vorangegangene Arbeiten, „den sich ständig verändernden Zusammenhang von Gegenstand, Technik und kontextuellem Wissen“ durcharbeiten und vor allem den Prozess der Bildherstellung selbst reflektieren.
Camera Austria International 83 | 2003
Vorwort
Camera Austria Nr. 83 widmet sich in Form monographischer Beiträge einer Reihe sehr individueller Positionen, die, wie so oft, über den Begriff Fotografie im engeren Sinn hinausgreifen und den Bildbegriff in Richtung Medien, Film und Performance erweitern: Der österreichische Künstler Klaus Schuster setzt sich seit Mitte der neunziger Jahre gezielt mit der Künstlichkeit von Bildern auseinander. Seine digital konstruierten Fotografien und Videoarbeiten erscheinen als „zweideutige Bilder“ zwischen Hypothese und Wirklichkeit. Reinhard Braun stellt in seinem Beitrag Schusters aktuelle Serie mit dem Titel „Selbstorganisation“ vor, die wie vorangegangene Arbeiten, „den sich ständig verändernden Zusammenhang von Gegenstand, Technik und kontextuellem Wissen“ durcharbeiten und vor allem den Prozess der Bildherstellung selbst reflektieren.
Herwig G. Höller besuchte im Juli diesen Jahres den in Moskau lebenden Künstler Aleksandr Petljura, der seit Anfang der neunziger Jahre einen zentralen Stellenwert innerhalb der russischen Independent-Kunst einnimmt. Seit mehr als 25 Jahren sammelt er akribisch Kleidungsstücke und Flohmarktobjekte. Diese Form einer kulturgeschichtlichen Recherche, welche die Ideengeschichte Russlands von der Jahrhundertwende über die Ära der UdSSR bis in die Gegenwart nachvollziehbar macht, präsentiert der Künstler auf ironische Weise in Konzepten, die sich abseits des Mainstreams bewegen und Performances, theatralische Auftritte im Modekontext, Installationen und Fotografien gleichermaßen mit einschließen.
»Ozone« ist der Titel des Raum greifenden elektromagnetisches Environments, das Derek Holzer (USA) und Bas van Koolwijk (NL) im Herbst diesen Jahres im Medienturm Graz, zeigen. Der Beitrag des amerikanischen Musikers und Medientheoretikers Kim Cascone veranschaulicht die Hintergründe zu dieser systembasierten Form von Kunst.
Das Interesse am Film als Medium des Gedächtnisses und der Erinnerung steht im Mittelpunkt der Arbeiten des französischen Regisseurs Chris Marker. Christa Blümlinger reflektiert in ihrem theoretisch- kritischen Beitrag Markers Ansatz. Anlass sind die unlängst auf DVD erschienenen legendären Filme „Sans Soleil“ und „La Jetée“ aber vor allem Markers interaktive Installation „Immemory“, deren CD-Rom-Version (dem Medium für ein Erinnerungsarchiv schlechthin) Zugang zu und die Verknüpfung von unterschiedlichsten gespeicherten Erinnerungen bietet.
Zu den bedeutendsten Filmkritikerinnen der letzten Jahrzehnte zählt Frieda Grafe, die leider im Vorjahr verstorben ist: Ihr wollen wir in dieser Ausgabe eine Hommage widmen. Anlass hierzu ist auch die beim Verlag Brinkmann & Bose geplante zwölfbändige Ausgabe von Grafes Nachlass an Texten (2 Bände sind bereits erschienen, der dritte folgt im Oktober). Annett Busch nähert sich in Ihrem Essay dem umfassenden Werk Frieda Grafes über deren Schreibstil. Sie spannt damit auch einen Bogen zu Überlegungen, die Grafe schon in einem Symposion zum Thema „Das Bild: Der Text“ in Camera Austria 24/1987 vorgestellt hat.
