Camera Austria International

113 | 2011

Preis

€16 In den Warenkorb

  • TOM HOLERT
    Sanja Iveković: Vom Summen der Gemeinschaft. On The Barricades
  • SANJA IVEKOVIĆ
  • SEBASTIAN CICHOCKI
    Yael Bartana: We Will Be Strong in Our Weakness
  • YAEL BARTANA
  • RAIMAR STANGE
    Heidrun Holzfeind: Zur Innenseite der Aussenseite(r). 4 Fragmente
  • HEIDRUN HOLZFEIND
  • JULIA BRYAN-WILSON
    Sharon Hayes
  • SHARON HAYES
  • WALID SADEK
    A Time to See 1/4. Die Gegenwart des Bildes

Vorwort

In einem Interview für Camera Austria International Nr. 107 (2009) hat Artur Żmijewski auf die Frage, in welchen Diskurszusammenhängen er sich als Produzent seiner radikal-dokumentarischen fotografischen und filmischen Bilder verortet, mit einer Gegenfrage geantwortet: »Welcher Diskurs sollte meine Aktivität regieren? Welcher sollte sie kritisieren?« Darin zeigt sich ein Insistieren auf Autonomie im Feld der zeitgenössischen Kunst, deren Grenzen zwar fixiert scheinen, das aber durch die sich in ihm bewegenden AkteurInnen gleichermaßen immer wieder neu verhandelt wird. Programmatisch für die Arbeit an unseren Zeitschriften- und Ausstellungsprojekten ist, nicht nur die Gebrauchsweisen von Fotografie immer wieder neu auszuloten, sondern mit der kritischen Reflexion über ihre Praktiken auch unser Handeln und Mit-Bildern-Sein immer wieder neu zu sondieren und an Fragestellungen anzubinden, die über das Feld der Kunst hinausweisen.
So bildet die aktuelle Frage nach »Gemeinschaft« den Schwerpunkt nicht nur unserer Ausstellungstätigkeit des Jahres 2011, sie wird sich auch in der Zeitschrift abbilden. In zwei Projekten, »Communitas: Die unrepräsentierbare Gemeinschaft« und »Communitas: Unter anderen« wird der zunehmenden sozialen Spaltung von Gesellschaften nachgegangen, der Dominanz identitärer und ausschließender Diskurse. Zu beobachten sind zahlreiche Versuche, vermeintlich stabile, überschaubare, gemeinschaftsähnliche Formationen zu bilden, die sich vor allem durch Gemeinsamkeiten definieren, die dadurch aber unausgesetzt »Andere« produzieren, die diese Formationen in ihrer Identität gefährden und bedrohen. Gegen diese Entwürfe von In- und Exklusion wollen wir ein Denken über Gemeinsam-Sein produktiv machen, das gerade nicht auf Identität insistiert, das nicht ständig Ängste vor den »Anderen« produziert, ein Denken, welches schließlich Miteinander-Sein weder als Drinnen- noch als Draußen-Sein, sondern als Seite-an-Seite-Sein beschreibt.

