Camera Austria International

125 | 2014

Preis

€16 In den Warenkorb

  • TOBIAS ZIELONY
    Nan Goldin: Ein Gespräch
  • NAN GOLDIN
  • MAREN LÜBBKE-TIDOW
    Seiichi Furuya: Staatsgrenze
  • SEIICHI FURUYA
  • KAUCYILA BROOKE
    Allan Sekula (January 15, 1951 – August 10, 2013)
  • ALLAN SEKULA
  • DAN BYERS
    Joachim Koester: Some Boarded Up Houses
  • JOACHIM KOESTER
  • ALANNA LOCKWARD
    Dekolonisierung des (weißen) Blicks 1/4
    Wer peitscht?

Vorwort

Ausgangspunkt der vorliegenden Ausgabe ist ein Teil der Geschichte der Institution Camera Austria selbst. 1989 gab es vom Kulturreferat der Stadt Graz das Angebot, aus Anlass »150 Jahre Fotografie« mit größeren Projekten den Stellenwert der zeitgenössischen Fotografie in Graz zu unterstreichen. Es entstand zunächst die Ausstellung »Stadtpark Eins«, die, begleitet von der gleichnamigen Publikation, jene KünstlerInnen präsentierte, die im Umfeld des Forum Stadtpark Graz arbeiteten, zu dem damals auch Camera Austria gehörte. Darüber hinaus hatte der Herausgeber Manfred Willmann die Idee, FotokünstlerInnen, die durch »einen als wesentlich befundenen Beitrag […] in der Zeitschrift in ihrem Erscheinungszeitraum seit 1980« (so das Statut) mit Camera Austria verbunden sind, mit einem Preis zu würdigen (deren es damals auch international kaum welche gab). Der Camera Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie der Stadt Graz konnte schließlich 1989 erstmals überreicht werden – an Nan Goldin. Seitdem wird der Preis alle zwei Jahre von einer internationalen Jury vergeben.
Alle KünstlerInnen, die wir neben Nan Goldin in dieser Ausgabe (erneut) vorstellen, haben diesen Preis erhalten: Seiichi Furuya (1993), Allan Sekula (2001) und Joachim Koester (2013).

Mit dieser Ausgabe beginnt Alanna Lockward ihre Serie von Essays, die über das ganze Jahr hinweg die Kolumne bilden werden. Ihr Projekt einer »Dekolonialen Ästhetik/Aisthesis« und damit verbunden einer Dekolonisierung des Blicks scheint uns bereits in dieser Ausgabe einen wichtigen erweiterten Rahmen für die Diskussion der Moderne und ihrer Produktion von Sichtbarkeiten zu bilden.

 

 