Camera Austria bezieht ab Oktober 2003 im Kunsthaus Graz seinen neuen Ausstellungsraum, ab Jahresende 2003 wird auch die Redaktion der Zeitschrift Camera Austria vom Kunsthaus aus arbeiten. Mit dem neuen Ausstellungsraum und der Studienbibliothek im Kunsthaus Graz erhält das Projekt Camera Austria nunmehr die Möglichkeit, Präsentations- und Vermittlungsideen in einer für zeitgenössische Kunstmuseen idealen Weise voranzutreiben, und in Zusammenarbeit mit den Universitäten einem breiteren Publikum zu vermitteln. Das Programm von Camera Austria im Kunsthaus Graz wird weiterhin Schwerpunkte setzen, die über medienspezifische Fragen hinausgehen: Die enge Zusammenarbeit mit KünstlerInnen schafft die ständige Herausforderung, die eigene Arbeit zu reflektieren und das Medium Fotografie nicht allein als ästhetisches „Produkt“ zu verstehen, sondern als eine spezifische Form, in der Fragen zur Gesellschaft und Kultur formuliert und bearbeitet werden. Wie bisher sehen wir also das Projekt Camera Austria in der Erarbeitung von relevanten Fragestellungen über den Bereich der Kunst hinaus, in der kritischen Beobachtung kultureller Entwicklungen und in einem beständigen Dialog mit der Kunstproduktion auf der Höhe der Zeit.
Die Eröffnung von CAMERA AUSTRIA – KUNSTHAUS GRAZ wird durch zwei Projekte markiert, die als Beitrag von Camera Austria zum Programm von Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas konzipiert wurden. Unter dem Thema Keep in Touch werden Fragen nach dem sozialen Gebrauch von Bildern in den Mittelpunkt gerückt, die damit das Arbeitsfeld von Camera Austria programmatisch abstecken.
Die Ausstellung aktueller „Positionen japanischer Fotografie“ mit Beiträgen u. a. von Mao Ishikawa, Tomoko Sawada, Masafumi Sanai, Risaku Suzuki und Kyoichi Tsuzuki wird am 3. Oktober 2003 eröffnet. Am 31. Oktober und 1. November 2003 werden in einem zweitägigen Symposion mit japanischen TheoretikerInnen, Kurator- Innen und KünstlerInnen diese Positionen in ihrem spezifischen kulturellen Kontext verankert und zur Diskussion gestellt.
Die Ausstellung „Pierre Bourdieu: In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung“ stellt ab 14. November 2003 erstmals die fotografischen Dokumentationen vor, die während des Kolonialkrieges zwischen 1958 und 1961 in Algerien im Rahmen von ethnographischen und soziologischen Feldforschungen entstanden sind und die, wie Pierre Bourdieu sagt, sein „frühestes und zugleich aktuellstes“ Werk darstellen.
Aufmerksam machen möchten wir Sie auch auf unser jüngst erschienenes Künstlerbuch: Allan Sekula: TITANIC’s wake stellt Sekulas Arbeiten „Dear Bill Gates“ (1999), »TITANIC’s wake« (1998 – 2000) und „Waiting for Tear Gas“ (1999/2000) in den Zusammenhang eines „kritischen Dokumentarismus“, dessen Hintergrund in der für Sekula typischen Verbindung von Fotografie und Essay, Konzeptkunst und kritischem Journalismus besteht. Die dafür ausgewählten Essays liegen damit zum ersten Mal in deutscher Sprache vor. In diesen bezieht sich Allan Sekula unter anderem auf seinen 1984 publizierten Essay „Der Handel mit Fotografien“ und die darin gestellte Frage, welche Rolle der Mythos von der Fotografie als „universelle Sprache“ spielt („Zwischen Netz und tiefblauer See“). Der Aufsatz „TITANIC’s wake“ illustriert die gleichnamige 23-teilige Fotoserie und stellt Themen wie Ausbeutung und wirtschaftliche Vormachtstellung in den Zusammenhang größerer sozialpolitischer Problematiken. „Waiting for Tear Gas“ kommentiert die Dia-Serie selben Titels, die, 1999 in Seattle entstanden, die Anfänge der Protestbewegung der Globalisierungsgegner dokumentiert. „TITANIC’s wake“ ist damit einmal mehr zugleich ein wichtiger Beitrag zur zeitgenössischen Kunst wie zum Verständnis der drängenden Probleme der gegenwärtigen Gesellschaft.
