Benjamin Jones
Something, Like Nothing, Happens Anywhere

Infos

Eröffnung
14.9.2021, 18:00

Zeitraum
15.9.–10.10.2021

Öffnungszeiten
Di – So und an Feiertagen
10:00 – 18:00

Kuratiert von
Reinhard Braun

And then there were three more ist eine Reihe von drei Präsentationen, die im Jahr 2021 zusätzlich zum regulären Programm bei Camera Austria gezeigt werden.

Benjamin Jones, Ship Window 1, 2021.

Intro

Diese Ausstellung ist die zweite in einer Reihe von drei Präsentationen, die im Jahr 2021 zusätzlich zum regulären Programm bei Camera Austria gezeigt werden.

Wir haben uns an die Flüchtigkeit der (digitalen) fotografischen Bilder gewöhnt, sie entstehen überall, ohne groß geplant oder entworfen zu sein, sie zirkulieren, verschwinden wieder, oder sie werden auf unabsehbare Zeit in diversen Clouds irgendwo auf der Welt gespeichert. Ihre Manipulierbarkeit scheint unbegrenzt und diese Bilder scheinen nicht viel mehr beanspruchen zu wollen, als unsere Tagesabläufe oder das eine oder andere Ereignis zu markieren, um es »teilen« zu können. Obwohl wir uns der Tatsache bewusst sind, dass ihre Herstellung und Verbreitung mit erheblichem technologischen Aufwand verbunden ist und sie sich auf eine ganze Reihe von Konventionen stützen, die sich zudem laufend ändern, erscheint uns ihre Gegenwart unaufdringlich und geradezu »natürlich«.

Benjamin Jones hingegen arbeitet ausschließlich analog und in Schwarz-Weiß, er entwickelt und vergrößert alle seine Fotografien selbst in der Dunkelkammer. Sie sind keine flüchtigen Phantome auf Datenträgern, die erst materialisiert werden müssen; seine Fotografien sind von Beginn an eine materielle Praxis. Jones demonstriert durch seine und mit seiner Arbeit an fotografischen Bildern, was zusammenkommen muss, damit diese Bilder überhaupt entstehen können: eine Bewegung, ein Ort, eine Wahrnehmung, der Apparat, die Dunkelkammer, Papier, Chemie, Handwerk, Körper, Zeit – Fotografie ist noch immer ein komplexes Dispositiv aus Wissen und Handhabung, aus dem die Bilder hervorgehen und an das sie im Grunde gebunden bleiben. Und dieses Dispositiv bleibt den Bildern von Jones stets eingeschrieben: Sie zeigen Spuren von Handhabung, Emulsionsfehler bleiben zurück, Imperfektionen in der Entwicklung, Schwankungen im Kontrast – die Widerständigkeiten der verwendeten Materialien können nicht vollständig beherrscht werden.

Doch es sind gerade diese Unwägbarkeiten, die Jones zur Grundlage seiner Praxis macht. Der Künstler entwickelt Papiernegative, die er in einem nächsten Schritt zerschneidet und in den Arbeiten der Serie Binder (seit 2019) in unterschiedlichen Überlagerungen arrangiert. In einer neuen Serie verwendet er ein Set von ursprünglich durch diesen Prozess entstandenen großformatigen Papiernegativen, die in ihren Formen an die Binder-Serie erinnern. Jede dieser Versionen ist nicht nur ein Bild, sondern auch ein Ereignis – eine einzigartige Konstellation von verwendeten Materialien, Licht und Zeit, die wiederum durch eine neue Konstellation interpretiert wird.
Auf dieser Ebene der konkreten Dinglichkeit treffen sich die geometrischen Konstruktionen auch mit den Bildern von Reflexionen, Fenstern, Spiegeln, Schatten und Blicken. Auch dabei dreht es sich um Flüchtigkeit und Transparenz, um Lichtverhältnisse, die alle als fotografische Spuren gelesen werden können. Oft lässt sich auf den ersten Blick nicht feststellen, was in diesen – ebenso fragmentarischen, ausschnitthaften – Bildern überhaupt zu sehen ist, und der Grad ihrer Abbildhaftigkeit wird wiederum in der Dunkelkammer durch die Steuerung der Kontraste an eine Grenze geführt, an der sie sich mit den zugeschnittenen Papiernegativen »treffen«. Diese Grenze ist es auch, an der das Dispositiv der Fotografie zutage tritt und erkenntlich wird, die Grenze, an der Jones das Dispositiv der Fotografie für uns lesbar macht. Er verwendet keine Tricks, die er vor uns verborgen hält. In den Bildern selbst ist die Art und Weise mitausgestellt, in der er sie hergestellt hat. Damit bleibt die Fotografie etwas, was sie immer schon war: eine Konstruktion, eine Kulturtechnik, eine konstruierte Oberfläche, ein Gegenstand.