Volltext

Camera Austria International 113 | 2011
Vorwort

In einem Interview für Camera Austria International Nr. 107 (2009) hat Artur Żmijewski auf die Frage, in welchen Diskurszusammenhängen er sich als Produzent seiner radikal-dokumentarischen fotografischen und filmischen Bilder verortet, mit einer Gegenfrage geantwortet: »Welcher Diskurs sollte meine Aktivität regieren? Welcher sollte sie kritisieren?« Darin zeigt sich ein Insistieren auf Autonomie im Feld der zeitgenössischen Kunst, deren Grenzen zwar fixiert scheinen, das aber durch die sich in ihm bewegenden AkteurInnen gleichermaßen immer wieder neu verhandelt wird. Programmatisch für die Arbeit an unseren Zeitschriften- und Ausstellungsprojekten ist, nicht nur die Gebrauchsweisen von Fotografie immer wieder neu auszuloten, sondern mit der kritischen Reflexion über ihre Praktiken auch unser Handeln und Mit-Bildern-Sein immer wieder neu zu sondieren und an Fragestellungen anzubinden, die über das Feld der Kunst hinausweisen.
So bildet die aktuelle Frage nach »Gemeinschaft« den Schwerpunkt nicht nur unserer Ausstellungstätigkeit des Jahres 2011, sie wird sich auch in der Zeitschrift abbilden. In zwei Projekten, »Communitas: Die unrepräsentierbare Gemeinschaft« und »Communitas: Unter anderen« wird der zunehmenden sozialen Spaltung von Gesellschaften nachgegangen, der Dominanz identitärer und ausschließender Diskurse. Zu beobachten sind zahlreiche Versuche, vermeintlich stabile, überschaubare, gemeinschaftsähnliche Formationen zu bilden, die sich vor allem durch Gemeinsamkeiten definieren, die dadurch aber unausgesetzt »Andere« produzieren, die diese Formationen in ihrer Identität gefährden und bedrohen. Gegen diese Entwürfe von In- und Exklusion wollen wir ein Denken über Gemeinsam-Sein produktiv machen, das gerade nicht auf Identität insistiert, das nicht ständig Ängste vor den »Anderen« produziert, ein Denken, welches schließlich Miteinander-Sein weder als Drinnen- noch als Draußen-Sein, sondern als Seite-an-Seite-Sein beschreibt.
Vier an den Ausstellungsprojekten beteiligte Künstlerinnen – Yael Bartana, Sharon Hayes, Heidrun Holzfeind und Sanja Iveković – stellen wir Ihnen in der vorliegenden Ausgabe von Camera Austria International vor. Als Gemeinsamkeit erscheint uns, dass sie mit ihren Methoden und Strategien einen politischen Raum eröffnen, der Geschichte in der Gegenwart aktualisiert und eine Symbolisierung von Politik im Feld der Kunst überschreitet.
Mit ihrem Manifest, das zu einer jüdischen Renaissance in Polen aufruft, beschwört die israelische Künstlerin Yael Bartana das Phantasma einer identitär-jüdischen Gemeinschaft, wobei sie sich, Archivmaterial mit eigenen Bildern kombinierend, die propagandistische Bild- und Zeichenpolitik der zionistischen Bewegung offensiv zu eigen macht. Für diese Ausgabe hat sie in Zusammenarbeit mit dem Autor Sebastian Cichocki einen Beitrag entworfen, der mit seinem Anrufungscharakter und den vielfachen Brechungen auf Text- wie auch auf grafischer Ebene deutliche Autonomie für sich reklamiert. Wir freuen uns, dass wir mit diesem Beitrag bereits in das gleichnamige Projekt Bartanas Einblick geben können, mit dem die Künstlerin im Sommer den Polnischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielen wird.
Als Gemeinschaftsprojekt ist auch der Beitrag von Sharon Hayes und Julia Bryan-Wilson entstanden: Sie etablieren einen »anderen« als den gängigen Diskurs über Bilder und führen ihren Dialog aus den Bildern selbst heraus. »Es ist […] eine Möglichkeit, zu neuen Formen des Hindenkens zum Visuellen und Hindurchdenkens durch das Visuelle zu gelangen. Und […] auch eine Möglichkeit, die komplexen und miteinander verflochtenen Genealogien offenzulegen, die zu unserer jeweiligen Identität als Schreiberin bzw. Künstlerin beitragen. Worin besteht die Ethik eines solchen Denkens durch Bilder, eines solchen ›Gebrauchs‹ von Bildern zum Auslösen von Gedanken, eines solchen Ziehens von vielleicht arbiträren Parallelen zwischen ihnen und weg von ihnen?«