Weiters ist für den Spätherbst diesen Jahres das Erscheinen der Publikation Golden Years. Materialien und Positionen zur queeren Subkultur und Avantgarde zwischen 1959 und 1974 geplant. Neben Aufsätzen von Theoretikern wie Diedrich Diederichsen, Matthias Haase, Juliane Rebentisch, Martin Saar und Ruth Sonderegger, die neben Christoph Gurk und Camera Austria auch als Herausgeber fungieren, dokumentiert die Publikation weiters eine Reihe von Interviews, die der amerikanische Künstler Mike Kelley für seine Installation „Unisex Love Nest“ mit namhaften ProtagonistInnen performativer Kunstgenres dieser Zeit geführt hat (u. a. mit Eleanor Antin, Jackie Apple, AA Bronson und Pamela Des Barres).
Wir freuen uns auf Ihren Besuch unseres neuen Standortes CAMERA AUSTRIA – KUNSTHAUS GRAZ. Zudem sind wir auch in diesem Herbst wieder bei einer Reihe von Kunstmessen vertreten: beim Artforum Berlin, der Kunst Wien und auf der Art Cologne – bitte nehmen Sie auch dies zum Anlass, sich über unser umfangreiches Programm zu informieren.
Und abschließend noch eine weitere, besonders erfreuliche Nachricht in eigener Sache: Reinhard Braun, der als Autor und Redakteur mit unserer Zeitschrift seit Jahren verbunden ist, wird ab diesem Herbst als Kurator und Redakteur unser Team verstärken.
Christine Frisinghelli, Manfred Willmann
Beiträge
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REINHARD BRAUN
Klaus Schuster: Zweideutige Bilder
Die „Locations“ von Klaus Schuster scheinen wie fremdartige Standbilder aus dieser massenmedialen Bildmaschine des Imaginären entnommen, wie die animierten Loops seiner Videoarbeiten uns in eine repetitive Suggestion von Fragmenten bewegter Bilder aus diesem seltsamen Universum der technischen Bilder zu verstricken scheinen. Mit dem einen Unterschied, dass sie ihre Konstruiertheit und Künstlichkeit erst gar nicht verbergen.
Diese offensiv zur Schau getragene Künstlichkeit gilt umso mehr für die Reihe der aktuellen Arbeiten, die Klaus Schuster unter dem Titel „Selbstorganisation“ zusammengefasst hat – wobei offen bleibt, ob sich dieser Begriff auf ein „Lebensmodell“ des Künstlers bezieht, auf soziokulturelle Prozesse im Allgemeinen, oder sozusagen die Bildkonstruktion aus der Perspektive der Bilder selbst beschreibt, so, als kämen sie aus einem nicht näher definierten „Jenseits“ der digitalen Apparate, so, als würden sie zunächstderen Imaginäres repräsentieren. Der Titel weist jedoch in dieser Offenheit auf die drängende Frage nach einer zeitgenössischen Bildlichkeit und deren prekären, grenzgängerischen Status im Rahmen von sich zerstreuenden Diskursen überWirklichkeiten – im besonderen Maße deshalb, weil gerade Fotografie (und die Arbeiten scheinen deutlich Fotografie zu simulieren) als Medium und Diskursformation durch eine Überlagerung von Technologie (einer Technizität von Kultur insgesamt), Wissen und Kunst konstituiert ist. Die „Signatur der Bilder“, wie es Philippe Dubois bezeichnet hat, verweist somit nicht mehr primär auf etwas Prä-Existierendes, sondern auf prozessuale Aspekte der Bildherstellung selbst, was einem allgemeinen Übergang vom Sehen zur Visualisierung entspricht. Wir befinden uns mit der Serie „Selbstorganisation“ mitten in einer Inszenierung der Welt als bildimmanentem und zugleich technologieimmanentem Prozess: Bilder einer Welt, die dieser Welt nicht mehr bedürfen.Textbeitrag in Camera Austria International 83/2003, S. 7–18.
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KLAUS SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 7–18.
Klaus Schuster, still aus / from: Veranda, 1999. Video Loop, 6 sec. -
KLAUS SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 7–18.