Jones zeigt uns nicht nur Dinge und Prozesse, er zeigt uns auch, was die Fotografie tut und wie sie es tut. Welche Entscheidungen sind an ihrer Herstellung und Verbreitung beteiligt, von wem werden sie getroffen, von welchen Institutionen verwaltet? Wenn seit Längerem schon von immateriellen Bildern geträumt wird, warum müssen für diese in so vielen Ländern des sogenannten Globalen Südens so viele Menschen unter unmenschlichen Bedingungen so viele Bodenschätze abbauen? Was gehört zum Dispositiv der digitalen Bilder? Was muss alles zusammenkommen, damit diese flüchtigen Bilder zirkulieren können, welche Konflikte und Widersprüche generieren sie? Was können also die einen (analogen) über die anderen (digitalen) Bilder aussagen, was können sie voneinander fordern, wodurch bleiben sie möglicherweise aufeinander bezogen?

Benjamin Jones (b. 1994 in Reading, GB) is an artist based in London (GB) who studied photography at the Bath School of Art and Design (GB). He was a Styria-Artist-in-Residence in Graz (AT) during 2019 and a graduate fellow at Spike Island, Bristol (GB), from 2016–17. Further, he is participating in an ongoing project with Gonzo Unit, Thessaloniki (GR) which will lead to a residency in 2022. Upcoming and recent projects include: The Actual Life of a Thought (2021, Loom Gallery, Milan, IT), Something, Like Nothing, Happens Anywhere (2021, Camera Austria, Graz), 4 frogs (2021, DUM projects space, Ljubljana, SI), Analogue Processes (2020, Antonini, Milan), Shades of Grey (2020, Galerie artepari, Graz), Glashaus (2019, Schaumbad – Freies Atelierhaus Graz). Jones’s work was recently published in the catalogue Glashaus and a conversation between the artist and Reinhard Braun entitled “Nothing, Like Something, Happens Anywhere” was presented on Camera Austria’s website in 2020.

Volltext

Benjamin Jones
Something, Like Nothing, Happens Anywhere

Diese Ausstellung ist die zweite in einer Reihe von drei Präsentationen, die im Jahr 2021 zusätzlich zum regulären Programm bei Camera Austria gezeigt werden.

Wir haben uns an die Flüchtigkeit der (digitalen) fotografischen Bilder gewöhnt, sie entstehen überall, ohne groß geplant oder entworfen zu sein, sie zirkulieren, verschwinden wieder, oder sie werden auf unabsehbare Zeit in diversen Clouds irgendwo auf der Welt gespeichert. Ihre Manipulierbarkeit scheint unbegrenzt und diese Bilder scheinen nicht viel mehr beanspruchen zu wollen, als unsere Tagesabläufe oder das eine oder andere Ereignis zu markieren, um es »teilen« zu können. Obwohl wir uns der Tatsache bewusst sind, dass ihre Herstellung und Verbreitung mit erheblichem technologischen Aufwand verbunden ist und sie sich auf eine ganze Reihe von Konventionen stützen, die sich zudem laufend ändern, erscheint uns ihre Gegenwart unaufdringlich und geradezu »natürlich«.

Benjamin Jones hingegen arbeitet ausschließlich analog und in Schwarz-Weiß, er entwickelt und vergrößert alle seine Fotografien selbst in der Dunkelkammer. Sie sind keine flüchtigen Phantome auf Datenträgern, die erst materialisiert werden müssen; seine Fotografien sind von Beginn an eine materielle Praxis. Jones demonstriert durch seine und mit seiner Arbeit an fotografischen Bildern, was zusammenkommen muss, damit diese Bilder überhaupt entstehen können: eine Bewegung, ein Ort, eine Wahrnehmung, der Apparat, die Dunkelkammer, Papier, Chemie, Handwerk, Körper, Zeit – Fotografie ist noch immer ein komplexes Dispositiv aus Wissen und Handhabung, aus dem die Bilder hervorgehen und an das sie im Grunde gebunden bleiben. Und dieses Dispositiv bleibt den Bildern von Jones stets eingeschrieben: Sie zeigen Spuren von Handhabung, Emulsionsfehler bleiben zurück, Imperfektionen in der Entwicklung, Schwankungen im Kontrast – die Widerständigkeiten der verwendeten Materialien können nicht vollständig beherrscht werden.