Volltext

Camera Austria International 125 | 2014
Vorwort

Seit 1988 sind drei Beiträge zu Nan Goldin in unserer Zeitschrift erschienen – ein Brief von Christine Frisinghelli an die Künstlerin (1988), das Faksimile eines handschriftlichen Nachrufs auf Cookie Mueller (1992) und erst 1995 in der Ausgabe Nr. 50 ein Text von Peter Schjeldahl über ihre Porträts. In bemerkenswerter Weise widersetzte sie sich damit der Verknüpfung von Text und Bild, wie sie für Camera Austria International charakteristisch ist. Erstmals im Zusammenhang mit der Ausstellung und dem Symposion »Zeitgenossenschaft« publiziert, in denen es auch um eine »Radikalisierung des Persönlichen in bezug auf Wirklichkeit« ging, behaupten diese Beiträge von heute aus betrachtet ihre Präsenz nach wie vor über den Widerstand gegenüber einer diskursiven Verwertungslogik. Der Künstler Tobias Zielony – Gastredakteur der Nr. 114/2011 – hat Nan Goldin im Jänner 2014 in Berlin zu einem Gespräch getroffen, das nun nach vielen Jahren wieder einen Kontext für ihre Arbeiten eröffnet. Aber auch in diesem Gespräch geht es nicht primär um Fotografie oder Kunst, es geht um Menschen, deren Geschichten und Schicksale, um Drogen, Liebe, um AIDS.
Ausgangspunkt der vorliegenden Ausgabe ist ein Teil der Geschichte der Institution Camera Austria selbst. 1989 gab es vom Kulturreferat der Stadt Graz das Angebot, aus Anlass »150 Jahre Fotografie« mit größeren Projekten den Stellenwert der zeitgenössischen Fotografie in Graz zu unterstreichen. Es entstand zunächst die Ausstellung »Stadtpark Eins«, die, begleitet von der gleichnamigen Publikation, jene KünstlerInnen präsentierte, die im Umfeld des Forum Stadtpark Graz arbeiteten, zu dem damals auch Camera Austria gehörte. Darüber hinaus hatte der Herausgeber Manfred Willmann die Idee, FotokünstlerInnen, die durch »einen als wesentlich befundenen Beitrag […] in der Zeitschrift in ihrem Erscheinungszeitraum seit 1980« (so das Statut) mit Camera Austria verbunden sind, mit einem Preis zu würdigen (deren es damals auch international kaum welche gab). Der Camera Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie der Stadt Graz konnte schließlich 1989 erstmals überreicht werden – an Nan Goldin. Seitdem wird der Preis alle zwei Jahre von einer internationalen Jury vergeben.
Alle KünstlerInnen, die wir neben Nan Goldin in dieser Ausgabe (erneut) vorstellen, haben diesen Preis erhalten: Seiichi Furuya (1993), Allan Sekula (2001) und Joachim Koester (2013). Seiichi Furuya gehört selbst zu den Gründungsmitgliedern von Camera Austria; 1975 kam er über Wien nach Graz und beteiligte sich bald am Ausstellungsprogramm im Forum Stadtpark. Ein Porträt seiner Frau Christine ist auf dem Cover der ersten Ausgabe von Camera Austria abgebildet. Das autobiografische Archiv, das zwischen 1978, als die beiden sich kennenlernten, und Christines Selbstmord 1985 entstand, bildet den Kern der Arbeit Furuyas. Maren Lübbke-Tidow schreibt allerdings über eine andere zentrale Arbeit, die in den Jahren 1981 bis 1983 in Österreich entstanden ist. »Staatsgrenze« kann als ein Versuch gelesen werden, den Raum zu vermessen, in den ihn die Migration nach Europa geführt hat, wo er nun seit mehr als 35 Jahren lebt, aber immer auch ein Fremder geblieben ist. Zwischen diesen Bildern und der Gegenwart liegt mittlerweile nicht nur ein erheblicher zeitlicher Abstand – es handelt sich geradezu um einen anderen (nationalen) Raum, in dem die Grenze ihre vormalige Bedeutung vielleicht nicht verloren, zumindest aber eminent verändert hat. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Arbeit an Aktualität, gerade indem sie es ermöglicht, unterschiedliche Konzepte von Grenze aufeinander zu projizieren.
Dass Allan Sekula für unsere Arbeit eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich auch daran, dass zwischen 1988 und 2002 vier Beiträge von ihm in unserer Zeitschrift erschienen sind. 1996 stand sein zentrales Projekt »Fish Story« (1995) im Mittelpunkt des gemeinsam mit ihm konzipierten Symposion über Fotografie XVI. Die Verknüpfung von Fotografie und Ökonomie in vielen seiner Projekte – von »Aerospace Folk Tales« (1973) bis hin zu »TITANIC’s wake« (2000) – hat Fotografie selbst immer auch als eine Form der Produktion mitgedacht. In seinem bedeutendsten Essay, »Der Handel mit Fotografien« (1981, dt. 2002), formuliert Sekula diese grundsätzliche Frage: »Kann die traditionelle fotografische Darstellung, ob symbolisch oder realistisch, die alles beherrschende Logik der Warenform, der Abstraktion des Tausches, die die Kultur des Kapitalismus durchzieht, überschreiten?« Seine Kritik an Fotografie implizierte somit eine Kritik kapitalistischer und post-kapitalistischer Gesellschaft. Vielleicht ist das der Grund, weshalb seine Arbeit in den USA bisher kaum auf Resonanz gestoßen ist, wie aktuell auch Benjamin Buchloh beklagte: »The very criteria of this exclusion give us an astonishing insight, underscoring the fact that total depolitization appears to be the precondition of cultural recognition […].« (Artforum International, Jänner 2014). Da seine politisierende Art und Weise, das fotografische Bild zu denken, in unserer Zeitschrift bereits mehrfach nachzulesen ist, haben wir Kaucyila Brooke, langjährige Freundin und Kollegin Sekulas am California Institute of the Arts, gebeten, einen sehr persönlichen Text über die Arbeit von Allan Sekula zu schreiben.
Auch die künstlerischen Arbeiten von Joachim Koester, aktueller Preisträger des Jahres 2013, haben uns als Referenz in den letzten Jahren gedient. 2006 und 2009 haben wir die Serien »Histories« (2003 – 2005) und »Morning of the Magicians« (2005) in einem zweiteiligen Ausstellungsprojekt zum Konzeptuellen in der Fotografie gezeigt. Dabei standen Fragen über das Verhältnis von Bild und Wissen, Bild und Geschichte im Vordergrund. Durch diese Verhältnisse lässt sich auch die Arbeit Joachim Koesters kennzeichnen, geht es doch in verschiedenen Projekten der letzten Jahre immer wieder darum, vernachlässigte, fast vergessene Ereignisse oder historische Zusammenhänge der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wieder aufzugreifen. So spielt in seinen Arbeiten oftmals das Obskure, Irrationale, das Unbewusste oder Verdrängte der Entwicklung der Moderne eine Rolle: Spiritualismen, Okkultismen, Drogen, gescheiterte Projekte. Doch geht es ihm nicht allein darum, diese »andere« Seite der Moderne (erneut) sichtbar zu machen, sondern ihre Bedeutung für das, was wir Moderne nennen, hervorzukehren. Dies gilt auch für die Serie »Some Boarded Up Houses« (2009 – 2014): »Koesters Projekt […] macht […] die Überschneidung von räuberischen Kreditvergabepraktiken, spekulativem Kapitalismus und einem US-spezifischen Umgang mit dem Kauf, Verkauf und der Akzeptanz von Schulden an konkreten Orten fest«, wie Dan Byers in seinem Text über diese Arbeit schreibt.
Mit dieser Ausgabe beginnt Alanna Lockward ihre Serie von Essays, die über das ganze Jahr hinweg die Kolumne bilden werden. Ihr Projekt einer »Dekolonialen Ästhetik/Aisthesis« und damit verbunden einer Dekolonisierung des Blicks scheint uns bereits in dieser Ausgabe einen wichtigen erweiterten Rahmen für die Diskussion der Moderne und ihrer Produktion von Sichtbarkeiten zu bilden.
Mit der Herausgabe der 125. Ausgabe unserer Zeitschrift ist es wieder einmal höchst an der Zeit, unseren AbonnentInnen und LeserInnen sowie unseren Anzeigenkunden zu danken, dass sie nach wie vor unser Interesse an den spezifischen Fragestellungen teilen, die sich so nur in der Verbindung zwischen Fotografie und Kunst gewinnen lassen, wie wir glauben – und die nach wie vor in den Raum der Zeitschrift übersetzt werden können, obwohl dieses Medium in die Jahre gekommen und von zahllosen Online-Publikations- und -Distributionsformen umzingelt zu sein scheint. Wir schätzen an dieser Arbeit nach wie vor die Verbindlichkeit gegenüber künstlerischen Positionen sowie die Möglichkeit, ein Feld des Visuellen und des Wissens in dieser Form zu organisieren.