Die kroatische Künstlerin und Camera Austria-Preisträgerin 2009 Sanja Iveković hat mit ihrer jüngsten Arbeit »On the Barricades« (2010) erneut eines ihrer Anti-Monumente errichtet, in denen sie die traumatische Erfahrung von eskalierender Staatsgewalt und ihrer staatlich verordneten kollektiven Verdrängung bearbeitet: Iveković verwendete Porträtfotografien von Menschen, die während der Unruhen in Gwangju im Mai 1980 vom Militär und der Polizei umgebracht wurden bzw. die seither als vermisst gelten. Sie bearbeitet hier die Frage, wie eine »kollektive traumatische Erfahrung verarbeitet werden [kann], die aus der unmittelbaren Verbindung von Emanzipation und Selbstermächtigung im Erleben ungeahnter eigener Potenziale mit der lähmenden Ohnmacht im Angesicht massiver militärischer Repression resultiert«, so Tom Holert in seinem Text zur Arbeit.
In ihrer dokumentarischen Arbeit bedient sich Heidrun Holzfeind oftmals der Methoden der empirischen Sozialforschung. Beispielgebend hierfür sind ihre Videointerviews mit BewohnerInnen von »Colonnade Park« in Newark, einer Wohnanlage von Mies van der Rohe, die 1960 fertiggestellt wurde. Holzfeinds dokumentarische Arbeit befragt die immanenten architektonischen und sozialen Utopien, indem sie diese mit der zum Teil dystopischen Weltsicht der BewohnerInnen konterkariert. Raimar Stange beschreibt in seinem begleitenden Essay diese unterschiedlichen Perspektiven auf Gesellschaft und ihre Probleme, die die verschiedenen, in den Arbeiten von Holzfeind präsenten Sichtweisen erzeugen, als zugleich künstlerische Methode wie politische Fragestellung.
Schließlich beginnt in dieser Ausgabe auch die Kolumne des in Beirut lebenden Künstlers und Autors Walid Sadek, die er mit »Eine Zeit zum Sehen« betitelt hat: Festgeschriebene Darstellungskonventionen und Rezeptionsweisen durch das Sehen selbst und durch das Schreiben über das Sehen zu durchbrechen, führen ihn zu Fragen der Repräsentation von politischen Ereignissen. Seine Beiträge sprechen damit zentrale Fragen im Umgang mit bildlichen Repräsentationen von Zeit und/oder Politik genauso wie nach dem Dokumentarischen als politische Praxis an, die auch uns in den kommenden Ausgaben beschäftigen werden.
Wir freuen uns, Ihnen mit der ersten Ausgabe von Camera Austria International im Jahr 2011 ein überarbeitetes Layout vorlegen zu können. Gemeinsam mit dem Buchgestalter und Typografen Till Gathmann haben wir uns durch die mittlerweile mehr als dreißigjährige Geschichte der Zeitschrift gearbeitet, mit dem Ziel, diese zugleich zu aktualisieren und in ihrer Klassizität zu betonen. Das besondere Verhältnis von Text und Bild, von visueller Stringenz und theoretischem Diskurs galt es herauszuarbeiten. Aus diesem Grund haben die augenfälligsten Änderungen mit der Strukturierung und der Lesbarkeit der Texte zu tun. Zugleich erhielten die Abbildungen größeren Raum und wurden teilweise vom Text freigestellt. Am deutlichsten zeigt sich dies im »Forum«, der Plattform für im internationalen Kontext noch weitgehend unbekannte Künstlerinnen und Künstler, die von nun an immer wieder von KünstlerInnen selbst kuratiert wird. In der vorliegenden Ausgabe konnten wir Peter Piller dazu gewinnen, die Auswahl vorzunehmen.
Die genuine Position von Camera Austria International wurde insbesondere von Christine Frisinghelli und Manfred Willmann seit der ersten Ausgabe 1980 begründet und von ihnen seither kontinuierlich fortgeschrieben, wodurch das Projekt Camera Austria mit seinen vielfältigen Aktivitäten zu einer der wichtigsten Plattformen im Feld der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie in Europa avanciert ist. An diesem Beitrag zum Profil der Debatte über Fotografie wollen wir anknüpfen, um diese genuine Position in Zukunft noch stärker hervorzuheben. Insofern ist die typographische Überarbeitung auch als ein Signal zu verstehen, weiterhin an der Spezialisierung festzuhalten und sich gerade nicht modischen Erscheinungsweisen zu unterwerfen. Wir sehen uns weiterhin dem Fotografischen als spezifisches Terrain innerhalb der Bild-Register der Gegenwart verpflichtet: auf Genauigkeit in der Auseinandersetzung insistierend, in enger Kooperation mit KünstlerInnen und AutorInnen arbeitend, die zu außergewöhnlichen Bildbeiträgen führt und zu fundierter theoretischer Durcharbeitung der jeweiligen Positionen.