Klaus Schuster, still aus / from: Veranda, 1999. Video Loop, 6 sec. -
KLAUS SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 7–18.
Klaus Schuster, Megaphon, 2003. -
KLAUS SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 7–18.
Doppelseite / spread: Klaus Schuster, S. / pp. 16–17. -
KLAUS SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 7–18.
Klaus Schuster, Dampfbad, 2003. -
KLAUS SCHUSTER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 7–18.
Klaus Schuster, Fell, 2003.
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HERWIG HÖLLER
Aleksandr Il'ic Ljasenko genannt Petljura
Zumindest in Moskau zählte Aleksandr Il’ic Ljasenko genannt Petljura lange Zeit zu den unterschätzten wie umstrittenen Vertretern der so genannten „aktuellen Moskauer Kunst“. Unterschätzt, da die extrem diskursfixierte Moskauer Kunstkritik über zahlreiche blinde Flecken verfügt, zentrale KritikerInnen sich erst gegen 1990 mit zeitgenössischer Kunst in Form von „Moskauer Konzeptualismus“ und / oder „Moskauer Radikalismus“ zu beschäftigen begannen, wodurch viele Vorgeschichten, darunter Petljuras Aktionskunst der späten achtziger Jahre, unrezipiert blieben. Umstritten, da die in den Grenzbereichen von bildender und darstellender Kunst angesiedelten Arbeiten praktisch die gesamten neunziger Jahre hindurch von der avancierten Kunstszene vor allem als Societyphänomen wahrgenommen wurden, aber nicht als ernsthafte, d. h. diskursorientierte Kunst. Die Tageszeitung Kommersant daily, das journalistische Leitmedium der Neunziger, nannte Petljura 1993 gar „eine der rätselhaftesten und sinnlosesten Figuren des künstlerischen Lebens der Stadt“.
Ljasenko wurde 1955 im russischsprachigen Osten der Ukraine geboren, in einer Gegend, in der – wie er gerne betont – „freiheitsliebende“ Völker lebten und aus der Freiheitskämpfer wie Nestor Machno oder Simon Petljura stammen, die in den frühen Zwanzigern den Bolschewiken erbittert Widerstand leisteten. Aber auch der Künstler selbst leiste ebenfalls früh Widerstand, etwa gegen die lehrplanmäßige Lektüre der literarischen Ergüsse Leonid Breznevs, weshalb er nach dem ersten Studienjahr von der Charkover Kunsthochschule verwiesen wurde. Es folgte die Übersiedelung nach Moskau, wo er am Moskauer Stroganov-Institut 1981 erneut ein Kunststudium mit Schwerpunkt Innendesign aufnahm. „Das Stroganov-Institut war damals die einzige Institution in Moskau“, erzählt Ljasenko, „an der zeitgenössische künstlerische Disziplinen wie Design gelehrt wurden und ich wollte unbedingt eine zeitgenössische Kunstsprache erlernen.“ „Nichtstandardmäßige Zugänge“ erzwingen drei Unterbrechungen des Studiums, das er 1988 abschließt.Textbeitrag in Camera Austria International 83/2003, S. 19–30.
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PANI BRONJA UND ALEKSANDR PETLJURA
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 19–30.
Proben des Kollektivs, 1991. Photo: Aleksandr Petljura. -
PANI BRONJA UND ALEKSANDR PETLJURA
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 19–30.
Aleksandr Petljura, Sonnenblumen, aus der Serie / from the series: 25 Jahre später. Das Imperium in Dingen. 200 - 2001.
Photo: Vita Bujvid. -
PANI BRONJA UND ALEKSANDR PETLJURA
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 19–30.
Aleksandr Petljura, Kornfeld, aus der Serie: 25 Jahre später. Das Imperium in Dingen. 200 - 2001.
Photo: Vita Bujvid. -
PANI BRONJA UND ALEKSANDR PETLJURA
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 19–30.
Doppelseite / spread: Aleksandr Petljura, S. / pp. 24–25. -
PANI BRONJA UND ALEKSANDR PETLJURA
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 19–30.
Aleksandr Petljura, Ich gehe zur Sonne, 1996.