Reinhard Braun
und das Camera-Austria-Team
März 2014

 

Beiträge

Forum

Vorgestellt von der Redaktion

Marc Shoul
Markus Henttonen
Magdalena Pilko
Ruggero Maramotti
Claudia Rohrauer
Flavio Pescatori

Ausstellungen

Asco: No Movies
Nottingham Contemporary
de Appel arts centre, Amsterdam
CAPC Musée d’art contemporain de Bordeaux
STEPHANIE SCHWARTZ

América Latina, 1960–2013
Fondation Cartier pour l’art contemporain, Paris
Museo Amparo, Puebla
ELLIE ARMON AZOULAY

Willie Doherty: Unseen
City Factory Gallery, Derry
JULIA GWENDOLYN SCHNEIDER

Clemens von Wedemeyer: The CastMAXXI, Rom
RAINER BELLENBAUM

Yevgenia Belorusets: Euromaidan – Besetzte Räume
Projektraum OKK, Berlin
RAIMAR STANGE

Elisabeth Neudörfl: unseen aspects of a city
Wien Lukatsch, Berlin
Natalie Czech: I Cannot Repeat What I Hear
Capitain Petzel, Berlin
Roman Schramm: Today’s Lies, Tomorrow’s Truths
Croy Nielsen, Berlin
Erica Baum: The Public Imagination
Lüttgenmeijer, Berlin
JENS ASTHOFF

Anna Artaker: Rekonstruktion der Rothschild’schen Gemäldesammlung in Wien
Arbeiterkammer, Wien
TILL GATHMANN

Dani Gal: Do you suppose he didn’t know what he was doing,
or knew what he was doing and didn’t want anyone to know?
Kunst Halle Sankt Gallen
ANKE HOFFMANN