Doch es sind gerade diese Unwägbarkeiten, die Jones zur Grundlage seiner Praxis macht. Der Künstler entwickelt Papiernegative, die er in einem nächsten Schritt zerschneidet und in den Arbeiten der Serie Binder (seit 2019) in unterschiedlichen Überlagerungen arrangiert. In einer neuen Serie verwendet er ein Set von ursprünglich durch diesen Prozess entstandenen großformatigen Papiernegativen, die in ihren Formen an die Binder-Serie erinnern. Jede dieser Versionen ist nicht nur ein Bild, sondern auch ein Ereignis – eine einzigartige Konstellation von verwendeten Materialien, Licht und Zeit, die wiederum durch eine neue Konstellation interpretiert wird.
Auf dieser Ebene der konkreten Dinglichkeit treffen sich die geometrischen Konstruktionen auch mit den Bildern von Reflexionen, Fenstern, Spiegeln, Schatten und Blicken. Auch dabei dreht es sich um Flüchtigkeit und Transparenz, um Lichtverhältnisse, die alle als fotografische Spuren gelesen werden können. Oft lässt sich auf den ersten Blick nicht feststellen, was in diesen – ebenso fragmentarischen, ausschnitthaften – Bildern überhaupt zu sehen ist, und der Grad ihrer Abbildhaftigkeit wird wiederum in der Dunkelkammer durch die Steuerung der Kontraste an eine Grenze geführt, an der sie sich mit den zugeschnittenen Papiernegativen »treffen«. Diese Grenze ist es auch, an der das Dispositiv der Fotografie zutage tritt und erkenntlich wird, die Grenze, an der Jones das Dispositiv der Fotografie für uns lesbar macht. Er verwendet keine Tricks, die er vor uns verborgen hält. In den Bildern selbst ist die Art und Weise mitausgestellt, in der er sie hergestellt hat. Damit bleibt die Fotografie etwas, was sie immer schon war: eine Konstruktion, eine Kulturtechnik, eine konstruierte Oberfläche, ein Gegenstand.

Jones zeigt uns nicht nur Dinge und Prozesse, er zeigt uns auch, was die Fotografie tut und wie sie es tut. Welche Entscheidungen sind an ihrer Herstellung und Verbreitung beteiligt, von wem werden sie getroffen, von welchen Institutionen verwaltet? Wenn seit Längerem schon von immateriellen Bildern geträumt wird, warum müssen für diese in so vielen Ländern des sogenannten Globalen Südens so viele Menschen unter unmenschlichen Bedingungen so viele Bodenschätze abbauen? Was gehört zum Dispositiv der digitalen Bilder? Was muss alles zusammenkommen, damit diese flüchtigen Bilder zirkulieren können, welche Konflikte und Widersprüche generieren sie? Was können also die einen (analogen) über die anderen (digitalen) Bilder aussagen, was können sie voneinander fordern, wodurch bleiben sie möglicherweise aufeinander bezogen?

Benjamin Jones (b. 1994 in Reading, GB) is an artist based in London (GB) who studied photography at the Bath School of Art and Design (GB). He was a Styria-Artist-in-Residence in Graz (AT) during 2019 and a graduate fellow at Spike Island, Bristol (GB), from 2016–17. Further, he is participating in an ongoing project with Gonzo Unit, Thessaloniki (GR) which will lead to a residency in 2022. Upcoming and recent projects include: The Actual Life of a Thought (2021, Loom Gallery, Milan, IT), Nothing, Like Something, Happens Anywhere (2021, Camera Austria, Graz), 4 frogs (2021, DUM projects space, Ljubljana, SI), Analogue Processes (2020, Antonini, Milan), Shades of Grey (2020, Galerie artepari, Graz), Glashaus (2019, Schaumbad – Freies Atelierhaus Graz). Jones’s work was recently published in the catalogue Glashaus and a conversation between the artist and Reinhard Braun entitled “Nothing, Like Something, Happens Anywhere” was presented on Camera Austria’s website in 2020.

Ausstellungsansichten

  • Benjamin Jones, Autumn in Profile 2019/20.

  • Benjamin Jones, Binder #20, 2021.

  • Benjamin Jones, Binder #22, 2021.

  • Benjamin Jones, Binder #25, 2021.

  • Benjamin Jones, Plane Shadow 2017/20.

  • Benjamin Jones, Ship Window 1, 2021.

  • Benjamin Jones, Ship Window 2, 2021.

  • Benjamin Jones, The First Grey Second #1, 2021.

  • Benjamin Jones, The First Grey Second #2, 2021.

  • Benjamin Jones, The First Grey Second #3, 2021.

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Materialien