Photo: Heidi Hollinger.
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KIM CASCONE
Derek Holzer & Bas van Koolwijk: System als Sigal, Daten als Flüssigkeit, Verhalten als Struktur
DATEN ALS FLÜSSIGKEIT
„Man kann eine Audiodatei aus winzigen Grains herstellen, die das Verhalten eines Schwarms von Staren imitieren, der sich auf der wackeligen Umlaufbahn des Neptun durch den dreidimensionalen Klangraum des Hörers bewegt, und dann die Audiodaten über einen ‚Waveshaper‘ schicken, der den Börsenkursen dieses Monats gleicht. Zahlen sind der Treibstoff für den Motor der zentralen Recheneinheit…“
Benutzt man Computer zur Speicherung und Manipulation von Klängen, muss man zuerst das analoge in ein digitales Signal konvertieren – das Audiosignal wird in diskrete Zahlenwerte umgewandelt. Das Signal legt seine physischen Eigenschaften ab und verwandelt sich in eine grobe Abstraktion – einen gezackten Schatten des analogen Signals. In binäre Form gebracht, nimmt es einen flüssigen Zustand an, wird fähig, über die Grenzen von Datentypen, Dateitypen und die In- und Outputs von Algorithmen hinwegzuschwappen. Das direkte Playback von numerischen Werten bezeichnet man als „Klangumwandlung nullter Ordnung“. Die Daten werden einfach durch einen Digital-Analog-Konverter und von dort zu den Lautsprechern gepumpt. Klangkünstler verwenden diese Technik als alternative Verarbeitungsform, die ihnen unbegrenzte Möglichkeiten zur Visualisierung, Gestaltung und Reorganisation von Daten eröffnet. Wenn man eine Anordnung von Zahlen über eine Grenze schickt, kann man, mit anderen Worten, die „Bedeutung“ der Daten verändern. Konvertiert man z.B. die Grafikdatei einer Sonnenblume in eine Audiodatei, wird daraus ein dissonantes digitales Geräusch, das nicht mehr die Bedeutung „Blume“ hat. Oder ein anderes Beispiel: Konvertiert man eine Audiodatei mit einer Software wie Soundhack in ein QuickTime Movie, kann man Lou Reeds „Metal Machine Music“ in einen abstakten elektronischen Film verwandeln. Daten sind eine numerische Flüssigkeit, die sich in jeden Behälter gießen lässt und so eine neue Bedeutung annehmen kann; sie sind die „prima materia“, aus der Digitalkünstler ihre Werke formen.Textbeitrag in Camera Austria International 83/2003, S. 32–37.
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DEREK HOLZER & BAS VAN KOOLWIJK
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 32–37.
Derek Holzer & Bas van Koolwijk, still aus / from: Performance, Earational Festival, Den Bosch (NL), 6. April 2003. -
DEREK HOLZER & BAS VAN KOOLWIJK
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 32–37.
Derek Holzer & Bas van Koolwijk, still aus / from: Performance, Earational Festival, Den Bosch (NL), 6. April 2003. -
DEREK HOLZER & BAS VAN KOOLWIJK
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 32–37.
Derek Holzer & Bas van Koolwijk, still aus / from: Performance, Earational Festival, Den Bosch (NL), 6. April 2003. -
DEREK HOLZER & BAS VAN KOOLWIJK
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 32–37.
Derek Holzer & Bas van Koolwijk, still aus / from: Performance, Earational Festival, Den Bosch (NL), 6. April 2003. -
DEREK HOLZER & BAS VAN KOOLWIJK
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 32–37.
Doppelseite / spread: Derek Holzer & Bas van Koolwijk, S. / pp. 34–35. -
DEREK HOLZER & BAS VAN KOOLWIJK
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 32–37.
Derek Holzer & Bas van Koolwijk, Performance, Earational Festival, Den Bosch (NL), 6. April 2003.
Photo: Earational Festival.