Rabih Mroué: Image(s), mon amour
CA2M Centro de Arte Dos de Mayo, Madrid
SALT Galata and SALT Beyoğlu, Istanbul
ALBERTO MARTÍN

Louise Lawler: Adjusted
Museum Ludwig, Köln
ELISABETH NEUDÖRFL

Markus Krottendorfer: Phantom of the Poles
Fotohof, Salzburg
CHRISTIAN EGGER

Map: Artistic Migrations and the Cold War
Zachęta Gallery, Warschau
JAKUB MAJMUREK

Christodoulos Panayiotou: Days and Ages
Moderna Museet Stockholm
ALEXANDER DE CUVELAND

Sharon Ya’ari: Leap Toward Yourself
Tel Aviv Museum of Art
REINHARD BRAUN

Barbara Probst
The National Museum of Photography, Copenhagen
JUDITH SCHWARZBART

Im Augenblick. Fotografien von Fred Stein
Jüdisches Museum, Berlin
RAINER BELLENBAUM

Anja Manfredi: Bewegungsbilder
OstLicht. Galerie für Fotografie, Wien
Ich bin eine andere Welt – künstlerische Autor_innenschaft
zwischen
Desubjektivierung und Rekanonisierung
xhibit, Akademie der bildenden Künste Wien
Mobilität III – Geld
Fotogalerie, Wien
Places of Transition
Freiraum quartier21, Wien
MANISHA JOTHADY

8. Biennale of Photography: The Passion of Photography – Focus On Afficionados
Poznań
JÖRG SCHELLER

Pierre Huyghe
Centre Georges Pompidou, Paris
Museum Ludwig, Köln
ANNE FAUCHERET

Bücher

Michael Danner: Critical Mass
Kehrer Verlag, Heidelberg 2013
ARAM LINTZEL

The Human Snapshot
LUMA Foundation, Feldmeilen
Center for Curatorial Studies, Bard College, Annandale-on-Hudson, NY
Sternberg Press, Berlin 2013
TACO HIDDE BAKKER

Steffen Siegel: Ich ist zwei andere. Jeff Walls Diptychon aus Bildern und Texten
Wilhelm Fink Verlag, München 2014
ANNA HÄUSLER

Anton Holzer: Fotografie in Österreich.
Geschichten, Entwicklungen, Protagonisten 1890 – 1955

Metroverlag, Wien 2013
ROLF SACHSSE

THE REVOLVING BOOKSHELF
Richard Whelan: This is War! Robert Capa at Work
Steidl Verlag, Göttingen
International Center of Photography, New York 2007
Lee Miller: Der Krieg ist aus. Deutschland 1945
Elefanten Press, Berlin 1995
Margaret Bourke-White: Deutschland, April 1945 (Dear Fatherland Rest Quietly)
Schirmer/Mosel, München 1979
JAN WENZEL

Impressum

Herausgeber: Reinhard Braun
Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie.
Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich

Redaktion: Christina Töpfer, Margit Neuhold (Karenz), Rebecca Wilton.

ÜbersetzerInnen: Dawn Michelle d’Atri, John Doherty, Wilfried Prantner, Josephine Watson.

Deutsches Korrektorat: Heidi Oswald
Englisches Lektorat: Dawn Michelle d’Atri

Dank: Kaucyila Brooke, Dan Byers, Mara Canela, Judith Carlton, Anna de Cassin, Max Cramer, Manon Engel, Vicky Godfrey, Nan Goldin, Seiichi Furuya, Marie Gellert Jensen, Markus Henttonen, Marieke Istha, Valentina Jager, Joachim Koester, Markus Krottendorfer, Alanna Lockward, Ruggero Maramotti, Flavio Pescatori, Maren Lübbke-Tidow, Anna Mándoki, Marta Miś, Martin Mlineritsch, Elisabeth Neudörfl, Magdalena Pilko, Magdalena Popławska, Claudia Rohrauer, Katie Shapiro, Marc Shoul, Roman Schramm, Sally Stein, Ina Steiner, Robert Stürzl, Clemens von Wedemeyer, Sylvia Winkler, Sharon Ya’ari, Theresia Ziehe, Tobias Zielony.

 

Copyright © 2014
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit vorheriger Genehmigung des Verlags.
Für übermittelte Manuskripte und Originalvorlagen wird keine Haftung übernommen.

ISBN 978-3-902911-07-0
ISSN 1015 1915
GTIN 4 19 23106 1600 5 00125