Maren Lübbke-Tidow,
Reinhard Braun
März 2011

Beiträge

Forum

Vorgestellt von Peter Piller:

ANDRZEJ STEINBACH

ULRIKE HANNEMANN

MALWINE RAFALSKI

KNUT SENNEKAMP

BJÖRN SIEBERT

KLAUS PICHLER

Ausstellungen

Hyper Real.
Die Passion des Realen in Malerei und Fotografie
MUMOK, Wien
Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen
Ludwig Múzeum, Budapest
MARGIT NEUHOLD

Der Rote Bulli.
Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie
NRW- Forum, Düsseldorf
WOLFGANG VOLLMER

New Topographics
Landesgalerie Linz am Oberösterreichischen Landesmuseum, Linz
Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur, Köln
ESTHER RUELFS

Month of Photography
Paris
LUCIA PESAPANE

Geta Bratescu: Alteritate
Galerie Mezzanin, Wien
Matthias Herrmann: Privacy, Property, Photography, Paraphernalia
Galerie Steinek, Wien
Juergen Teller: Text und Bilder
Christine König Galerie, Wien
MANISHA JOTHADY

Hans–Peter Feldmann: An Art Exhibition
Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía
Madrid
ALBERTO MARTÍN

Katarzyna Kozyra: Casting
Zachęta National Gallery of Art, Warsaw
KAROL SIENKIEWICZ

The Year of Russia in France
States of Artifice…
Etats de l´Artifice
Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris
MICHÉLE COHEN HADRIA

Hilary Lloyd
Rawen Row, London
MARTIN HERBERT

Natalie Czech: Je n´ai rien à dire. Seulement à montrer
Galerie Katharina Bittel, Hamburg
KERSTIN BRANDES

Nan Goldin: Berlin Work
JULIA GWENDOLYN SCHNEIDER

Mark Morrisroe
Fotomuseum Winterthur
HANS-JÜRGEN HAFNER

Pictures by Women: A History of Modern Photography
The Museum of Modern Art, New York
RACHEL BAUM

David Goldblatt: TJ 1948 – 2010
Fondation Henri Cartier-Bresson
KERSTIN STREMMEL

Bücher

Not in Fashion. Mode und Fotografie der 90er Jahre
Kerber Verlag, Bielefeld 2010
CAROLIN FÖRSTER

Stephen Willats: Art Society Feedback
Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2010
Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2010
BARBARA HESS

Subversive Praktiken / Practices. Kunst unter Bedingungen politischer Repression. 60er–80er / Südamerika / Europa
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010
CHRISTIAN HÖLLER

Leo Kandl: Free Portraits
Fotohof edition, Salzburg 2010
DANIELA BILLNER

Dance With Camera
ICA, University of Pennsylvania 2010
NAOKO KALTSCHMIDT

Katharina Sieverding: Testcuts. Projected Data Images
intermedia art institute (imai), Düsseldorf,
DuMont Buchverlag, Köln 2010
GISLIND NABAKOWSKI

Impressum

Herausgeber: Reinhard Braun
Verlag, Eigentümer: Verein CAMERA AUSTRIA. Labor für Fotografie und Theorie. Lendkai 1, 8020 Graz, Österreich

Chefredaktion: Maren Lübbke-Tidow (V.i.S.d.P.)
Redaktion: Tanja Gassler, Margit Neuhold, Sabine Spilles

Englisches Lektorat: Dawn Michelle d´Atri, Aileen Derieg
ÜbersetzerInnen: Aileen Derieg, John Doherty, Ewa Kaningowska-Gedroyc, Emilia Ligniti, Wilfried Prantner, Josephine Watson, Richard Watts

Dank / Acknowledgements:
Yael Bartana, Stéphane Bauer, Jochen Becker, Kirsty Bell, Rainer Bellenbaum, Daniela Billner, Julia Bryan-Wilson, Peggy Buth, Sebastian Cichocki, Iris Dressler, Silvia Eiblmayr, Till Gathmann, Theresa Haigermoser, Hauser & Wirth, Sharon Hayes, Jon Hendricks, Tom Holert, Heidrun Holzfeind, Brigitte Huck, Sanja Iveković, Jochen Lempert, Susanna Kirschnik, Sandra Križić Roban, Peter Piller, Wolfgang Podbregar, P.P.O.W. Gallery (NY), Walid Raad, Marie Röbl, Emily Roysdon, Walid Sadek, Allison Smith, Special Collections and University Archives (Eugene), Raimar Stange, Adam Szymczyk, Friedrich Tietjen, Barbara Trautmann, Franz Vorraber, Maria Walter, Saskia Wendland, Hannah Wróblewska, Tobias Zielony, Artur Żmijewski

Copyright © 2011
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ISBN     978-3-900508-86-9
ISSN     1015-1915