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CHRISTA BLÜMLINGER
Chris Marker, ein Archäologe des Imaginären
Marker als Filmemacher zu bezeichnen, griffe zu kurz. Er ist Reisender, Schriftsteller, Essayist, Fotograf, Zeitzeuge, Erzähler, Künstler und vieles mehr – sehr oft alles in einem. Seine hartnäckig gehütete (Nicht-)Biographie hat Bernard Eisenschitz anhand von einigen zentralen Bezugspunkten folgendermaßen auf den Punkt gebracht: Widerstand und Befreiung (wo auch immer), der Verein Peuple et Culture, in dem auch André Bazin wirkte, die Zeitschrift Esprit, das Volkstheater. Man könnte vielleicht auch das Kino hinzusetzen – Marker schrieb zu Beginn der Cahiers du Cinéma, unter der Ägide von André Bazin, eine Reihe von Kritiken, schon damals aus fernen Ländern: Deutschland, Mexiko und Hollywood. Ein Zeitgenosse der Nouvelle Vague mit grundlegend anderem Hintergrund, in seinem Schaffen eher ein Verwandter von Resnais, Varda, Rouch und Gatti. Markers Interesse für Literatur und Kino schlug sich zunächst im Schreiben nieder – unter anderem in einem Buch über Giraudoux. Seine kulturellen Vorlieben durchgeistern später seine filmischen Essays und kristallisieren sich in „Immemory“, ob Hitchcock, Chateaubriand, Tarkowski, Rilke oder Michaux, ähnlich wie seine Katzenporträts oder seine Blicke auf Frauengesichter sich wiederholen. Kurosawa und Medwedkin begegnete er persönlich und widmete ihnen ganze Filme, das Drehen von „Ran“ in „A.K.“ und die Geschichte des Kino-Zugs („Le tombeau d’Alexandre“) sind bei Marker aber jeweils kein bloßes Dabei-Sein oder Erzählen, sondern immer eine assoziationsreiche Annäherung an eine Arbeitsweise, ein Leben, eine Welt. Markers Betrachtungen zeigen von Beginn an eine Distanz zum Gefilmten, um einen Diskurs über die Geschichte zu ermöglichen.
Textbeitrag in Camera Austria International 83/2003, S. 38–44.
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CHRIS MARKER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 38–44.
Doppelseite / spread: Chris Marker, S. / pp. 38–39. -
CHRIS MARKER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 38–44.
Chris Marker, still aus / from: Sans Soleil, 1982. DVD 2003. -
CHRIS MARKER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 38–44.
Chris Marker, still aus / from: La Jetée, 1962. DVD 2003. -
CHRIS MARKER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 38–44.
Chris Marker, still aus / from: La Jetée, 1962. DVD 2003. -
CHRIS MARKER
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 38–44.
Chris Marker, still aus / from: La Jetée, 1962. DVD 2003.
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ANNETT BUSCH
Frieda Grafe
Man sieht Frieda Grafe im Morgenrock an einem Tisch sitzen, gebeugt über Papier und Bücher. In der Ofentür daneben spiegelt sich ein Raum, die Küche, im Regal steht Filmtheorie neben Kochliteratur. Frieda Grafes mobiles Büro, die das Kochen wie das Schreiben gleichermaßen ernst nahm. Sagte das Bild Doppelpunkt. „My bedroom is my study and my kitchen is my boudoir“. („Boudoir“ auszusprechen wie von Bogart in „The Big Sleep‘.) In Wahrheit dichtete Frieda am Küchentisch, ihr Schreibtisch stand in ihrem ‚Boudoir‘, der mir auch als Schlafstätte diente, das Schlafzimmer war eigentlich eine Küchenkammer.“ Den angestammten Platz verlassen. Die blinden Flecken der Gewohnheit unter die Lupe nehmen. Wenn andere ein „selbstverständlich“ kolportierten, fragte sie genauer. Da erging es Kracauer nicht besser als Adorno. Tischerücken. „Für mich ist die Sprache, mein Arbeitsmittel, schon so allgemein und stumm, daß meine ganze Mühe, statt auf noch größere Allgemeinheit, darauf sich richtet, die Mauer der Allgemeinheit so dünn zu machen, daß etwas durchschlagen kann von jenseits der Barriere, von meinem Körper, in den so durch und durch artikulierten Sprachraum. Den generativen Grund von Sprache zeigen, ehe sie in kommunizierbarer Form starr wird.“
Frieda Grafes Sprache nährte sich vom Visuellen, von bewegten Bildern. Über Frieda Grafe schreiben heißt, über von ihr übersetzte Bilder und Filme schreiben.Textbeitrag in Camera Austria International 83/2003, S. 45–49.
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FRIEDA GRAFE
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 45–49.
Frieda Grafe, 1995 ("My bedroom is my study and my kitchen is my boudoir").
Photo: Igor Patalas. -
FRIEDA GRAFE
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 45–49.
Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 3./4. September 1977. -
FRIEDA GRAFE
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 45–49.
Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 25./26. Februar 1978. -
FRIEDA GRAFE
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 45–49.
Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 20./21. August 1988. -
FRIEDA GRAFE
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 45–49.
Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 8./9. April 1972. -
FRIEDA GRAFE
Künstlerbeitrag / Artist feature in Camera Austria International 83/2003, S. / pp. 45–49.
Doppelseite / spread: Frieda Grafe, S. / pp. 48–49.
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Forum
PATRICK O´HARE
JOHN GANIS
HIROSHI ONO
ANDREA WITZMANN
ANDREONI_FORTUGNO
STEFAN KORTE
UROŠ ĐJURIĆ
DAFNA TALMOR
MIRJANA RUKAVINA
SONJA GANGL
Ausstellungen
La Biennale di Venezia. 50th International Exhibition of Art
Venedig
DENISE ROBINSON
La Mirada. Looking at Photography in Latin America Today
Daros Exhibitions, Zürich
SEBASTIAN LOPEZ
Wolfgang Tillmans, if one thing matters, everything matters
Tate Britain, London
JOHN SLYCE
Art Brewer
Earl McGrath Gallery, New York
CARLO MCCORMICK
Looking Glass Lens, Dreaming in Pictures: The Photography of Lewis Carroll. International Center of Photography, New York
RACHEL BAUM
Cruel and Tender, The Real in the Twentieth-century Photograph
Tate Modern, London; Museum Ludwig, Köln
JOHN SLYCE
Allan Sekula: Performance under Working Conditions
Generali Foundation, Wien
RUTH NOACK
Brassaï, Surrealist aus Gelegenheit, Modernist aus Passion
Albertina Wien
MARIE RÖBL
Marcel Broodthaers: Texte et Photos
Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur, Köln
CLAIRE ZIMMER
(Des)Organisation? Formen der Organisation
Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig; Kunstraum der Universität Lüneburg
RAIMAR STANGE
Nothing Escapes Me, Louise Bourgeois: Intime Abstraktionen
Akademie der Künste, Berlin
REINHILD FELDHAUS
Territories
KW-Institute for Contemporary Art, Berlin
SØNKE GAU
Bücher
Aurel Hrabušický / Vàclav Macek: Slovenská Fotografia / Slovak Photography 1925 – 2000
Slovenská Národna Galéria, Bratislava, 2001
VALDIMIR BIRGUS
Kodachrome
Twin Palms Publishers, Santa Fe; Delano Greendige Editions, New York
SALLY STEIN
Evergreens à Gogo, Henk Tas: Why me Lord
TDS Drukwerken, Rotterdam, 2001
CAROLIN FÖRSTER
Aglaia Konrad: Elasticity
NAi Publishers, Rotterdam, 2002
JAN VERWOERT
Paolo Morello: Alfredo Camisa. Carteggio 1955 – 1963
Istituto Superiore per la Storia della Fotografia, Palermo, 2003
ROLF SACHSSE
Die moralischen Erzählungen der Susan Sontag. Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten
Carl Hanser Verlag, München, 2003
HERTA WOLF
Impressum
Herausgeber, Verleger und für den Inhalt verantwortlich: Manfred Willmann. Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA, Labor für Fotografie und Theorie
Alle: Sparkassenplatz 2, A-8010 Graz
Redaktion: Christine Frisinghelli, Maren Lübbke, Manisha Jothady
Assistenz: Nora Theiss. Trainees: Kanako Nasu, Margareta Oliwa
Übersetzungen: Martin Brady, Wilfried Prantner, Richard Watts